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(GZ-12-2017)
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► Prof. Dr.-Ing. Frank Pöhler / Bayerische Elektrizitätswerke GmbH:
 
Wasserkraft – mehr als nur Stromerzeugung
 

Poehler
Prof. Dr.-Ing. Frank Pöhler Bay. Elektrizitätswerke GmbH

„Wasserkraft bedeutet vor allem sichere, langlebige, preiswerte, grundlastfähige und planbare Stromerzeugung. Damit unterscheidet sie sich grundlegend von hoch fluktuativer Stromerzeugung aus Wind- und Photovoltaikanlagen und trägt maßgeblich zur Netzstabilität bei“, stellte Geschäftsführer Prof. Dr.-Ing. Frank Pöhler fest. Er monierte, dass die Energiewende bisher fast ausschließlich nur eine Stromwende sei.

Bundesweit macht Wasserkraft laut Pöhler nur etwas mehr als 11 % der regenerativen Stromerzeugung aus. Parallel zu Windenergie und Photovoltaik sind aus seiner Sicht „Schattenkraftwerke“ zur Bedarfsdeckung in voller Höhe, hochflexible und zuverlässige Kraftwerke zur Ausregelung sowie flexible Stromspeicher notwendig. Allerdings fehle es an Investitionsanreizen für notwendige „Schattenkraftwerke“ und Speicher, weshalb ein neues Marktmodell benötigt werde.

Unverzichtbar für den Energiewende-Erfolg

„Tatsache ist: Die Wasserkraft ist für den Energiewende-Erfolg in Bayern unverzichtbar“, hob der BEW-Geschäftsführer hervor. Mit durchschnittlich 12,5 Milliarden Kilowattstunden pro Jahr kommen fast 60 Prozent des in Deutschland produzierten Wasserkraftstroms aus dem Freistaat. Heute noch beträgt der Wasserkraftanteil an der Stromerzeugung in Bayern rund 14 Prozent, während er in Deutschland bei lediglich knapp drei Prozent liegt.

 „Die jährliche Stromerzeugung der Bestandskraftwerke in Bayern nimmt deutlich ab. Nach Abschaltung der Kernenergie ist Bayern zu mehr als 50 % von Stromimporten abhängig. Deshalb ist der Erhalt der Wasserkraft ein Gebot der Vernunft!“, unterstrich Pöhler. Wasserkraft sei mehr als nur regenerative Stromerzeugung; Strom aus Wasserkraft lasse sich in Pumpspeicher-/ Speicher-Kraftwerken sicher und effizient mit Wirkungsgraden über 80 Prozent und wirtschaftlich in großen Mengen speichern. Die Stromerzeugung aus Wasserkraft als heimischem Energieträger sei CO2- und schadstofffrei, schütze das Klima und schone die Ressourcen.

Nur die „große“ Wasserkraft mit einer Leistung von mehr als 5 MW sei als Erneuerbare Energiequelle heute wirtschaftlich und ohne Subvention betreibbar. Allerdings stehe sie von verschiedenen Seiten unter Druck, wie Pöhler ausführte. Sinnvolle Ausbaupotenziale seien schwer durchsetzbar und es mangle an politischer und gesellschaftlicher Unterstützung. Zudem erschwerten und verteuerten immer strengere ökologische Auflagen (Schwellbetrieb, Restwasser…) die Stromerzeugung.

Auch erfordere die Umsetzung der EU-Wasserrahmenrichtlinie (Durchgängigkeit für Fische, Schaffung ökologischer Gewässerstrukturen…) Investitionen in Millionenhöhe. Darüber hinaus bringe die Börsenpreis-Situation für Strom die Wasserkraft an die Grenzen der Wirtschaftlichkeit und seien Möglichkeiten für Investitionen in den Erhalt der Anlagen begrenzt.

Wasserkraftanlagen mit einer Leistung von mehr als fünf Megawatt seien die einzigen regenerativen Stromerzeugungsanlagen, die in Deutschland nicht über das EEG subventioniert werden, erläuterte der Geschäftsführer. Auch nach 17 Jahren EEG-Subventionierung beträgt die Durchschnittsvergütung aller geförderten EEGAnlagen heute immer noch rund 13 Cent je Kilowattstunde, während die große Wasserkraft ihren regenerativen Strom nach Marktpreisen verkaufen muss, die derzeit etwas unterhalb von drei Cent je Kilowattstunde liegen. „Der Preisverfall von Strombörse und Emissionsrechten bringen die Wasserkrafterzeugung an die Grenze der Wirtschaftlichkeit“, betonte Pöhler. Die „große“ Wasserkraft sei somit der große Verlierer der Energiewende.

Schwierig sei die wirtschaftliche Situation für die Wasserkraft auch deshalb, weil die Bundesregierung in ihrem Gesetzentwurf „zur Modernisierung der Netzentgeltstruktur“ den Erhalt der vermiedenen Netzentgelte für große Wasserkraftwerke ablehnt, da der Zubau dezentraler Erzeugung zusätzlichen Netzausbaubedarf verursache. Pöhler zufolge sind vermiedene Netzentgelte (vNE) eine bedeutsame Erlösquelle für Wasserkraftanlagen mit einer Leistung von mehr als fünf Megawatt (bei heutigen niedrigen Börsenpreisen ca. 10 - 30 % der Gesamterlöse). Beim Wegfall von vNE ohne Kompensation sei bei unveränderter Preissituation die nachhaltige Wirtschaftlichkeit vieler großer Wasserkraftwerke nicht mehr gegeben.

Im Gegensatz zu anderen regenerativen Stromerzeugern muss die große Wasserkraft zusätzlich immense Kosten für Hochwasserschutz, Naturschutz und Fischschutz, Flusssanierung und Grundwasserschutz, Gewässerreinhaltung (rund 200.000 Kubikmeter Treibgut und Abfall fischen die Wasserkraftbetreiber allein in Bayern aus den Flüssen - Rechengutentsorgung), Erhalt der Infrastruktur, Schaffung von Voraussetzung für Naherholung und Tourismus, Unterhalt von Wasserstraßen sowie Wassernutzungsgebühren aufbringen. Pöhler: „Viele Leistungen der großen Wasserkraft gehören untrennbar zum Geschäft und sollen auch nicht entfallen – weder für die Betreiber noch für die Allgemeinheit. Fakt ist aber, dass Zusatzaufgaben bei den Wasserkraftbetreibern bis zu 30 % der Gesamtkosten verursachen. Zum Erhalt und der Bezahlbarkeit müssen die „Strompreise“ diese Leistungen aber honorieren, da sie sonst nicht finanzierbar sind.“

Stabile Erlöse für Wasserkraftbetreiber erforderlich 

Um auch künftig diese Vielzahl von Zusatzaufgaben für die Gesellschaft leisten zu können und die Wasserkraft weiterhin nachhaltig zu betreiben, benötigten die Wasserkraftbetreiber stabile Erlöse (gerechte Marktpreise und kein Abbau der Entgelte für vermiedene Netznutzung) sowie eine faire und verursachergerechte Lastenteilung der Zusatzaufwendungen. Aktuell seien jedoch weitere verschärfte Kostensenkungsprogramme der Kraftwerksbetreiber die Reaktion auf die Marktsituation, „wobei aber trotz Strombörsenpreisen um 2 ct/kWh die nachhaltige Wirtschaftlichkeit der gro- ßen Wasserkraftwerke nicht sichergestellt ist“.

„Rationalisierung ist zwar ein wesentlicher Teil der Strategie der Bayerischen Elektrizitätswerke, aber Sparen ist nicht alles“, wie Pöhler erläuterte. Die Strategie der BEW bestehe deshalb aus den drei Säulen Optimierung der Wasserkraft, Nachhaltigkeit der Wasserkraftnutzung und neue Wege der Zusammenarbeit.

Durch die Optimierung der Wasserkraft sei nachweislich eine deutliche Reduzierung der Gesamtbetriebskosten um 36 % erreicht worden. Die Nachhaltigkeit der Wasserkraftnutzung mit dem Ziel der Vermeidung von Investitionsstau beinhalte zunächst die Fortführung der Modernisierung und Automatisierung von 6 Kraftwerken an der Oberen Donau und 4 Kraftwerken am Unteren Lech sowie die Umsetzung der „Illerstrategie 2020“. Hinzu kommt die Leistungssteigerung durch neue Laufräder am Kraftwerk Meitingen am Lechkanal, wo 3 Maschinen mit neuen Doppel-Francis-Laufrädern eine Erzeugungssteigerung um 14 % ermöglichen.

Maßnahmen zur Hochwassersicherheit (Ertüchtigung und Anpassung von Dämmen und Deichen an DIN 19700 insbesondere am Unteren Lech und an der Donau) stehen ebenso auf der Agenda wie die Umsetzung der EU-Wasserrahmenrichtlinie, d.h. komplette Herstellung der Durchgängigkeit von Iller, Wertach und Günz (Neubau von Fischwanderhilfen an diesen Flüssen abgeschlossen) und Schaffung von Gewässerstrukturen und Untersuchungen zum Geschiebetransport.

„Als BEW wollen wir Vorbild für die Wasserkraftnutzung der Zukunft sein und auftretende Interessenskonflikte minimieren. Wir möchten mit allen Stakeholdern – also mit Anwohnern, Umweltund Fischereiverbänden, mit Kommunen, Fachbehörden und der Wissenschaft – auf Augenhöhe kommunizieren, deren Kompetenz und Engagement nutzen, um gemeinsame Best-Practice-Lösungen zu finden. Diese Vorgehensweise generiert Vorteile für alle Seiten“, erklärte der Professor.

Best-Practice-Lösungen: „INADAR“ und „ISOBEL“ 

Beispiele dafür sind unter anderem zwei Projekte, die von der EU im Rahmen des Life-Programms gefördert werden. Beim Projekt „INADAR“ mit einem Gesamtbudget von rund 1,4 Mio. Euro erfolgt derzeit an zwei Staustufen an der Donau (Oberelchingen und Offingen) die Erprobung und Bewertung einer von der BEW entwickelten Methode zur Dammsanierung, bei der gleichzeitig Hochwasserschutz und Ökologie verbessert werden. Das Projekt wird von LIFE, einem Förderprogramm der EU für Umwelt, Naturschutz und Klimapolitik, mit 655.000 Euro gefördert.

Im Mittelpunkt des Projekts „ISOBEL“, einem Pilotprojekt mit europaweitem Vorbildcharakter, steht ein zielgerichtetes Geschiebemanagement, um geeignete Gewässerstrukturen und neue Lebensräume für Fische und Kleinlebewesen zu schaffen. Die BEW testet dazu gemeinsam mit der Universität Augsburg, dem Aueninstitut Neuburg und dem Fischereiverband Schwaben e.V. an mehreren Abschnitten verschiedene Verfahren, gezielt Kies in den Fluss einzubringen. Das Projekt ISOBEL läuft bis Ende 2019 und wird ebenfalls von LIFE unterstützt. Die Gesamtkosten für das Vorhaben belaufen sich auf rund 1,8 Millionen Euro. Die EU fördert alle Maßnahmen mit 60 Prozent.

Rückbesinnung auf mehr Marktwirtschaft im Strombereich

Es sei an der Zeit, die politische Unterstützung zum Erhalt der Wasserkraft einzufordern, bemerkte Pöhler. Durch weitere EEG-Reformen müsse man möglichst rasch zu mehr Marktwirtschaft im Strombereich zurückfinden. Wasserkraft sei ein hochwettbewerbsfähiger Energieträger. Je mehr Markt, desto besser für die große Wasserkraft. In der Übergangszeit müsse zudem der wirtschaftliche Betrieb der großen Wasserkraftwerke durch ein neues Marktdesign abgesichert werden. Ferner sollten die vermiedenen Netznutzungsentgelte für steuerbare Leistungen beibehalten und ökologische Maßnahmen unter Verwendung der von der Wasserkraft zu entrichtenden Wassernutzungsgebühren unterstützt werden. 

RED

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