Aus den Kommunenzurück

(GZ-4-2021)
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► Eckpunktepapier zur Kulturarbeit:

 

Einst das Kummet, heute YouTube

Bezirk Unterfranken legt progressives Eckpunktepapier zur Kulturarbeit in der Region vor

 

Der Bezirk will in puncto Kultur neben Traditionellem verstärkt Progressives fördern: Dies geht aus einem „Eckpunkteprogramm“ hervor, das im Kulturausschuss des Bezirkstags vorgestellt wurde. Die ambitionierten Kulturziele beißen sich leider mit der prekären Haushaltslage, wird Kultur in Unterfranken doch durch eine bezirkseigene Stiftung finanziert. Die warf früher einmal 13 Millionen Euro ab. Heuer wird nur noch die Hälfte ausgeschüttet. 

Inklusion steht ganz oben auf der neuen kulturpolitischen Agenda des Bezirks. Menschen, die im Rollstuhl sitzen, die blind sind, nicht hören können oder Leichte Sprache benötigen, soll Kunst und Kultur in Zukunft barrierefreier zugänglich sein. Wie Inklusion im Museumsbereich funktionieren kann, zeigt der Bezirk im bezirkseigenen Graf-Luxburg-Museum, das nunmehr neu konzipiert wurde.

„Die gewonnenen Erkenntnisse sollen für die anderen unterfränkischen Museen durch Veranstaltungen, Fortbildungen und die Teilnahme an Netzwerken erfahrbar und nutzbar gemacht werden“, heißt es in den neuen kulturpolitischen Leitlinien.

Wie Klaus Reder, Chef der bezirklichen Kulturabteilung, betonte, legt der Bezirk mit dem Eckpunktepapier ein anspruchsvolles Programm vor. Das Programm reagiert auf vielfältige neue Entwicklungen. Zum Beispiel auch auf den Trend zur Säkularisierung.

„Immer weniger BezirksbürgerInnen sind Mitglied einer christlichen Kirche“, wird im Papier konstatiert. Kirchen stünden als Folge leer. Zu den neuen Aufgaben der Kulturarbeit gehöre es in Zukunft deshalb auch, mit der Diözese sinnvolle Nachnutzungen kirchlicher Gebäude zu finden.

Das „kulturelle“ Erbe, stellt das Papier klar, umfasst nicht nur den Zeitgeist vergangener Epochen. Kultur wird als „gestaltbar“ begriffen. Was im 21. Jahrhundert heißt: Kultur benötigt Digitalisierung, und auch Digitales ist Kultur. Konkret wird darüber nachgedacht, YouTube-Filme zu Trachtenthemen ins Netz zu stellen. Die von der Bezirksheimatpflege konzipierte Wanderausstellung „woher|wohin“ wird durch eine Social-Media-Aktion ergänzt. Im Johanna-Stahl-Zentrum werden Online-Datenbanken aufgebaut, z.B. zur Erinnerungskultur oder zu jüdischen Familien in Franken.

Kulturgut Sprache

Zwei Bezirksräte von AfD und CSU gingen auf Distanz zur sprachlichen Formulierung des Papiers, wiewohl sie die Leitsätze inhaltlich mitttragen. Das löste im Bezirkstag eine Debatte zum „Kulturgut Sprache“ aus. Die Bezirksheimatpflege steht zur Verwendung von Anglizismen, gerade wenn es um Ausdrücke aus der EDV geht, etwa „online“ oder „Relaunch“.

Auch wird im Papier bewusst das „Binnen-I“ etwa bei „MusikerInnen“ verwendet. Sprache, machte Reder klar, verändert sich. Neue Worte tauchen auf, andere verschwinden: „Auch die bäuerliche Welt des 19. Jahrhunderts hatte Fachbegriffe, die nicht übersetzt werden konnten, so ist und bleibt ein ‚Kummet‘ ein ‚Kummet‘.“

Die Welt, in der wir heute leben, ist nun mal völlig anders als jene vor 100 Jahren. Genau darauf will der Bezirk verstärkt reagieren. Das neue Kulturprogramm bezieht deshalb explizit auch Migranten und Geflüchtete ein, etwa beim BandCamp der bezirklichen Popularmusik.

Mit 15.000 Euro wird das unterfrankenweit einmalige, musikpädagogische Projekt „Willkommen mit Musik“ unterstützt. Kinder aus Flüchtlingsfamilien, deren Eltern sich keine Musikschule leisten könnten, erhalten von professionellen Musikpädagogen Gesangs- und Instrumentalunterricht zu günstigen Preisen.

Umgesetzt werden kann das ehrgeizige Eckpunktepapier nur dann, wenn die Kulturstiftung genug Geld abwirft. Um ausreichend Mittel zu haben, werden mehr und mehr Aufgaben aus der Stiftung in den hauptsächlich von den Umlagezahlern finanzierten Bezirkshaushalt verlagert.

Auch greift der Bezirk seine Rücklagen an. Dennoch reichen die Erträge nach aktuellen Prognosen nur noch bis 2024, um alles, was bisher gefördert wurde, weiterhin zu finanzieren.

Es soll aber nach neuen Lösungen gesucht werden, versprach Bezirkstagspräsident Erwin Dotzel: „Wir denken quer und längs und versuchen alles, um ein verlässlicher Partner für die Kultur zu bleiben.“

Pat Christ

 

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