kommunal.info PLUS: Resilienz bei längeren Stromausfällen

GZ Ausgabe GZ-5-2026 vom 26. Februar '26 | Infrastruktur & Technik
von Constanze von Hassel
Gruppenfoto
V.l.: Axel Kagerer, Fachberater, THW Ortsverband Schwandorf, Moderatorin Silke Mall, Leiterin Kommunalmanagement Oberbayern, Bayernwerk Netz GmbH und Johannes Larsen, Leiter Systemführung, Bayernwerk Netz GmbH. Bild: Sandra Heidrich

Was Kommunen konkret tun können - Großflächige Stromausfälle, wie zuletzt in Berlin und im vergangenen Jahr in Spanien, haben das Thema Krisenvorsorge wieder nach oben gespült. In der jüngsten Ausgabe von „kommunal.info PLUS“ des Bayernwerks stand daher die kommunale Handlungsfähigkeit im Mittelpunkt, moderiert von Silke Mall, Leiterin Kommunalmanagement (Region Oberbayern). Ihr Anspruch: „Wir möchten mit dieser Sendung natürlich keine Angst machen, sondern Sicherheit schaffen“ und Kommunen „Tipps und Hinweise an die Hand geben.“

Im Fokus standen Szenarien, in denen der Strom geplant oder ungeplant „über mehrere Stunden oder sogar Tage“ ausfällt. Denn, so Mall, Strom sei nicht nur „Licht“, sondern Basis für „Wasser, Abwasser, Kommunikation, Verwaltung, medizinische Versorgung, Wärme, Mobilität und Sicherheit“.

Warum das Stromsystem manchmal bewusst abschaltet

Zum Einstieg wurde das Grundprinzip erläutert: Das Stromsystem funktioniert „wie eine Waage“: Erzeugung und Verbrauch müssen jederzeit im Gleichgewicht sein. Die Stabilität wird europaweit über die Frequenz von 50 Hertz gehalten; regional sichern Verteilnetzbetreiber die Spannung.

An sonnenreichen Feiertagen in Bayern kann die Einspeisung durch „über eine Million Solaranlagen“ bei gleichzeitig niedrigem Verbrauch zur Herausforderung werden. Dann werden zunächst steuerbare Einspeiser abgeregelt, teils im Rahmen von Redispatch. Reicht das nicht, kann als „letzter Schutz“ ein kontrollierter Lastabwurf nötig werden, also eine bewusste Abschaltung von Netzbereichen, um einen unkontrollierten, großflächigen Ausfall zu verhindern. Entscheidend: Nach Lastabwurf wird „Schritt für Schritt und nach Plan“ wieder aufgebaut, „in der Regel innerhalb weniger Stunden“.

„Sehr unwahrscheinlich“, aber nicht unmöglich

Im Studio ordnete Johannes Larsen, Leiter Systemführung der Bayernwerk Netz GmbH, die aktuellen Ereignisse ein. Ein unkontrollierter, überregionaler Blackout wie in Spanien sei „sehr, sehr selten“; für Bayern gelte: „Wir gehen … davon aus, dass es sehr, sehr unwahrscheinlich ist.“ Gleichzeitig zeigte der Fall Berlin aus seiner Sicht, dass Infrastruktur „strategisches Angriffsziel“ sein kann, hier brauche es Resilienzmaßnahmen, „physischer Schutz der Anlagen“, „Notfallpläne“ und „Krisenmanagement“.

Denn Wiederaufbau funktioniere nicht „auf Knopfdruck“: Bei der Rückkehr aus einem Ausfall gehe „Sicherheit vor Schnelligkeit“, so Larsen. Und zum beliebten Wunsch „Notstromaggregate überall hinstellen“ betonte er die Grenzen: Notstrom werde dort eingesetzt, „wo es möglich ist“, sei aber auch für die Netz-Infrastruktur (Kommunikation, Schaltanlagen) selbst dringend nötig.

Praxisbeispiel Straßlach-Dingharting

Besonders plastisch wurde die Umsetzung im kommunalen Alltag am Beispiel Straßlach-Dingharting (Landkreis München). Bürgermeister Hans Sienerth berichtete, seine Gemeinde beschäftige sich „seit August 2022“ mit dem Thema Blackout. Früh wurden Feuerwehrkommandanten und Gemeinderat eingebunden, Kernziel sei, „handlungsfähig“ zu bleiben, die „Kommunikation aufrecht“ zu erhalten und „Hilfe leisten“ zu können.

Der Krisenstab umfasst in Straßlach u. a. Bürgermeister, Geschäftsleitung, Kämmerer, Bauhof, Wassermeister sowie die Feuerwehrführung. Investiert wurde auch in Hardware: „etwa 100.000 Euro“ in Notstromaggregate und „nochmal etwa 50.000“ in Umbauten, damit Gebäude überhaupt einspeisefähig sind.

Entscheidend ist aber die Betriebsfähigkeit im Ernstfall: Leuchtturm-/Anlaufstellen an Feuerwehrstandorten, Funkkommunikation, Sirenen, regelmäßige Funktionsprüfungen, Kraftstofflogistik und das Abarbeiten kritischer Infrastrukturen, vor allem Wasser/Abwasser. Das wurde in der Reportage sehr konkret: Füllstände prüfen, Pumpstationen abfahren, mobile Aggregate betreiben, Überläufe verhindern, „sonst“, so ein O-Ton aus der Praxis, „ist die Suppe auf der Straße“.

Sienerth betonte zudem die Führungsdimension: Vorbereitung sei kein „Technikprojekt“, sondern dauerhafte Organisationsaufgabe. Skepsis gab es anfangs auch, doch die Akzeptanz sei mit zunehmender Sensibilisierung gestiegen. Und: Der Personalaufwand sei durch Integration in Abläufe handhabbar: „wir integrieren sie in unsere Arbeitsabläufe“.

Rechtliche Verantwortung: „Da bin ich aufgewacht“

Ein starker Moment der Sendung war die Beschreibung der Bürgermeisterrolle im Krisenfall. Sienerth verwies auf Art. 37 der Gemeindeordnung und schilderte die Wucht der Verantwortung: „Plötzlich stehen dort weitreichende Verantwortlichkeiten … Er muss allein entscheiden.“ Sein Fazit: „Da bin ich aufgewacht.“

THW: Notstrom ist mehr als ein Aggregat

Welche Unterstützung kommt von außen und was muss dafür vor Ort vorbereitet sein? Axel Kagerer, Fachberater beim THW-Ortsverband Schwandorf, skizzierte Einsatzbilder: Das THW versorge „den ein oder anderen Leuchtturm“ oder Pflegeeinrichtungen mit Strom, in Deutschland gebe es „rund 132 Fachgruppen Elektroversorgung“. Dazu komme Logistik, etwa Kraftstoffversorgung, und der Betrieb von Notruf-Anlaufpunkten.

Wichtig für Kommunen: Der Weg läuft „in der Regel über die Rettungsleitstellen“, dort kann ein THW-Fachberater alarmiert werden. Für planbare Fälle sei auch direkte Abstimmung mit Ortsverband/Regionalstelle möglich.
Kagerer brachte die Kernbotschaft auf den Punkt: „Es reicht nicht, nur die Notstromaggregate zu kaufen. Man muss die Infrastruktur vorbereiten“; Stichwort Einspeisepunkte, Schalttechnik, Trennmöglichkeiten. Und er setzte einen weiteren Schwerpunkt: „Die Vorbereitung des Bürgers … ist einer der wichtigsten Punkte.“

Landkreisperspektive: Leuchttürme, Priorisierung und Finanzierungsfragen

Aus Sicht der Landkreise berichtete Landrat Thomas Ebeling (Landkreis Schwandorf) von einem kreisweiten Konzept nach dem „Prinzip Leuchttürme“. Man habe Kommunen zusammengeholt, Maßnahmen umgesetzt, Gebäude identifiziert und Notunterkünfte festgelegt.
Die größten Hürden seien oft Details, die erst in Übungen auffallen, etwa Prioritäten in der Gebäudeabschaltung: „Unsere alte Programmierung hat vorgesehen, dass zuerst die Einsatzzentrale weggeschaltet wird. Da muss man die Programmierung ändern.“ Ebeling nannte als Grund für zögerliche Vorbereitung auch knappe Mittel: „Die Kommunalfinanzen werden schlechter“ und: „Vom Staat gibt es kein Förderprogramm.“ Sein Rat: Vorhandene Konzepte nutzen, statt bei Null zu beginnen: „die Konzepte werden nicht selber erfunden“.

Kommunikation in der Krise: Nur gesicherte Informationen

Eine wiederkehrende Frage war: Wer kommuniziert die Lage? Larsen verwies auf die Notwendigkeit belastbarer Informationen: „Wir können nur gesicherte Informationen rausgeben.“ Als Instrument nannte die Sendung u. a. „FACT24“ (Alarmierungs-/Informationssystem des Bayernwerks, in der Sendung als kostenfrei beschrieben).

Vorbereitung ist Führungs- und Gemeinschaftsaufgabe

Am Ende stand ein bemerkenswert konsistentes Bild aus Netzbetrieb, THW, Kommune und Landkreis: Blackouts sind selten, aber längere Ausfälle sind ein realistisches Szenario. Und Resilienz entsteht nicht im Moment der Störung, sondern lange vorher: mit Klarheit über Zuständigkeiten, einspeisefähiger Infrastruktur, eingeübten Abläufen und einem informierten Gemeinwesen.

Oder, wie Moderatorin Silke Mall den Grundton setzte: Es geht darum, „Sicherheit zu schaffen“, damit Kommunen im Ernstfall handlungsfähig bleiben.

Link zur Sendung und neue Termine

Link auf die Mediathek: https://mediathek.bayernwerk.de/sendereihe/kommunal-info-plus

Ausblick auf die kommenden Sendungstermine:

14.07.2026: Sondersendung für neu gewählte Rathausspitzen

22.10.2026: kommunal.info Live, kompaktes Update zu Lage, Projekten und Prioritäten des Bayernwerks mit Relevanz für Kommunen

Constanze von Hassel

Constanze von Hassel, Chefredakteurin

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