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(GZ-4-2021)
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► Bayerisches FachkräfteForum in den Landkreisen München und Starnberg:

 

Wirtschaftsstandorte nachhaltig sichern

 

Über alle Branchen hinweg wird der Ruf nach qualifiziertem Personal lauter. Viele Betriebe richten ihr Augenmerk auf die unterschiedlichen Potenziale und Möglichkeiten, dem eigenen Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Wie man Fachkräfte mit Migrationshintergrund gewinnen kann, darüber informierte das Bayerische FachkräfteForum in einem Online-Gemeinschaftsseminar der Landkreise Starnberg und München. Ziel der Veranstaltungsreihe – initiiert von Bayerischem Landkreistag, Migra-Net – IQ Netzwerk Bayern und der Bayerischen GemeindeZeitung mit freundlicher Unterstützung des Bayerischen Integrationsministeriums – ist es, den Wirtschaftsstandort Bayern nachhaltig zu sichern.

Landrat Christoph Göbel.
Landrat Christoph Göbel.

Wie Anne Güller-Frey vom MigraNet – IQ Netzwerk Bayern eingangs ausführte, ist MigraNet als eines der 16 Landesnetzwerke Teil des bundesweiten Förderprogramms „Integration durch Qualifizierung (IQ)“ und vernetzt seit 2005 relevante Organisationen, Einrichtungen, Institutionen, Unternehmen und Migrantinnen- und Migrantenorganisationen, um die Arbeitsmarktintegration von Menschen mit Migrationshintergrund in Bayern nachhaltig zu verbessern.

Zahlreiche Netzwerkpartner

Die 16 Landesnetzwerke werden von fünf Fachstellen begleitet, die bundesweit migrationsspezifische Themen bearbeiten. Im Freistaat bündelt MigraNet – das IQ-Netzwerk Bayern 41 Teilprojekte mit 25 verschiedenen Netzwerkpartnern.

Von verbesserter Integration in den Arbeitsmarkt profitieren Wirtschaft und Gesellschaft. MigraNet wird von vielen strategischen Partnern unterstützt, die das Potenzial von Menschen mit Migrationshintergrund als wichtigen Zukunftsfaktor sehen. Zu den Netzwerkpartnern zählen unter anderem die Bundesagentur für Arbeit, Arbeitgeberverbände, Bildungsträger, Kommunen, Kammern, Gewerkschaften und Migrantenorganisationen.

Zur Fachkräftesicherung für Bayern beschreitet MigraNet innovative Wege, zum Beispiel über Mentorenprogramme, Zuwanderungsberatung und Anpassungsqualifizierungen.

Über lokale Koordination in Augsburg, München und Nürnberg werden Beratungsangebote und Modellprojekte gesteuert. Sie bündeln Informationen aus den IQ Handlungsfeldern, vernetzen Akteure auf regionaler Ebene, sowie aus Landes-, Bundes- und EU-Ebene und initiieren entsprechende Projekte.

Pulsierende Region bleibt auf stetem Wachstumskurs

In seinem Grußwort verwies der Münchner Landrat Christoph Göbel darauf, dass auch die „Arbeitsmarktdelle Corona“ nicht darüber hinwegtäuschen könne, „dass unsere pulsierende Region auf stetem Wachstumskurs ist, insbesondere auch, was die Anforderungen an den Arbeitsmarkt angeht“. Deshalb benötige man gut ausgebildete Fachkräfte. Hier gelte es, sowohl nationale als auch internationale Schätze zu heben.

Insgesamt sei es wichtig, den Fachkräftebedarf ernst zu nehmen. Alle „Protagonisten der Gesellschaft“ müssten im Gespräch darüber sein, „wie wir den Fachkräftebedarf bestmöglich befriedigen können“. Am Ende, so Göbel, gehe es vor allem darum, dass die Unternehmen über die Fachkräfte verfügen, die sie brauchen und diese sich den Raum München auch leisten können, um schließlich die wirtschaftliche Prosperität der Region fortzuschreiben.

FEG so gut wie möglich umsetzen

Starnbergs Landrat Stefan Frey zufolge „bewegt der Fachkräftemangel unsere Unternehmen sehr stark“. Umso wichtiger sei es, „auch im Ausland entsprechende Fachkräfte für unsere hochspezialisierten Berufe anzuwerben“. Wichtig sei, das Fachkräfteeinwanderungsgesetz (FEG) so gut wie möglich umzusetzen, um für die Unternehmen Entlastung zu schaffen. Frey: „Es gilt, die Chancen zu nutzen. Packen wir’s an!“

Nur gut zehn Prozent der Einwanderung aus Drittstaaten sind derzeit erwerbsbezogen. Um hier Abhilfe zu schaffen, trat zum 1. März 2020 das FEG in Kraft. Damit sind nun klare Rahmenbedingungen geschaffen, um eine gezielte Zuwanderung von qualifizierten Fachkräften aus Nicht-EU-Ländern zu ermöglichen. Grundsätzlich, so Philipp Jaschke vom Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (iab), darf jeder in Deutschland arbeiten, wenn ein Hochschul- oder Berufsabschluss vorhanden, die Gleichwertigkeit des Abschlusses zu deutscher Qualifikation anerkannt und ein qualifikationsadäquater Arbeitsvertrag vor der Einreise vorhanden ist.

Dynamischer Arbeitsmarkt

Als positive Maßnahmen des FEG wertete Jaschke die Öffnung für Personen mit beruflichen Abschlüssen; die bisherige Praxis einer Positivliste der Engpassberufe ist aus seiner Sicht ein ineffizientes Mittel. Der Arbeitsmarkt sei dynamisch und könne auch gut Personen außerhalb von Engpassberufen integrieren, solange sie qualifizierte Abschlüsse besitzen. In Ausnahmefällen könne ein fehlender Abschluss mit Berufserfahrung substituiert werden (IKT-Bereich). Neben dem Wegfall der Vorrangprüfung nannte Jaschke zudem u.a. Verfahrensvereinfachungen wie die Einrichtung einer zentralen Ausländerbehörde auf Bundesländerebene.

Kritisch zu bewerten sei hingegen, dass das beibehaltene System von aufeinander aufbauenden Mindestanforderungen prohibitiv wirken kann, so dass die gewünschten Zuzugszahlen gegebenenfalls nicht erreicht werden. Was die Anerkennung der Gleichwertigkeit von Abschlüssen anbelangt, sei das deutsche duale Ausbildungssystem international nicht vergleichbar. „Auch wenn aufgrund konterfaktischer Evidenz kein endgültiges Urteil gefällt werden kann“, sie dies wahrscheinlich die größte Hürde für viele interessierte Migrant/innen, betonte Jaschke.

Kreative Behörden sind gefordert

Mit Blick auf den geforderten qualifikationsadäquaten Arbeitsvertrag bei der Einreise könne das Kriterium „qualifikationsadäquat“ problematisch sein: „Arbeitsmärkte sind dynamisch; Arbeitskräfte wechseln in ihrer Erwerbsbiographie häufig das Berufsfeld. Die Auslegung der Behörden in der Praxis wird entscheidend sein.“

Deutscher Spracherwerb im Ausland

Hinzu kommt, dass teilweise Sprachkenntnisse als neues Kriterium aufgeführt werden – zum Beispiel bei der Einreise zum Zweck der Arbeitssuche. „Deutsch ist aber keine Weltsprache“, stellte Jaschke fest. „Es ist unwahrscheinlich, dass jemand vor der Einreise Deutsch lernt und den Abschluss anerkennen lässt, nur um dann sechs Monate nach Deutschland zur Arbeitssuche einzureisen zu dürfen.“ Jedoch könnten durch erweiterte Möglichkeiten zum deutschen Spracherwerb im Ausland die Migration insgesamt und der Anteil Qualifizierter erhöht werden.

Ein weiterer Punkt: „Die Bedingungen zur jetzt möglichen Einreise zwecks Ausbildungsplatzsuche sind prohibitiv.“ Bis zu 25-Jährige dürfen sechs Monate einreisen, wenn sie einen, einem deutschen Schulabschluss gleichgestellten Abschluss haben und über gute deutsche Sprachkenntnisse verfügen. Außerdem bleibt hier die Vorrangprüfung erhalten, weshalb es Jaschke als „sehr unwahrscheinlich“ erachtet, dass dieser Kanal häufig genutzt werden wird.

Beschleunigtes Fachkräfteverfahren

Fazit: „Das Fachkräfteeinwanderungsgesetz geht in die richtige Richtung, insbesondere was die Öffnung des Arbeitsmarktes für Personen aus Drittstaaten mit nichtakademischer Qualifikation betrifft.“ Allerdings sei durch eine weitgehende Aufrechterhaltung des Gleichwertigkeitskriteriums bei Abschlüssen und Mindestsprachkenntnissen eine zur Sicherung des Fachkräftebedarfs ausreichende Erhöhung der Zuwanderung anzuzweifeln. Dies müsse sich in der Praxis erst zeigen. Und nicht zu vergessen: Die unabschätzbaren Auswirkungen von Corona.

Wie Martin Walter (MigraNet), Projektleiter Fachinformationszentrum Einwanderung –Regionales Fachkräftenetzwerk Einwanderung Augsburg, erläuterte, haben Unternehmen und Fachkräfte aus Drittstaaten nunmehr die Möglichkeit, das Einreiseverfahren auf eine Gesamtdauer von vier Monaten zu verkürzen. Wenn ein konkretes Arbeitsplatzangebot vorliegt, können Unternehmen mit der entsprechenden Vollmacht der betroffenen Fachkraft ein beschleunigtes Fachkräfteverfahren bei der zuständigen Ausländerbehörde beantragen.

Grundvoraussetzungen sind ein Arbeitsplatz in Deutschland sowie ein staatlich geregelter Abschluss auf mindestens Fachkraftniveau.

Landrat Stefan Frey sprach sein virtuelles Grußwort in seinem Amtszimmer; im Hintergrund Moderatorin Anne Güller-Frey von MigraNet. Bild: Bayerische GemeindeZeitung
Landrat Stefan Frey sprach sein virtuelles Grußwort in seinem Amtszimmer; im Hintergrund Moderatorin Anne Güller-Frey von MigraNet. Bild: Bayerische GemeindeZeitung

DK

 

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