Fachthemazurück

(GZ-9-2022)
gz fachthema

► Advertorial:

 

Kommunale Entwicklungspolitik - „Einfach loslegen“

Ein Gespräch mit Bürgermeister Markus Reichart aus Heimenkirch

Markus Reichart ist seit 2008 Erster Bürgermeister der Marktgemeinde Heimenkirch im Allgäu und vertritt ca. 3.700 Einwohnerinnen und Einwohner. Heimenkirch pflegt Initiativen mit zwei Kommunen im Libanon.

Wie ist es dazu gekommen, dass Sie sich entwicklungspolitisch engagieren?

Markus Reichart: Der Impuls kam 2017, angesichts der Syrienkrise und der Vertreibung von vielen Menschen. Damals wurden alle deutschen Kommunen vom Bundesentwicklungsminister Gerd Müller angeschrieben und angefragt, ob für sie ein Engagement in der Region vorstellbar sei – auch mit finanzieller Förderung und Unterstützung des Bundes. Nach kurzer Zeit waren wir fünf Gemeinden hier in der Region, die gemeinsam gesagt haben: „Wir wollen mit anpacken da drüben.“

Es gab ein erstes Treffen mit Vertreterinnen der Servicestelle Kommunen in der Einen Welt (SKEW) von Engagement Global hier in Heimenkirch, um zu erörtern, ob wir in der Türkei, im Libanon oder in Jordanien einsteigen wollen. Wir haben uns auf den Libanon geeinigt, weil es dort noch keine Partnerschaften mit deutschen Kommunen gab. Wir sind alle kleine Kommunen. Wir haben Partner gefunden, die von der Größe her auch in etwa passen. Unser erster Kontakt war die Gemeinde Ghazzé in der Bekaa-Ebene, unweit der  syrischen Grenze. Die Gemeinde mit rund 6.000 Einwohnern beherbergte im Jahr 2018 rund 36.000 Geflüchtete aus Syrien, die in Zeltstädten rund um die Gemeinde wohnen.

Wie sieht denn die Zusammenarbeit konkret aus?

Reichart: Das erste Projekt, das wir gestartet haben, ist die Sanierung eines Bürgerparks in der Gemeinde Ghazzé. Es geht darum, den Sportplatz wieder benutzbar zu machen und Aufenthaltsplätze zu errichten, um einen Begegnungsort für die Einheimischen und die syrischen Geflüchteten zu schaffen. Wir haben gelernt, dass wir der libanesischen Bevölkerung zur Seite stehen und nicht nur den syrischen Geflüchteten helfen müssen. Jetzt sind wir mit den libanesischen Partnern schon gut befreundet, waren vor Corona zweimal direkt vor Ort und seitdem laufen regelmäßig Videokonferenzen. Der nächste Besuch in Ghazzé ist im Juli 2022 mit einer kleinen Delegation vorgesehen. Bei einem zweiten Projekt in der Gemeinde Bwarej geht es um einen Austausch junger Menschen zwischen 18 und 30 Jahren, die zur Jugendarbeit qualifiziert werden. Es ist ein mit deutschen und libanesischen jungen Menschen paritätisch besetztes Projekt. Wir kooperieren dabei mit der Jugendbildungsstätte in Babenhausen, die einen Großteil der operativen Arbeit für uns erledigt. Vergangenes Jahr waren die libanesischen jungen Leute bei uns. Dieses Jahr im Frühling ist eine Delegation aus Deutschland in den Libanon gefahren. Weil sich der deutsch-libanesische Jugendaustausch bewährt hat, wird im Mai eine neue Runde gestartet.

Wie wirkt sich diese Zusammenarbeit auf die Bürgerschaft aus?

Reichart: Es gibt viele Menschen, die sich ehrenamtlich für ukrainische Geflüchtete engagieren – ein Synergieeffekt aus dem Libanon-Engagement. Wir stellen unsere Doppelturnhalle für die Erstaufnahme im Landkreis zur Verfügung. Es hat sich spontan ein Netzwerk von 30 Menschen gebildet. Die kümmern sich um Dinge des täglichen Bedarfs, um Behördengänge, dass die Kinder in die passende Schule kommen und Sprachkurse angeboten werden. Es ist schon eine Sensibilität entstanden, gerade unter den jungen Leuten hier im Ort.

Gibt es aus Ihrer persönlichen Sicht einen besonderen Moment in der Zusammenarbeit?

Reichart: Als ich das erste Mal in Ghazzé war und die Dimensionen in der Bekaa-Ebene entlang der syrischen Grenze gesehen habe – ein Zeltlager nach dem anderen: wie die Menschen dort seit Jahren wohnen, bei Wind und Wetterverhältnissen, wie wir sie auch im Allgäu kennen. Und, wie lebensfroh diese Menschen dort sind. Da kicken die Kinder mit alten Fußbällen, und die Menschen laden uns in ihre kärglichen Behausungen auf einen Tee ein. Das war schon sehr bewegend – auch die überragende Gastfreundschaft unserer libanesischen Partner. Wir lernen von den Libanesen mindestens so viel, wie sie von uns vielleicht an Know-how mitnehmen können.

Was würden Sie einer Bürgermeisterin oder einem Bürgermeister einer ähnlich großen Gemeinde mit auf dem Weg geben, die bzw. der noch keine Erfahrung mit entwicklungspolitischem Engagement hat?

Reichart: Einfach loslegen! Das Ganze macht Spaß und verschafft wertvolle Einsichten weit über den eigenen Tellerrand hinaus. Man begegnet wunderbaren Menschen und lernt unheimlich viel. Das erste, was ich machen würde, wäre mal ein Anruf bei der SKEW von Engagement Global. Da stößt man immer auf offene Ohren. Es ist wichtig, als Kommune die eigene Bevölkerung mitzunehmen. Man wird positiv überrascht sein, wenn man einfach loslegt und als Bürgermeisterin oder Bürgermeister das Thema in die Waagschale wirft.

Was ich jedem ans Herz legen möchte, ist, dass man so etwas in dem Bewusstsein machen sollte, dass es auf Dauer angelegt ist. Man begegnet sich auf Augenhöhe. Keine Partei ist jemals belehrend. Das Engagement im Libanon von einer kleinen Gemeinde Heimenkirch ist nur ein Kiesel, der in einen riesigen See geworfen wird. Aber auch die kleinen Wellen kommen irgendwann am Ufer an. Es reicht, wenn man sich überschaubare Dinge vornimmt. Das verbreitet sich und das sickert ein ins Bewusstsein der Gesellschaften auf beiden Seiten, in beiden Ländern. Das sind dann bleibende Werte, die auch weitergegeben werden an die nachfolgenden Generationen.

Weiter Infos unter: www.service-eine-welt.de oder info@service-eine-welt.de

 Anzeige

 

Dieser Artikel hat Ihnen weitergeholfen?
Bedenken Sie nur, welche Informationsfülle ein Abo der Bayerischen GemeindeZeitung Ihnen liefern würde!
Hier geht’s zum Abo!

 

GemeindeZeitung

Fachthema

AppStore

TwitterfacebookinstagramYouTube

Google Play

© Bayerische GemeindeZeitung