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(GZ-24-2020)
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► Netzwerk Junge Bürgermeister:

 

Die Wende kommt

Das Netzwerk Junge Bürgermeister diskutiert online über Mobilität im ländlichen Raum

 

Gastbeitrag von Ulf Buschmann

Die Gemeinde Ruhpolding hat Mut bewiesen. Kostenloses Parken gibt es im Ort nicht mehr. Im Gegenteil, wer als Autofahrer im Ortskern der Gemeinde mit ihren knapp 7.100 Einwohnern parken möchte, zahlt acht Euro. Dies sei vergleichsweise viel Geld, meint der Erste Bürgermeister Justus Pfeifer. Im Gegenzug gebe es einen Einkaufsgutschein. Was anderswo kaum gelingt, nämlich den Autoverkehr aus den Zentren der kleinen und mittleren Städte und Gemeinden herauszuhalten, sei in Ruhpolding gelungen, erklärt Pfeifer nicht ohne Stolz.

Um auf diesem Wege mehr Lebens- und Aufenthaltsqualität zu erreichen, bedürfe es aber des Willens von Politik und Verwaltung, das Ziel durchzusetzen. Nicht nur Pfeifer bekräftigte dies. Andreas Borgmann, Mobilitätsplaner der Stadt Neu-Ulm, stieß ins gleiche Horn. Beide, der Schwabe und der Oberbayer, wissen: Für ein Konzept, wie es in Ruhpolding funktioniert, ist ein langer Atem notwendig. Denn nicht nur Politik und Verwaltung, auch die Akteure der Stadtgesellschaft wie die Gewerbetreibenden müssten eingebunden werden.

Das Ruhpoldinger Modell ist eines der Beispiele, wie Mobilität im ländlichen Raum in der Zukunft aussehen kann. Über dieses Thema diskutierten Mitglieder des Netzwerks Junge Bürgermeister Anfang Dezember in einer Onlinekonferenz. Dabei zeigte sich: Die Mobilität der Zukunft im ländlichen Raum brennt allen unter den Nägeln. Und: Fachleute wie Dr. Manfred Michl vom Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat (BMI) und Maximilian Rohs, Senior Manager für Infrastruktur und Mobilität des Beratungsunternehmens Price Waterhouse Coopers (PwC) waren überzeugt, dass sich die Mobilitätswende mittel- und langfristig nicht aufhalten lässt.

Integrierte, intelligente Konzepte sind gefragt

Rohs zeigte in seinem Impulsvortrag: Noch immer leben rund 50 Prozent der Deutschen in ländlichen Räumen. Mobilität, so der PwC-Fachmann, sei nicht nur eine Frage des Verkehrs. Angesichts der älter werdenden Bevölkerung habe Mobilität auch etwas mit Daseinsvorsorge und gesellschaftlicher Teilhabe zu tun. Für die Zukunft seien integrierte, intelligente Konzepte erforderlich. Rohs stellte die Gegenwart gegenüber: Angesichts fehlender Infrastruktur und Angebote sind Menschen in ländlichen Räumen zu 80 Prozent mit dem Auto unterwegs.

Lösungsvorschläge

Rohs hatte vier Lösungsvorschläge im Gepäck: Den öffentlichen Nahverkehr auf die Hauptachsen einer jeden Region mit Zulauf auf die Mittel- und Oberzentren konzentrieren, On-Demand-Angebote ausbauen, Sharing-Angebote aufbauen und das ehrenamtliche Engagement von Menschen mit einbeziehen. Letzteres gibt es bereits im Bereich der Bürgerbusse. Rohs sprach sich dabei gegen Insellösungen aus. Vielmehr müssten alle Angebote auf einer Plattform beziehungsweise einer App gebündelt werden.

Das alles gehe zwar auf den ersten Blick ins Geld – laut Rohs wird der Zuschussbedarf für den öffentlichen Nahverkehr von 200 Millionen Euro im Jahr 2018 auf etwa 900 Millionen 2030 steigen. Jedoch: Jeder in den Nahverkehr investierte Euro habe einen Nutzen für die Region. Der Faktor liege heute bei 2,5 und werde 2030 bei 3,8 liegen.

Forschungsprojekt zum autonomen Verkehr

Wie die Mobilität der Zukunft praktisch aussehen kann, wurde in einer Präsentation von Dominik Brasch, Bürgermeister der Stadt Bad Soden-Salmünster, klar. Die Kommune beteiligt sich an einem Forschungsprojekt der Fachhochschule Frankfurt zum autonomen Verkehr: Ein Fahrzeug ist im Kurgebiet von Bad Soden unterwegs – zurzeit allerdings noch mit einem menschlichen Operator an Bord.

In der Gemeinde Haßmersheim in Baden-Württemberg geht es da analoger zu. Dort, so erläuterte Bürgermeister Michael Salomo, habe die Gemeinde einen Bürgerbus angeschafft. Dieser sei seit 2019 unterwegs und werde bei der Bevölkerung gut angenommen.

Der Bürgerbus verkehrt innerhalb in der Gemeinde im Ein-Stunden-Takt und hält für die Bürger auch abweichend von der festgelegten Route. Dieses sei gerade für ältere, in ihrer Mobilität eingeschränkte Menschen wichtig.

Gerade erst wenige Wochen online „Das Nachschlagewerk rund um das Thema Mobilität vor Ort“ – der Untertitel für die Plattform Mobilikon. Das Projekt stellten BMI-Mann Michl und Manuela Schade vom Bundesinstitut für Bau, Stadt und Raumforschung (BBSR) vor. Mobilikon sei eine Wortkombination von Mobilität und Lexikon. Dahinter stecke die Absicht, einen Überblick über Angebote und Projekte zum Fortkommen.

Plattform Mobilikon

Doch nicht nur das, wer sich auf der Seite unter www.mobilikon.de umschaut, entdeckt zahlreiche Beispiele aus der Praxis wie die „PlusBusse“ im Landkreis Potsdam-Mittelmark, kann sich über Maßnahmen wie Radschnellwege und die entsprechenden Verwaltungsvereinbarungen dazu informieren und kommt zum Partnernetzwerk „Nationales Kompetenznetzwerk für nachhaltige Mobilität“ (NaKoMo).

Natürlich sei Mobilikon mit seinem derzeitigen Umfang erst der Anfang. Das betreuende BBSR beziehungsweise das BMI möchten das Angebot zügig ausbauen. Michl forderte die Teilnehmer der Online-Konferenz deshalb aus, Informationen und Erfahrungen aus allen Bereichen der Mobilität zu liefern.

Ulf Buschmann

 

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