Klimaschutz beginnt beim Straßenerhalt Wie digitale Zustandsdaten Kommunen helfen, Kosten, CO₂ und Mikroplastik zu reduzieren

GZ Online, 12. März '26 | Umwelt & Lebensraum
von Michael von Hassel
Markus Kainz
Markus Kainz | vialytics.de

Straßen gehören zu den größten kommunalen Vermögenswerten – und zugleich zu den teuersten. Dennoch wird ihr Zustand in der kommunalen Klimadebatte bislang kaum thematisiert. Dabei hat gerade das Straßenmanagement erhebliche Auswirkungen auf Ressourcenverbrauch, CO₂-Emissionen und kommunale Haushalte. Darauf machte Markus Kainz vom Unternehmen vialytics beim Kongress „Bayerns beste kommunale Umweltbeispiele“ im Rahmen der Landshuter Umweltmesse aufmerksam.

Straßen als unterschätzter Klimafaktor

In einer durchschnittlichen deutschen Kommune mit etwa 100 Kilometern Straßenfläche ergibt sich schnell eine versiegelte Fläche von 50 bis 80 Hektar. Allein der jährliche Erhaltungsbedarf liegt nach Studien bei rund 750.000 bis einer Million Euro. Werden notwendige Maßnahmen aufgeschoben, steigen die Kosten exponentiell: Verschlechtert sich der Straßenzustand über Jahre hinweg, können aus zehn Millionen Euro Sanierungsbedarf schnell 30 bis 50 Millionen werden.

Hinzu kommt der hohe Ressourcenverbrauch. Schon die Sanierung eines kurzen Straßenabschnitts verursacht erhebliche Emissionen: Für 100 Meter Asphalt mit einer 16 Zentimeter starken Deckschicht fallen laut Kainz rund 11,5 Tonnen CO₂ an. „Straßenbau ist nicht nur teuer, sondern auch emissionsintensiv“, betonte der Referent.

Schlechte Straßen erhöhen Mikroplastik

Neben Kosten und Emissionen spielt auch ein oft übersehener Umweltaspekt eine Rolle: der Reifenabrieb. Deutschlandweit entstehen jährlich rund 100.000 Tonnen Mikroplastik durch Reifenverschleiß. Ein schlechter Straßenzustand verstärkt diesen Effekt zusätzlich.

Der Grund liegt in der sogenannten Rauheit der Fahrbahn. Risse, Ausbrüche und Unebenheiten erhöhen den Abrieb von Reifen deutlich. Studien zufolge kann er bei beschädigten Straßen um etwa zwölf Prozent steigen. Für eine Stadt mittlerer Größe bedeutet das mehrere Tonnen zusätzlichen Mikroplastikeintrags pro Jahr.

„Jede Kommune kann diesen Einfluss aktiv reduzieren – indem sie ihre Straßen in gutem Zustand hält“, so Kainz.

Problem: Kommunen arbeiten oft reaktiv

In der Praxis arbeiten viele Kommunen jedoch überwiegend reaktiv. Aufmerksamkeit erhalten vor allem bereits stark beschädigte Straßen, weil Bürger sie melden oder Bauhofmitarbeiter akute Schäden erkennen. Kleine Schäden auf noch guten Straßen bleiben dagegen oft unbemerkt – obwohl gerade dort präventive Maßnahmen besonders kostengünstig wären.

Wird der richtige Zeitpunkt verpasst, verschlechtert sich der Zustand schnell und eine günstige Instandhaltung wird zur teuren Komplettsanierung.

Digitale Zustandsanalyse per Smartphone

Genau hier setzt das Konzept von vialytics an. Das Unternehmen entwickelt digitale Lösungen für das kommunale Straßenmanagement. Statt auf sporadische Kontrollen und handschriftliche Notizen zu setzen, können Kommunen ihre Straßen systematisch digital erfassen.

Das Prinzip ist vergleichsweise einfach: Ein Smartphone wird hinter der Windschutzscheibe eines Fahrzeugs befestigt. Während der Befahrung erstellt die Kamera alle vier Meter ein Bild der Fahrbahn. Eine KI wertet diese Aufnahmen anschließend automatisch aus, erkennt Schäden wie Risse oder Ausbrüche und ordnet sie georeferenziert einer digitalen Karte zu.

Bereits am nächsten Tag steht eine vollständige Zustandsanalyse zur Verfügung. „Damit erhalten Kommunen erstmals einen objektiven Überblick über ihr gesamtes Straßennetz“, erklärte Kainz.

Mehr als nur Straßen

Die Datenerfassung kann darüber hinaus für zahlreiche weitere kommunale Aufgaben genutzt werden. Auch Schachtdeckel, Wasserabläufe, Verkehrszeichen oder Markierungen lassen sich automatisch erfassen und bewerten. Selbst der Zustand von Verkehrszeichen – etwa Verschmutzungen oder Verdeckungen durch Bewuchs – kann dokumentiert werden.

Zusätzlich können Bauhofmitarbeiter über eine App Schäden oder Aufgaben direkt per Foto und Sprachkommentar melden. Das System ordnet diese Informationen automatisch einer Karte zu und erleichtert so Planung und Arbeitsorganisation.

Auch Inventare – etwa Mülleimer, Hundekotbehälter, Bänke oder Spielgeräte – lassen sich digital verwalten. Dadurch bleibt kommunales Wissen auch dann erhalten, wenn erfahrene Mitarbeiter in den Ruhestand gehen.

Dokumentation schafft Rechtssicherheit

Ein weiterer Vorteil liegt in der Dokumentation. Kommunen können den Zustand ihrer Straßen regelmäßig erfassen und so Veränderungen über Jahre hinweg nachvollziehen. Das erleichtert auch die Kontrolle von Gewährleistungsfristen, etwa nach Bauarbeiten für Breitband, Fernwärme oder Leitungsverlegungen.

Ohne solche Nachweise müssen Kommunen Schäden oft auf eigene Kosten beheben. Mit digital dokumentierten Zuständen lassen sich dagegen Verantwortlichkeiten deutlich besser nachweisen.

Prävention spart Geld und Emissionen

Für Kainz steht deshalb fest: Modernes Straßenmanagement ist nicht nur eine Frage effizienter Verwaltung, sondern auch ein Beitrag zum Klimaschutz.

„Der größte Schaden entsteht, wenn wir zu spät reagieren“, sagte er. Wer Schäden früh erkennt und präventiv handelt, verlängert die Lebensdauer von Straßen um fünf bis zehn Jahre – und spart gleichzeitig erhebliche Kosten, Ressourcen und Emissionen.

Oder, anders formuliert: Klimaschutz beginnt manchmal dort, wo man ihn am wenigsten vermutet – beim rechtzeitigen Erhalt der kommunalen Straßen.

Michael von Hassel

Michael von Hassel

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