Bayerns beste kommunale Umweltbeispiele – Praxisbeispiel aus Niederbayern Industriebrache wird Kulturzentrum: Wie Schönberg seine alte Bekleidungsfabrik neu belebt hat
von Michael von Hassel

In vielen Kommunen stellt sich früher oder später die gleiche Frage: Was tun mit großen Industriegebäuden im Ortskern, wenn Produktion und Arbeitsplätze verschwinden? Der Markt Schönberg im Landkreis Freyung-Grafenau hat darauf bereits vor mehr als zwei Jahrzehnten eine Antwort gefunden – und damit ein Beispiel für nachhaltige Ortsentwicklung geschaffen. Beim Kongress „Bayerns beste kommunale Umweltbeispiele“ stellte Bürgermeister Herbert Kern jun. das Kunst- und Kulturzentrum „KUK“ vor, das aus einer ehemaligen Bekleidungsfabrik entstanden ist.
Vom industriellen Herzstück zur Problemimmobilie
Die Textilfabrik prägte über Jahrzehnte das wirtschaftliche Leben der rund 3.000 Einwohner zählenden Marktgemeinde im Bayerischen Wald. In den 1960er- bis 1980er-Jahren arbeiteten dort zeitweise 300 bis 400 Frauen – ein bedeutender Arbeitgeber für die gesamte Region. Mit der Verlagerung der Produktion in ein neues Industriegebiet stand das Gebäude jedoch plötzlich leer.
Für die Gemeinde entstand damit ein typisches Problem vieler ländlicher Orte: Eine große Industriebrache mitten im Ortskern. Leerstand, baulicher Verfall und Sicherheitsprobleme nahmen zu. Gleichzeitig lag das Areal in unmittelbarer Nähe zu wichtigen Einrichtungen wie Schwimmbad, Sportanlagen sowie Markt- und Kirchplatz – also in zentraler Lage für das Ortsleben.
Ziel: Ein offener Begegnungsort für den Ort
Die Kommune entschied sich früh, das Gelände aktiv zu entwickeln. Ziel war es, aus der ehemaligen Fabrik einen offenen Treffpunkt für Kunst, Kultur und Vereine zu schaffen. Die Planung orientierte sich dabei an mehreren Grundprinzipien:
- Nachhaltige Umnutzung vorhandener Gebäude statt Neubau auf der grünen Wiese
- Flexible Raumstrukturen für unterschiedliche Veranstaltungsformate
- Integration verschiedener Nutzergruppen – von Vereinen über Kulturschaffende bis zur Jugend
- Stärkung des gesellschaftlichen Lebens im Ort
Ein zentraler Baustein ist der große Veranstaltungssaal, der bis zu 600 Besucher fasst und bei Bedarf unterteilt werden kann. Ergänzt wird er durch kleinere Räume für Proben, Ausstellungen und Treffen.
Raum für Vereine und Jugend
Besonderes Augenmerk lag auf der Einbindung der örtlichen Vereine. Heute nutzen unter anderem der Heimat- und Volkstrachtenverein, die Schützen, der Geflügelzuchtverein sowie der Bund Naturschutz das Gebäude. Auch Proberäume für Musikgruppen und ein Jugendtreff wurden eingerichtet.
Gerade der Jugendtreff hat sich als wichtig erwiesen. Wie Kern betonte, schwankt die Nutzung je nach Engagement der Verantwortlichen – doch grundsätzlich sei es entscheidend, jungen Menschen einen eigenen Ort im Gemeindeleben zu bieten.
Nachhaltigkeit als Leitprinzip
Ein Schwerpunkt des Projekts lag auf ökologischem Bauen und Ressourcenschonung. Rund 95 Prozent der bestehenden Bausubstanz wurden erhalten. Tragkonstruktionen, Bauteile und sogar Bodenbeläge konnten weitgehend wiederverwendet werden.
Nur einzelne Anbauten wurden zurückgebaut, um das Gebäude wieder stärker an seine ursprüngliche Form anzunähern und besser in das Ortsbild einzufügen. Gleichzeitig wurde der zuvor vollständig asphaltierte Innenhof entsiegelt. Heute befindet sich dort ein rund 600 Quadratmeter großer autofreier Platz, der als Freifläche für Veranstaltungen und Begegnung dient.
Damit zeigt das Projekt exemplarisch, welche Potenziale in der Umnutzung bestehender Flächen liegen – ein wichtiger Beitrag zur Flächensparpolitik.
Städtebauförderung als Schlüssel
Finanziell wäre das Vorhaben für die kleine Kommune kaum allein zu stemmen gewesen. Insgesamt wurden rund 3,4 Millionen Euro investiert, davon 2,4 Millionen Euro aus Fördermitteln der Städtebauförderung. Der Umbau selbst schlug Anfang der 2000er-Jahre mit etwa 1,7 Millionen Euro zu Buche.
Rückblickend erscheint diese Summe fast erstaunlich niedrig: „Heute würde man vermutlich eine Eins vor diese Zahl setzen müssen“, so Kern mit Blick auf die aktuellen Baukosten.
Seit 25 Jahren ein lebendiger Treffpunkt
Nach Baubeginn im Jahr 2001 konnte das „KUK“ bereits im Oktober 2002 eröffnet werden. Seitdem hat sich das Haus zu einem festen Bestandteil des kulturellen Lebens entwickelt. Konzerte, Kabarett, Theateraufführungen, Ausstellungen und Vereinsveranstaltungen prägen den Kalender.
Allein für Veranstaltungen wurden in den vergangenen 25 Jahren über 1.000 Buchungen verzeichnet. Hinzu kommen regelmäßige Nutzungen durch Vereine und Gruppen.
Modell für ländliche Ortsentwicklung
Für Schönberg ist das Projekt weit mehr als ein Veranstaltungsort. Es stärkt die lokale Identität, bietet regionalen Künstlern eine Bühne und schafft Raum für Begegnung im Ortskern.
Das Beispiel zeigt zugleich, welche Chancen in der Kombination aus kommunalem Engagement, Städtebauförderung und nachhaltiger Umnutzung liegen. Aus einer Industriebrache wurde ein lebendiger Treffpunkt – und ein Modell dafür, wie Gemeinden im ländlichen Raum ihre Ortsmitten stärken können.
„Ohne Förderprogramme wäre ein Projekt dieser Größenordnung für eine kleine Kommune wie Schönberg kaum möglich gewesen“, betonte Kern. Heute ist das „KUK“ ein Haus für Kultur, Gemeinschaft und Vereine – und ein sichtbares Beispiel dafür, wie nachhaltige Ortsentwicklung gelingen kann.