Bürgergenossenschaften Gemeinsam Lösungen für die kommunale Daseinsvorsorge schaffen
von Michael von Hassel

Vortrag von Baha Ucar (Genossenschaftsverband Bayern) beim Kongress „Bayerns beste kommunale Umweltbeispiele“ auf der Landshuter Umweltmesse
Wenn kommunale Infrastruktur gefährdet ist, Investitionen zu groß erscheinen oder private Betreiber fehlen, kann die Bürgergenossenschaft ein wirkungsvolles Instrument sein. Darauf machte Baha Ucar vom Genossenschaftsverband Bayern beim Kongress „Bayerns beste kommunale Umweltbeispiele“ aufmerksam. Ihr Fazit: Gerade für Kommunen bietet das genossenschaftliche Modell eine nachhaltige Möglichkeit, Projekte gemeinsam mit Bürgerinnen und Bürgern umzusetzen.
Ucar begleitet im Genossenschaftsverband Bayern Gründungen neuer Genossenschaften in der Region Augsburg und im Allgäu. Ihr Vortrag richtete sich bewusst an kommunale Entscheidungsträger. Ziel sei es, Bürgermeisterinnen, Bürgermeister und kommunale Mandatsträger dafür zu sensibilisieren, dass Genossenschaften ein praktikabler Weg sein können, lokale Herausforderungen zu lösen.
Gemeinschaft statt Einzelinvestor
Das Grundprinzip ist einfach: Wenn ein Bedarf vor Ort besteht, den weder Kommune noch Privatwirtschaft allein decken können oder wollen, können Bürgerinnen und Bürger gemeinsam aktiv werden. Die Genossenschaft bündelt Kapital, Engagement und Verantwortung.
„Wenn eine einzelne Person es nicht schafft, können es viele gemeinsam schaffen“, fasste Ucar das genossenschaftliche Prinzip zusammen. Genau dieses Modell eigne sich besonders für kommunale Aufgaben, bei denen lokale Identifikation und langfristige Perspektiven wichtig sind.
Bürgerenergie als Investitionsmodell
Ein bekanntes Beispiel sind Bürgerenergiegenossenschaften. Bürgerinnen und Bürger beteiligen sich dabei finanziell an Projekten wie Solarparks oder Windenergieanlagen. Der erzeugte Strom wird meist ins Netz eingespeist; die Mitglieder erhalten dafür eine Dividende.
Solche Projekte haben häufig ein großes Investitionsvolumen – etwa mehrere Millionen Euro für eine Windkraftanlage. Über die Genossenschaft können viele kleine Beteiligungen gebündelt werden. Kommunen unterstützen solche Projekte oft, indem sie Flächen oder Dachflächen kommunaler Gebäude zur Verfügung stellen.
Nahwärme: Versorgung statt Rendite
Ein anderes Modell verfolgt eine andere Zielsetzung: Nahwärmegenossenschaften. Hier schließen sich Hauseigentümer zusammen, um gemeinsam eine lokale Wärmeversorgung aufzubauen. Eine zentrale Anlage – etwa auf Basis von Biomasse – versorgt mehrere Gebäude oder ein ganzes Dorf.
Im Unterschied zur Bürgerenergie steht hier nicht die Rendite im Vordergrund, sondern die sichere und möglichst günstige Versorgung. Die Genossenschaft arbeitet häufig kostendeckend. Gewinne sind nicht das Ziel – sie würden letztlich ohnehin wieder an die Mitglieder zurückfließen.
Viele Nahwärmeprojekte entstehen in enger Zusammenarbeit mit der Kommune. Bürgermeister oder Gemeinderäte engagieren sich häufig im Aufsichtsrat oder Vorstand. Gleichzeitig lebt das Modell stark vom ehrenamtlichen Engagement der Beteiligten.
Lösungen für Pflege, Medizin und Nahversorgung
Genossenschaften können jedoch weit mehr leisten als Energieprojekte. Ucar stellte eine Reihe weiterer Beispiele aus Bayern vor, die zeigen, wie vielfältig das Modell eingesetzt werden kann.
So finanzieren Bürgergenossenschaften teilweise Gebäude für betreutes Wohnen oder Pflegeeinrichtungen. Gerade in kleineren Gemeinden können so wohnortnahe Angebote entstehen, wenn private Investoren fehlen.
Ein weiteres Beispiel sind genossenschaftliche medizinische Versorgungszentren. Angesichts des zunehmenden Ärztemangels im ländlichen Raum können solche Strukturen helfen, Praxen zu erhalten oder neu aufzubauen. In Bayern existieren bereits erste Modelle, bei denen Kommune und Ärzte gemeinsam eine Genossenschaft gründen, die den Praxisbetrieb organisiert.
Auch bei der Sicherung der Nahversorgung kann das Modell greifen. Wenn etwa eine Bäckerei, ein Dorfladen oder eine Gaststätte mangels Nachfolge schließen müsste, können Bürgerinnen und Bürger gemeinsam investieren und so den Betrieb erhalten.
Infrastruktur gemeinsam sichern
Selbst kommunale Einrichtungen könnten perspektivisch genossenschaftlich organisiert werden. Ucar nannte etwa marode kommunale Schwimmbäder als mögliches Anwendungsfeld – ein Bereich, in dem viele Gemeinden mit hohen Investitionskosten kämpfen.
Die zentrale Botschaft ihres Vortrags lautete daher: Genossenschaften sind kein starres Modell, sondern ein flexibles Instrument. Entscheidend sei immer der lokale Bedarf und die Bereitschaft der Menschen vor Ort, Verantwortung zu übernehmen.
Für Kommunen können Bürgergenossenschaften damit zu einem wichtigen Partner werden – insbesondere dort, wo klassische Finanzierungs- oder Betreiberstrukturen an ihre Grenzen stoßen.