Aus den Kommunenzurück

(GZ-1/2-2017) 
Aus den Kommunen

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Kinder, die etwas anders sind

 

Kristin Hessel aus Lohr setzt sich bayernweit für Pflegekinder ein

Kindern, denen es nicht gut geht, zu helfen, war Kristin Hessel aus Lohr schon immer ein Anliegen. Im Kindergarten ihres heute 16 Jahre alten Sohnes übernahm sie das Mittagessen für ein Kind, das keine regelmäßigen Mahlzeiten erhielt. Später wurde sie Patin eines kleinen Afrikaners. Vor drei Jahren nahm Hessel ein Pflegekind bei sich auf. Im Landesverband der Pflege- und Adoptivfamilien (PFAD) engagiert sie sich heute bayernweit für das Recht von Kindern, in einer intakten Familie groß zu werden.

Knapp drei Jahre war Sabine (Name geändert) alt, als sie zur Familie Hessel kam. Was das Mädchen bis dahin alles erlebt hatte, wissen ihre Pflegeeltern nicht genau. Aus dem, was ihnen das Jugendamt mitgeteilt hatte, war nur zu entnehmen, dass Sabines Eltern, aus welchen Gründen auch immer, nicht in der Lage gewesen sind, sich gut um ihr Kind zu kümmern. Sie vernachlässigten das Mädchen. Womöglich wurde es auch geschlagen.

Als Sabine zu den Hessels kam, merkte man ihr nicht an, dass sie Schlimmes durchgemacht hatte. „Pflegekinder können sich sehr gut anpassen“, sagt die Lohrer Maschinenbautechnikerin. Doch jedes Pflegekind trage einen unsichtbaren Rucksack mit sich herum: „Der wird im Laufe der Zeit entpackt.“ Das erlebten auch die Hessels: Sabine, die allen inzwischen ans Herz gewachsen und ein ganz normales Familienmitglied ist, konfrontiert ihren Bruder, den Papa und die Mama immer wieder mit überraschenden Verhaltensweisen.

Hohe Impulsivität

„Sie ist, ähnlich wie Kinder mit ADHS, äußerst impulsiv“, berichtet Kristin Hessel. Geht die Familie zum Beispiel spazieren und kommt ein Spaziergänger mit Hund entgegen, kann es passieren, dass die Kleine auf den Hund zustürmt: „Ohne darauf zu achten, ob er vielleicht knurrt.“ Ein solches Verhalten kannte Kristin Hessel von ihrem Sohn nicht. Auch der wäre sicherlich neugierig auf den wuscheligen Vierbeiner gewesen. Doch er hätte gefragt, ob er zu dem Hund gehen und ihn streicheln darf. Diese Art Rückversicherung praktizieren Pflegekinder, die keine enge Bindung an ihre Eltern kennen, laut Hessel in vielen Fällen nicht. Sich immer wieder klarzumachen, warum Sabine so und nicht anders reagiert, ist ein anstrengender, aber auch ein sehr interessanter Prozess. „Ich habe durch mein Pflegekind eine ganze Menge Neues gelernt“, sagt Kristin Hessel. Noch bevor Sabine in die Familie kam, recherchierte die Lohrerin viel im Netz. Nachdem sie Sabine bei sich aufgenommen hatte, las sie sich mit einem Fachbuch in die Thematik „Pflegekinder“ ein. 2015 schließlich entdeckte sie den Landesverband der Pflege- und Adoptivfamilien (PFAD), dessen Vorstand sie seit April angehört. Dadurch erhielt sie weitere, fundierte Informationen.

Gute Bindung ist für Kinder essenziell Kristin Hessel lernte durch PFAD-Publikationen und auch durch den Austausch mit anderen Pflegeeltern, die sich in der von ihr vor knapp zwei Jahren gegründeten „PFAD-Elterngruppe Main-Spessart“ treffen, wie essenziell eine gute Bindung für Kinder ist. Wächst ein Kind bei Eltern auf, die ständig eine Angstatmosphäre um sich verbreiten, die emotional permanent schwanken oder die unfähig sind, die Bedürfnisse des Kindes wahrzunehmen, „verschaltet“ sich das Gehirn falsch. Manche Kinder entwickeln dann zum Beispiel ein überstimuliertes Alarmsystem: Harmloseste Dinge können auf sie bedrohlich wirken, weil sie schlimme Erinnerungen auslösen.

Umgang mit den leiblichen Eltern

Eine Herausforderung für alle Pflegeeltern stellt der Umgang mit den leiblichen Eltern des Kindes dar. Auch Kristin Hessel hat Kontakt zu Sabines Eltern. Jeden Monat dürfen sie ihre Tochter sehen. Bei wichtigen Entscheidungen, etwa, welche Schule Sabine besucht oder ob eine Operation durchgeführt werden soll, haben die leiblichen Eltern Mitspracherecht. Pflegeeltern und leibliche Eltern müssen also gut miteinander auskommen – so schwierig es für die leiblichen Eltern auch ist, zu akzeptieren, dass ihnen ihr Kind per Gerichtsbeschluss „weggenommen“ wurde.

„Ich traf mich schon mehrmals mit Sabines Mutter“, erzählt Kristin Hessel. Die Initiative zur ers- ten Begegnung ging von ihr aus. Die Mutter ließ sich darauf ein. Dass Sabine nicht bei ihr leben darf, schmerzt sie sehr, gab sie zu. Dennoch ist sie bereit, mit Kristin Hessel zu kooperieren. Schließlich geht es beiden im Kern um dasselbe: Sabine soll sich positiv entwickeln. Und fähig werden, später, als Erwachsene, ein befriedigen- des Leben zu führen.

Pflegekinder werden vom Jugendamt in eine Pflegefamilie vermittelt. Meist wohnt das Kind in der Pflegefamilie, wobei es auch Kinder gibt, die weiterhin in ihrer Herkunftsfamilie leben und nur tagsüber in der Pflegefamilie betreut werden. Anders als bei Adoptionen leben Pflegekinder nicht zwangsläufig bis zur Volljährigkeit in ihrer Pflegefamilie. Gelingt es der Herkunftsfamilie, sich zu sta- bilisieren, ist eine Rückführung möglich.

Zu Jahresbeginn waren 89 Kinder aus Main-Spessart in 61 Pflegefamilien untergebracht. Bayernweit lebten Ende 2015 mehr als 8.100 Kinder und Jugendliche in einer Pflegefamilie. Über 1.730 Eltern wurde in diesem Jahr das Sorgerecht vom Familiengericht ganz oder teilweise entzogen. 

Pat Christ

GemeindeZeitung

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