„Heimat“ sollte nicht nur das Altvertraute und immer Dagewesene genannt werden: Das, was außergewöhnlich ist

GZ Ausgabe GZ-1/2-2026 vom 15. Januar '26 | Gesellschaft & Bildung
von Pat Christ
Bild eines Schildes
Der Amorbacher Geschichtsverein gewinnt seit fünf Jahren immer mehr neue, heimatbegeisterte Mitglieder. Bild: Pat Christ

Nachwuchs zu gewinnen, ist in der Vereinslandschaft fast nirgends mehr ein Honigschlecken. Besonders schwer hat es die Heimatpflege. Junge Leute dafür zu begeistern, sich hier zu engagieren, wird laut Bernhard Springer, Kreisheimatpfleger von Miltenberg, immer herausfordernder. Er selbst hat eine Zeitlang versucht, im Amorbacher Geschichtsverein, dem er vorsitzt, Jugendarbeit zu installieren. Letztlich gelang das nicht. Bei Älteren allerdings wächst das Engagement.

Junge Menschen bewegen sich heutzutage weitgehend in digitalisierten Welten. Als Mittelschullehrer bekommt Bernhard Springer dies hautnah mit. Kids hier herauszulocken, erscheint ihm in manchen Momenten fast nicht mehr möglich: „Die Schülerschaft hat sich in den vergangenen zehn Jahren extrem gewandelt, viele wollen in ihrer Freizeit einfach nur noch chillen oder zocken.” An seiner eigenen Schule bot Bernhard Springer bis vor sieben Jahren eine „AG Heimat” an. Am Ende gab es daran kaum noch Interesse. Immerhin eines freut ihn: Insgesamt gewannen die Heimat- und Geschichtsvereine im Kreis Miltenberg in jüngster Zeit ziemlich viele neue Freunde.

Zwar haben jene, die neu einem Geschichtsverein beitreten, die Kinderschuhe längst abgestreift. Doch natürlich ist Bernhard Springer auch über erwachsene Neulinge in der Szene der „Heimatkümmerer”, wie er Heimatpfleger lieber nennen würde, froh. Sein eigener Amorbacher Geschichtsverein wächst seit der Corona-Krise jedes Jahr. Vor allem Bürger im Alter 50+ drängt es, sich für ihre Heimat zu engagieren. In jüngster Zeit konnten aber auch ehemalige Schüler gewonnen werden. Eine 30-Jährige wird wahrscheinlich in Kürze in die Vorstandschaft einsteigen.

Inspiration für die Gegenwart

Heimat ist nichts Totes und Vergangenes, ist nichts, was nur noch zum Konservieren taugen würde, im Gegenteil: Was vor längerer Zeit am Heimatort etabliert wurde, kann Inspiration für die Jetztzeit bieten. Wobei zur Heimat nicht nur der Bildstock und die Kapelle gehören. Sondern auch das, was neu entstanden ist. „Wie man ‘Heimat’ beschreiben kann, ist eine schwierige Frage geworden”, sagt Bernhard Springer. Amorbach, erlebt er an seiner eigenen Schule, wurde inzwischen für zahlreiche Kinder aus Syrien oder Afghanistan zur Heimat. Zumindest zur zweiten. Auf diese Realität müsse Heimatpflege eine Antwort finden.

Trachten sind „in“

Immerhin punktuell, beobachtet Bernhard Springer, lassen sich Kinder für das Thema „Heimat” begeistern: „Zum Beispiel bei Ferienaktionen.” Interessant findet er, welche Bedeutung Trachten inzwischen bei jungen Leuten haben. Steht die Miltenberger Messe an, werfen sich Twens in traditionelle Schale. Da wird das Dirndl aus dem Schrank geholt. Da wirft man sich in die Lederhose. Für Bernhard Springer ist das keine reine Maskerade, kein bloßer Faschingsverschnitt. 

Der eine oder andere mag in die Tracht schlüpfen, weil er sie kleidsam oder witzig findet. Nach Wahrnehmung des Kreisheimatpflegers schimmert durch dieses Verhalten jedoch auch durch, dass sich junge Menschen an etwas Gewachsenes zurückbinden möchten. Dass sie nach Identifikation und dass sie nach Zugehörigkeit suchen.

Zu den ganz konkreten Dingen, mit denen sich Bernhard Springer in letzter Zeit beschäftigte, gehörte der Verkauf spezieller Amorbacher Lebkuchen auf dem heimischen Weihnachtsmarkt. Außerdem ist er damit befasst, die neue Zeitschrift der Miltenberger Kreisheimatpflege zu konzipieren. Im Frühjahr soll sie erscheinen. Alle Geschichtsvereine im Landkreis können darin aktuelle Projekte vorstellen: „Unsere Zeitschrift fungiert als eine Art Ideenbörse.”

Volksmusikpflege in Oberbayern

Ob wohl eine Bewerbung um seinen Posten eintrudeln wird, gibt er sein Ehrenamt auf? Das fragt sich Hans Auer aus dem oberbayerischen Ainring dieser Tage hin und wieder. Der Siebzigjährige ist einer von acht Volksmusikpflegern in Oberbayern. Ebenso wie bei den Heimatpflegern ist die Suche nach Nachwuchs nicht leicht. Jeder der acht ist über 50 Jahre alt, die meisten sind über 60. Als 2017 Münchens Kreisvolksmusikpfleger Hans Lederwascher mit 80 Jahren in Ruhestand ging, war es noch gelungen, mit Bärbl Chalupper und Hubert Zellner zwei neue Kreisvolksmusikpfleger zu gewinnen.

Geht es um Volksmusik, ist Hans Auer, abgesehen von den Nachwuchssorgen, was den Posten der Volksmusikpfleger anbelangt, in guter Stimmung. Denn die Szene in seiner Region ist äußerst lebendig. „Ich biete zum Beispiel an jedem letzten Mittwoch im Monat eine Singstunde mit alpenländischen Liedern an, daran nehmen bis zu 60 Leute teil”, erzählt der ehemalige Musikschulleiter von Innzell. In seiner eigenen, 2009 gegründeten Musikschule werden 140 Kinder unterrichtet. Fast 50 singen in den schuleigenen Kinderchören. Das Repertoire besteht zu 80 Prozent aus Volksliedern.

Noch viele weitere Aktivitäten gibt es, die Hans Auer glücklich machen. So wird der Volksmusiker immer wieder angefragt, in Schulen zu kommen, um mit Kindern zu singen: „Ich gehe in Schulen in den Landkreisen Berchtesgaden und Traunstein, vor kurzem war ich sogar im angrenzenden Salzburger Land.” Vor zehn Jahren begann Hans Auer, beim Ainringer „Auwirt” einmal im Monat von 13.30 Uhr bis 16.30 Uhr Wirtshausmusizieren anzubieten. Auch das ist begehrt. Populär sind schließlich seine jährlichen Volksmusikseminare. Die sind heute auf 60 Teilnehmer beschränkt: „Früher hatten wir 100.” Weit über Bayern hinaus kommen die Menschen angereist.

Volksmusik als Studium

Hans Auer verbindet mit dem Begriff „Heimat” Trachten und alpenländische Lieder, überhaupt das ganze Brauchtum, mit dem er aufgewachsen ist. Auf die Volksmusik bezogen, sagt er, bedeutet dies keineswegs Stagnation: „Auch die entwickelt sich immer weiter.” Besonders erfreulich ist für ihn, dass die Ausbildung der Volksmusikanten stetig besser wird: „Inzwischen kann man Volksmusik in München und Salzburg studieren.” Es gibt sogar ein eigenes Fach „Harmonika”.

Wie wichtig Heimatpflege ist, davon berichtet auch Dieter Lau, Kreisheimatpfleger im oberfränkischen Kronach. Ihn kann man bei allen Problemen, die vor Ort auftauchen, anfragen. Und diese Anfragen, erzählt er, tröpfeln nicht nur: „Die sind riesig.” Da geht es zum Beispiel um die sanierungsbedürftige Sandsteinfigur eines Brunnens. Oder um den anstehenden Abriss eines alten Hauses: „Oder man fragt an, wo eine Windkraftanlage gut oder schlecht wäre.” Heimatpfleger, sagt Dieter Lau, geben immer gerne Hilfestellung.

Für den Experten für Kulturlandschaftspflege gibt es keinen festumrissenen Begriff von Heimat, den man einfach übernehmen und auf Jahrzehnte hinaus verwenden könnte. Schon immer, betont er, haben Wanderungsbewegungen die Heimat geprägt. Das sei schon zu den Zeiten des Dreißigjährigen Kriegs so gewesen. Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen Heimatvertriebene in die Dörfer. Später wanderten Gastarbeiter zu: „Erst Italiener, dann Jugoslawen, danach Arbeiter aus der Türkei.” Viele prägten ihre neue Heimat durch wertvolle Impulse mit: „Es gibt Türken in dritter Generation, die sprechen den hiesigen Dialekt fast besser als ich.”

Auch der Zeitgeist, zum Beispiel das gestiegene Umweltbewusstsein dieser Tage, prägt die Heimat und prägt laut Dieter Lau die Arbeit von Heimatpflegern. Das bestätigt Bernhard Springer aus Miltenberg. Der Themenkomplex „Erneuerbare Energien und Denkmalschutz” beschäftigt ihn immer stärker: „In vielen historisch geprägten Städten kocht mehr und mehr das Problem, wie Formen erneuerbarer Energien mit dem historischen Ortsbild vereinbar sind.” Darf auf dem Dach eines geschichtsträchtigen Gebäudes eine Photovoltaikanlage installiert werden? Soll vor der Kirche ein Wärmepumpen-Außengerät stehen? 

Sorgen um die Baukultur

Auch wenn sich Dinge ändern müssen, damit sie nicht irgendwann totgelaufen sind: In welchem Maße sich Orts- und Stadtbilder wandeln, das sieht Daniela Sandner vom Landesverein für Heimatpflege mit großer Sorge. Viel zu viele historische Gebäude verschwinden: „Die Abrisswelle sehen wir seit Jahren, das treibt alle Heimatpfleger um.” Das Verständnis fehle, in welchem Maß historische Gebäude dazu beitragen, Orten ein charakteristisches, unverwechselbares und außergewöhnliches Gepräge zu geben. Dabei seien Orte doch nur dadurch attraktiv: „Man würde doch nie und nimmer als Urlauber ein Neubaugebiet besuchen.”

Jüngstes Beispiel für den Untergang von Baukultur ist der Abriss des alten Güterbahnhofs in Kulmbach. Der Landesverein für Heimatpflege wertet dies als nachgerade „skandalös”. „Der war sogar ein Denkmal, er wurde dennoch abgerissen, weil er einer Tangente im Weg stand”, so Daniela Sandner. Nach dem Abriss stellte sich heraus, dass die Tangente gar nicht gebaut werden konnte. Doch nun ist der Bahnhof weg: „Dabei war das kein Bahnhof wie jeder andere, hier haben zum Beispiel im Zweiten Weltkrieg Deportationen stattgefunden.”

Ideeller Einsatz

Wirtschaftliche Interessen sind dieser Tage weithin einflussreicher als die Interessen jener Minderheit, die sich für Baukultur einsetzt, bedauert Daniela Sandner. Wobei es auch positive Projekte gibt. In Maitenbeth bei Mühldorf am Inn zum Beispiel wurde die Ortsmitte sensibel neu gestaltet. Ein moderner Rathausneubau steht hier unaufdringlich historischen Gebäuden wie der alten Post gegenüber.

Für viele „weiche” und „harte” Themen in der Heimatpflege engagieren sich bayernweit nach wie vor etliche Männer und Frauen allenfalls gegen eine Aufwandsentschädigung unter Aufopferung von sehr viel Freizeit. Daniela Sandner bestätigt, was Dieter Lau berichtet: Der Arbeitsaufwand ist hoch. Darum sei es verständlich, dass man dieses Amt kaum neben einem Fulltime-Job ausübt. 

300 Heimatpfleger

Die meisten Heimatpfleger sind nicht mehr berufstätig. Das Ehrenamt eröffnet ihnen spannende Perspektiven nach dem Renteneintritt. Viele nutzen diese Chance, sagt Bayerns Heimatminister Albert Füracker: „300 Heimatpflegerinnen und Heimatpfleger leisten mit ihrer überwiegend ehrenamtlichen Arbeit vor Ort einen wichtigen und unverzichtbaren Beitrag.” Der Freistaat unterstützt ihre Arbeit: „2025 haben die bayerischen Dachverbände der Heimatpflege und Institutionen der Volksmusikpflege und Volksmusikforschung über 3,3 Millionen Euro an institutioneller Förderung erhalten.“

Das Gefühl, irgendwo eine Heimat gefunden zu haben, bewahrt vor jener identitätsraubenden Formlosigkeit und jener kalten Anonymität, die mit dem Gedanken an die globalisierte Welt einhergehen. „Heimat“ ist sowohl ein Ort als auch ein Gefühl als auch ein „Anker“, betont Albert Füracker. Die Heimat mitzugestalten, liegt nach seiner Wahrnehmung im Interesse vieler Bürger. Dies zeigte auch der „Heimatdialog.Bayern“ des Freistaats: Mehr als 11.000 Menschen nutzten die vielfältigen Beteiligungsmöglichkeiten. Daraus resultierten 140 konkrete Ideen und Anliegen an Staat, Verwaltung, Kommunen, Mitbürger und Medien. 

Pat Christ

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