Kommunalverbändezurück

(GZ-14-2017) 
gz bayerischer staedtetag
 Bayerischer Städtetag 2017 in Rosenheim:
 
Mobilität und Stadtentwicklung
 

In voller Fahrt ist die Diskussion zu allen Formen „neuer Mobilität“. Die Erwartungen an eine umweltfreundliche und vernetzte Mobilität steigen, sie soll multimodal und digital vernetzt sein, mit allen Möglichkeiten moderner Informations- und Kommunikationssysteme. Mit den aktuellen Herausforderungen für die Städte, die sich aus neuen technischen Entwicklungen ergeben, befasste sich der Bayerische Städtetag 2017 in Rosenheim, zu dem sich Rathauschefs aus 280 Kommunen einfanden.

Wie Oberbürgermeisterin Gabriele Bauer bei ihrer Begrüßung betonte, müssten die vielfältigen Erwartungen an Umweltschutz und Lärmschutz, die Bedürfnisse von Pendlern und Wirtschaft auf einen Nenner gebracht werden.

Der öffentliche Raum sei knapp, er werde intensiv genutzt – für eine effizientere Nutzung stünden auch neue digitale Möglichkeiten zur Verfügung.

Nutzungsmöglichkeiten für alternative Verkehrsmittel

Man wolle niemanden zwingen, das Auto stehen zu lassen. Trotzdem sei es wichtig, die Nutzungsmöglichkeiten für alternative Verkehrsmittel und deren Akzeptanz zu schaffen. Bauer sah eine spannungsreiche Zeit auf die Menschen zukommen. „Ich freue mich darauf“, sagte die Rathauschefin.

Nach den Worten des Vorsitzenden des Bayerischen Städtetags, Nürnbergs Oberbürgermeister Dr. Ulrich Maly, werde der öffentliche Raum intensiver von dichteren Pendlerströmen, wachsendem Wirtschaftsverkehr, verstärkten Warenströmen sowie mehr Freizeit- und Tourismusverkehr genutzt. Das Wachstum vor allem in Ballungszentren lasse die Verkehrsströme in den Städten und in benachbarten Regionen ansteigen.

„Menschen nehmen immer längere Wege zum Pendeln an ihre Arbeitsplätze in Kauf. Waren werden transportiert, Güter fahren Just-in-Time zu Produktionsstätten. Damit wächst der Güterverkehr auf Sattelschleppern, wegen des boomenden OnlineHandels wächst der Lieferverkehr mit Kurierdiensten, immer mehr Kleintransporter parken in der zweiten Reihe“, erläuterte der Vorsitzende.

Vernetzung der Regionen

Wie Maly weiter hervorhob, müsse Landesentwicklung auf die Vernetzung der Regionen untereinander achten: Wegeketten von Pendlern und Gütern hielten sich nicht an Verwaltungsgrenzen von Städten, Gemeinden, Landkreisen, Regierungsbezirken oder Landesgrenzen. Die Planung und Konzeption von Verkehrswegen müsse stärker vernetzt sein – hier sei Regional- und Landesplanung elementar. Es gehe um die Verbindungen in einem Ballungsraum, um Verkehrsachsen zwischen Städten und Regionen auch über Grenzen hinweg, etwa zwischen Aschaffenburg und Hessen, Neu-Ulm und Baden-Württemberg, Freilassing und Salzburg, Marktredwitz und Eger.

Maly

Dr. Ulrich Maly. RED

Ausgedient hat nach Malys Auffassung „das Konzept der autogerechten Stadt“, das abgelöst werde vom Leitbild der kompakten Stadt und der Stadt der kurzen Wege.

Größere Dichte in der Stadt

Dies bedeute eine größere Dichte in der Stadt und eine Mischung von Wohnen, Arbeit, Freizeit und Einkaufen. Damit soll Autoverkehr vermieden werden, während Fußgänger, Radler und öffentliche Verkehrsmittel mehr Raum bekommen.

Die Ansprüche an die Flächengröße für Wohnungen steigen stetig: Je Einwohner wächst die durchschnittliche Wohnfläche, die Eigenheimsiedlungen wachsen an den Ortsrändern. Gewerbegebiete gehen an Ortsrändern in die Fläche. Dieses Wachstum zieht mehr Einkaufs- und Pendelverkehr nach sich. Jeder Meter Straßenbau, jeder Kreisverkehr, jeder Parkplatz bedeutet einen Verbrauch an Flächen. „Das Wachstum, das Bayern derzeit erlebt, bedeutet Verdichtung in den urbanen Zentren, Versiegelung von Landschaft am Ortsrand und in ländlichen Räumen. Es wird enger im Inneren und weitflächiger an den Randbereichen“, stellte der Verbandsvorsitzende fest. Verkehrsplanung und Siedlungsplanung griffen ineinander, sie müssten raumverträglich sein und die Wechselbeziehungen in einem Raum und über eine Region hinaus im Blick haben. Zentren in ländlichen Räumen wie Ansbach, Bamberg, Bayreuth, Kempten, Landshut, Marktredwitz, Memmingen, Passau, Rosenheim und Würzburg seien geprägt von Pendlerströmen.

Elemente einer nachhaltigen Siedlungsentwicklung

Maly zufolge sind die kompakte Stadt mit gemischten Nutzungen und die Stadt der kurzen Wege Bestandteile für eine nachhaltige Siedlungsentwicklung. Damit ließen sich Autoverkehr und Lieferverkehr verringern, Flächenfraß bremsen, Klimaschutz vorantreiben und Kosten für Infrastruktur effizient gestalten. „Siedlungsstruktur und Mobilität – diese beiden Bereiche bedingen einander und stehen in Wechselwirkung. Die kompakte Stadt erleichtert die Mobilität.“

Gribl

Dr. Kurt Gribl. RED

Wie der stellvertretende Vorsitzende des Bayerischen Städtetags, Augsburgs Oberbürgermeister Dr. Kurt Gribl darlegte, „ändern sich die Erwartungen an Mobilität“. Mobilität solle stadtverträglich und umweltfreundlich, multimodal und digital vernetzt sein. Mobilität müsse mit den Instrumenten der Stadtentwicklungsplanung und der Verkehrsplanung gesteuert werden. Verkehrsplanung dürfe dabei nicht auf ein Gemeindegebiet beschränkt sein, sondern müsse über Grenzen hinaus denken.

Regionen müssten mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar sein, kurze Reisezeiten und gute Umsteigemöglichkeiten erleichterten das Pendeln. Dadurch könnten strukturschwächere Regionen Einwohner halten. Je besser erreichbar ländliche Räume sind, desto geringer sei die Neigung zum Wegzug in Ballungszentren. Damit lasse sich der Zuzugsdruck auf Verdichtungsräume wie München, Ingolstadt, Augsburg, Nürnberg und Regensburg lindern.

Effizientere Nutzung des öffentlichen Raums

Die Zukunft liegt Gribl zufolge im vernünftigen Mix unterschiedlicher Verkehrsmittel. Verknüpfte Leitsysteme gäben überregionale Fahrgastinformationen über Apps mit Live-Daten, dynamische Fahrgast-Informationen an Haltestellen, in Bussen und Bahnen erleichterten das Umsteigen. Leicht verständliche Tarife mit übergreifenden Ticket-Systemen, elektronischen Tickets und unkomplizierten Buchungsmöglichkeiten machten den Nahverkehr attraktiver. Bessere Umsteigemöglichkeiten, Park and Ride, Park and Bike, attraktive barrierefreie Bahnhöfe und Haltestellen knüpften neue Möglichkeiten zur Mobilität. Solche Verbesserungen ließen sich nur mit weiteren Investitionen erreichen.

„Bund und Freistaat müssen deutlich mehr als bisher in die Verkehrsinfrastruktur und den öffentlichen Nahverkehr investieren. Für die Bundesebene stellt sich diese Aufgabe in der nächsten Legislaturperiode. Der Freistaat signalisiert mit den Bemühungen um Luftreinhaltung in unseren Städten Bereitschaft, die Förderung des öffentlichen Nahverkehrs besser auszustatten“, so der Städtetags-Vize.

Fonds für umweltfreundlichen Verkehr

Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt will einen Fonds zur Finanzierung von umweltfreundlicherem Verkehr in den Städten schaffen. In diesen Topf solle neben dem Bund auch die Automobilindustrie einzahlen, erläuterte der Minister. Als Beispiel führte er die Bezuschussung von noch intelligenteren Ampelschaltungen in Städten an, um den Verkehr flüssiger zu gestalten.

Dobrindt sprach sich für schnellere Genehmigungsverfahren von Verkehrsprojekten aus. Dafür solle ein Planungsbeschleunigungsgesetz sorgen. Bei Klagen solle nur noch eine Gerichtsinstanz mit nur noch einem Urteil zuständig sein, „damit wir uns nicht in Dauerschleifen vor Gerichten finden.“ Wenig Verständnis habe er, wenn Umweltargumente nicht mehr dem Schutz der Umwelt dienen, sondern nur noch der Verhinderung. Zudem bekräftigte der Verkehrsminister seine Ablehnung von Fahrverboten für Dieselfahrzeuge in Städten und warnte in diesem Zusammenhang vor vermeintlich einfachen Lösungsvorschlägen wie der Einführung einer blauen Plakette.

Ältere wollen Verkehrsteilnehmer bleiben

Gedanken zur Mobilität aus gesellschaftlicher Sicht trug der Soziologe Professor Dr. Armin Nassehi vor. Mit Blick u.a. auf die künftigen Alten wies er darauf hin, dass diese nicht passiv zu Hause sitzen und entsprechend Verkehrsteilnehmer sein und bleiben werden. Als im Ganzen recht zahlungskräftige Bevölkerungsgruppe und als Angehörige einer Generation, die seit den 1950er und 60er Jahren mit dem Automobil groß geworden sei, werde diese Bevölkerungsgruppe eine „Autogeneration“ bleiben, prognostizierte Nassehi. Mobilität werde für sie noch mehr als für andere insbesondere als Individualmobilität attraktiv bleiben. Das Automobil als Vehikel, das Teilhabe an der Gesellschaft ermöglicht.

Innenstaatssekretär Gerhard Eck, Oberbürgermeisterin Gabriele Bauer, Armin Falkenhein, Vorsitzender des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC) – Bayern, Dr. Robert Frank, Vorsitzender des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) – Landesgruppe Bayern und Josef Hasler, Vorsitzender des Verbands kommunaler Unternehmen (VKU) – Landesgruppe Bayern, erläuterten im Rahmen einer Podiumsdiskussion ihre Sicht zum Tagungsthema.

Radverkehr immer wichtiger

Dass auch der Radverkehr eine wichtige Stellschraube in der zukünftigen Entwicklung der Städte spielt, machte die Arbeitsgemeinschaft fahrradfreundliche Kommunen in Bayern (AGFK) deutlich und bot den Teilnehmern dabei die Möglichkeit, sich über den Verein zu informieren und über Radverkehrsförderung in Bayern auszutauschen.

Darüber hinaus bestand für die Gäste der Rosenheimer Vollversammlung die Möglichkeit, sich anhand von Präsentationen namhafter Referenten über innovative Mobilitätsprojekte zu informieren. Vorgestellt wurde zunächst das in München laufende Forschungsprojekt für vernetzte urbane Mobilität „City2Share“. In ausgewählten Innenstadtrandquartieren soll durch die Vernetzung neuer Mobilitätskonzepte mit dem bestehenden Verkehrsangebot eine effizientere Nutzung des Straßenraums sowie eine Steigerung der Aufenthalts- und Wohnumfeldqualität erreicht werden.

Anhand von Erfahrungen und Erkenntnissen der Stadt Ingolstadt und der Audi AG wurde in einer weiteren Präsentation über die Möglichkeiten informiert, die das automatisierte Fahren bis hin zum „fahrerlosen Auto“ für die Stadtentwicklung und zur Entlastung des Verkehrs- und Parkdrucks vor allem in den Innenstädten bringen kann.

Präsentation 3 beschäftigte sich mit dem automatisierten Fahren im Individualverkehr. Busse und Bahnen mit umweltfreundlichen Antrieben, insbesondere der Elektromobilität, könnten neue Chancen für die Gestaltung des ÖPNV bieten. Berichtet wurde über innovative Strategien der Deutschen Bahn AG zu diesem Themenfeld. Im Vordergrund stand dabei die Präsentation eines fahrerlosen, elektrisch betriebenen Kleinbusses.

Bedarfsorientierte Mobilitätsangebote für den ländlichen Raum

Vernetzte Mobilität im ländlichen Raum“ lautete das Thema der letzten Präsentation. Wichtig für den ländlichen Raum sind bedarfsorientierte Mobilitätsangebote, die Mitfahrgelegenheiten im privaten Individualverkehr mit Taxi, Bus und Bahn verknüpfen und die Fahrten möglichst voll digitalisiert mit einem einheitlichen elektronischen Ticket für die gesamte Fahrtstrecke anbieten. Hierzu wurde über das Projekt des Umweltbundesamtes „Ökologische und ökonomische Potenziale von Mobilitätskonzepten in Klein- und Mittelzentren sowie dem ländlichen Raum vor dem Hintergrund des demografischen Wandels“ und über konkrete Projekte im Freistaat informiert. 

DK

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