Gasnetze zwischen Umbruch und Verantwortung: „Wir stehen vor der größten Infrastrukturtransformation seit Jahrzehnten“
von Constanze von Hassel

GZ-Interview mit Florian Feller (H2vorOrt) und René Schoof (schwaben netz) - Deutschland steckt mitten in der Reorganisation seiner Gasnetze und damit in einer der größten energiepolitischen Richtungsentscheidungen seit Jahrzehnten.
Der Gasnetzgebietstransformationsplan (GTP), die neue EU-Gasbinnenmarkt-Richtlinie und die regionale Transformationsplanung stellen die Weichen für die Entscheidung, welche Gasleitungen künftig Wasserstoff transportieren, stillgelegt werden oder Kunden und Kundinnen mit Biomethan versorgen. Die GTP-Kommunenbefragung zeigt: Industrie und Gewerbe planen in fast 50 Prozent der Fälle fest mit klimaneutralen Gasen, während dies bei Haushalten erst 33 Prozent tun und 23 Prozent dort überhaupt keinen Bedarf sehen. Kommunen stehen damit zwischen Versorgungssicherheit, Standortpolitik und sozialer Zumutbarkeit. Florian Feller, Vorsitzender von H2vorOrt, und René Schoof, Technischer Geschäftsführer schwaben netz, sprachen mit GZ-Chefredakteurin Constanze von Hassel über Realitätssinn, politische Widersprüche und darüber, was Städte und Gemeinden erwartet.
GZ: Herr Feller, Herr Schoof, Sie sprechen von „der größten Transformation der Energieinfrastruktur seit Jahrzehnten“. Was macht die Situation so außergewöhnlich?
Feller: Wir stehen vor der Herausforderung, ein flächendeckendes, 550.000 km langes Gasverteilnetz in Richtung Klimaneutralität zu bringen und das, während wir weiterhin Millionen Menschen und tausende Industriebetriebe sicher versorgen müssen.
Schoof: Und diese Entscheidungen fallen jetzt gleichzeitig auf EU-, Bundes- und kommunaler Ebene. Damit entsteht eine Komplexität, wie wir sie in der Energieversorgung so noch nie hatten. Ohne saubere Planung reden wir nicht über Energiewende, sondern über Versorgungslücken.
GZ: Viele Kommunen fragen: „Müssen wir unser Gasnetz stilllegen oder bleibt es?“ Was ist Ihre realistischste Antwort?
Schoof: Ob es dazu kommt, entscheidet nicht eine Kommune allein, sondern das Zusammenspiel aus GTP, EU-Richtlinie und dem neuen regionalen Transformationsplan (RTP). Dort wird erstmals verbindlich festgelegt, ob eine Region Wasserstoffgebiet, Biomethan-Zone oder Stilllegungsgebiet wird.
GZ: Was sagen Sie Städten und Gemeinden, die jetzt Wärmepläne schreiben, aber nicht wissen, ob es in zehn Jahren noch ein Gasnetz gibt?
Feller: Ganz ehrlich: Eine Wärmeplanung ohne belastbare Gasnetz-Perspektive ist nicht realitätstauglich. Das ergibt sich oft schon aus den Grenzen des örtlichen Stromnetzes oder den Gas- und perspektivisch Wasserstoffbedarfen der lokalen Fernwärmeerzeugung.
Gasnetz ausblenden funktioniert nicht
Schoof: Wir sehen Wärmepläne, die das Gasnetz pauschal „ausblenden“. Das funktioniert nicht. Industrie, Gewerbe, aber auch Quartiere mit hoher Heizlast sind darauf angewiesen, dass jemand sagt: „Da bleibt ein Molekülnetz und das wird klimaneutral.“
Feller: Die kommunale Wärmeplanung und die Transformationsplanung des Gasnetzes müssen synchronisiert werden. Sonst planen wir aneinander vorbei und erzeugen bei Bürgerinnen und Bürgern ebenso wie bei Betrieben Unsicherheit.
GZ: Die GTP-Kommunenbefragung zeigt eine deutliche Kluft: Kommunen glauben an klimaneutrale Gase für Industrie, aber kaum für Haushalte. Ist das realistisch?
Feller: Nein, das ist ein Missverständnis. Die GTP-Befragung zeigt ja auch: Nur 23 Prozent der Kommunen sehen sicher keinen Bedarf für Haushalte. Das ist noch weniger als die 33 Prozent, die einen sicheren Bedarf sehen. Dass viele Kommunen gegenwärtig beim Thema Wärmeplanung unsicher sind, kann man ihnen angesichts der Vorgänge um das Gebäudeenergiegesetz nicht vorwerfen. Diese Unsicherheit als Absage zu interpretieren, wäre vermutlich nicht richtig.
Schoof: Das Verteilnetz unterscheidet nicht zwischen „Industrieleitung“ und „Haushaltsleitung“. Wenn ich das Netz für 800 Industriekunden erhalte, erhalte ich es automatisch auch für 120.000 Haushalte.
Feller: Und umgekehrt gilt: Wenn ich das Netz in einem Wohnquartier stilllege, trifft das nicht nur die Haushalte. Die allermeisten Gewerbebetriebe werden über dieselben Leitungen versorgt. Wird ein Abschnitt stillgelegt, verliert auch die lokale Wirtschaft ihre Versorgungssicherheit und damit stehen Gewerbesteuern, Arbeitsplätze und ganze Wertschöpfungsketten auf dem Spiel. Das muss man offen sagen.
GZ: Sie warnen vor einem „FAUNA 2.0“; was bedeutet das?
Feller: FAUNA ist die Festlegung der Bundesnetzagentur zu § 71k GEG. Sie ist so überreguliert, dass sie kaum erfüllbar ist, aus unserer Sicht eine „Wasserstoffverhinderungsregelung“. Mit der Umsetzung der EU-Gasbinnenmarkt-Richtline in deutsches Recht werden die Planungsvorschriften aus § 71k nun durch neue und bessere ersetzt. Wir hoffen, dass die BNetzA dieses Mal konstruktivere Rahmenbedingungen schafft.
Schoof: Wenn jetzt bei der Umsetzung der EU-Richtlinie wieder unrealistische Nachweise verlangt werden, verlieren wir Jahre. Und Kommunen verlieren Planungssicherheit. Deshalb braucht es praxistaugliche Regeln statt Bürokratie-Monster.
Bezahlbarkeit
GZ: Ein Thema, das in Kommunen gerade enorm drückt: Kann sich die Bevölkerung diese Transformation überhaupt leisten?
Schoof: Es wäre unseriös zu behaupten, der Umbau kostet nichts. Aber: Die Transformation des Gasnetzes ist volkswirtschaftlich viel günstiger, als alles elektrifizieren zu wollen.
Feller: Die Energieversorgung der Zukunft wird sich diversifizieren, aber eins bleibt: Wir werden neben Elektronen, also Strom, weiterhin Moleküle in Form von klimaneutralen Gasen brauchen. Wer glaubt, wir schaffen alles mit Stromnetzen, hat den letzten Winter nicht beobachtet.
Schoof: Und die sozialste Lösung bleibt die, die sich Menschen im Bestand leisten können: Hybridsysteme und grüne Gase. Damit senkt man Emissionen sofort, ohne fünfstellige Umbaukosten.
Um die Situation realistisch einschätzen zu können, schauen Sie in die App „ElectricityMap“, die in Echtzeit zeigt, wie sauber oder schmutzig der Strommix gerade ist, in Deutschland wie in ganz Europa. Dort sieht man: An kalten, dunklen Tagen stammt ein großer Teil unseres Stroms aus Gas- und Kohlekraftwerken. Genau dann laufen Wärmepumpen physikalisch am schlechtesten.
Feller: Und an diesem Punkt kommt ein zweites Problem dazu: Unser Stromnetz ist schlicht nicht darauf ausgelegt, dass plötzlich Millionen zusätzliche Verbraucher, von Wärmepumpen über E-Autos bis zu neuen Industrieprozessen, gleichzeitig versorgt werden müssen. Die Netze sind historisch für einen Stromanteil von rund 20 Prozent des deutschen Endenergiebedarfs dimensioniert, nicht für eine Voll-Elektrifizierung.
Schoof: Wenn wir alles elektrifizieren wollen, brauchen wir nicht nur neue Kraftwerke, sondern auch ein mehrjähriges Ausbauprogramm für Ortsnetze, Kabel, Trafos und Umspannwerke. Das ist teuer, dauert lange und belastet Haushalte über steigende Netzentgelte. Genau deshalb sind wir überzeugt: Elektronen und Moleküle müssen zusammenarbeiten, sonst wird die Energiewende technisch riskant und sozial unbezahlbar.
Wasserstoff oder Biomethan
GZ: Wasserstoff oder Biome-
than: Was wird für Bayerns Kommunen am Ende wichtiger?
Schoof: Beides. Wir haben in Bayerisch-Schwaben rund 600 Biogasanlagen, viele laufen bald aus dem EEG. Das Potenzial ist riesig. Wir wollen bis Mitte der 2030er über 20 Prozent Biome-
than physisch im Netz haben.
Feller: Wir werden in Zukunft große Teile der Netze in Deutschland mit Wasserstoff betreiben, es wird jedoch auch Regionen geben, die mit Biomethan versorgt werden. Die Zukunft ist kein Entweder-oder, sondern ein intelligentes Nebeneinander, auch in Bayern.
GZ: Zum Schluss die Frage, die sicherlich in jeder Bürgerversammlung kommt: Soll man heute noch eine Gasheizung einbauen?
Schoof: Ja, wenn sie hybridfähig und H₂-ready ist.
Feller: Eine gute Hybridlösung reduziert den Gasverbrauch um bis zu 75 Prozent. Das ist sofortige CO₂-Minderung, ohne soziale Härten.
Schoof: Und niemand sollte seine funktionierende Heizung herausreißen, weil ein Wärmeplan noch nicht fertig ist. Energiepolitik braucht Realitätssinn.
GZ: Vielen Dank für das Gespräch!