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(GZ-18-2021)
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Der mit dem Knopf im Ohr

Mit einem Knopf im Ohr ließe sich gut auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten Karussell fahren, so scheint es unserem Rathauskater, macht sich doch deren Gebrauch aller Orten inflationär bemerkbar.

Mir als Katze bietet die Welt der Menschen immer wieder faszinierende Einblicke, Eindrücke und Erkenntnisse. Jüngstes Beispiel: Der Knopf im Ohr. Ehrlich gesagt kam mir die Einführung kleiner, tragbarer Übertragungsgeräte bisher recht sinnvoll, wenngleich ästhetisch fragwürdig vor.

Kleine Mikrophone, die mit einem an eine Garrotte gemahnenden Draht vor dem Mund des Sprechenden fixiert werden, befreien den Redner von der Gefangenschaft hinter dem Rednerpult und bieten ihm die Möglichkeit, seine Worte herumwandernd und gestikulierend zu verstärken und im Zuhörer intellektuelle Unruhe zu wecken. Es erinnert zwar immer an einen Saturnmond oder gibt die Assoziation eines Esels ein, der dem am Stock festgebundenen Apfel hinterherläuft, aber was solls.

Auch das kleine Empfangsmikro im Ohr eines Reporters oder Korrespondenten leuchtet unmittelbar ein, wenn man mit seiner entfernten Basisstation in Kontakt bleiben will. Außerdem ist der konzentrierte Griff ans Ohr bei Berichten aus Krisengebieten auch einfach cool und lässig. Wer denkt da nicht an die drahtigen Secret-Service-Leute in guten amerikanischen Polit-Plots wie bei „In the Line of Fire“ mit Clint Eastwood. Stark.

In diesem komischen Wahlkampf der Äußerlichkeiten wurde der Knopf im Ohr aber plötzlich hochpolitisch. Kaum war Armin Laschet in einer Fragesendung mit so einem Knopf zu sehen explodierte das Web: Der lässt sich die Antworten vorsagen! Selbst als der Sender klargestellt hatte, dass der Knopf nur im Ohr war, weil dann Einspielungen zu den Fragen besser zu verstehen sind, war nichts mehr zu retten. Es blieb an Laschet hängen, auch wenn seine Gegenspieler natürlich auch solche Mikros in den Sendungen hatten.

Als dann ein tatsächlicher Medienskandal über die Bildschirme lief, blieb es andererseits merkwürdig still. Ein TV-Format lud Armin Laschet ein, sich den Fragen von Kinderreportern zu stellen. Die fragten dann aber nicht nach der Leibspeise, dem Lieblingsgedicht oder dem Haustier des Kandidaten, sondern in unfairster Haltungsjournalistenmanier über kontroverse, meist linke politische Themen, inkl. Zitate aus Spiegel-Interviews, die zu einer Zeit gegeben wurden, als die Kids noch im Buggy herumkutschierten. Der Moderator der Sendung hat ihnen die Fragen und alles drum herum souffliert – genau, durch einen Knopf in den Ohren. Unfair.

So aber kam das Hilfsmittel Kleinmikrophon heraus aus der Anonymität und hinein in die politische Arena. Dabei ist das, was die Sendeanstalten so benutzen, ja ein richtiges Zwischending. Es soll unauffällig sein, man sieht es aber doch.

Hörgeräteakustiker haben ja eine ganz andere Philosophie. Sie wollen ihre Hörgeräte möglichst klein, unsichtbar und vor allem absolut unauffällig bauen und im Gehörgang der Patienten einsetzen, damit diese sich des Gebrechens nicht zu schämen brauchen, mit ihrer sozialen Umgebung verbunden bleiben und kommunizieren können.

Eine andere Zielrichtung haben die In-Ear- Kopfhörer der großen Tech-Firmen. Wer sich von seiner Umgebung und Kontakten mit Mitmenschen nicht durch das Tragen von überdimensionierten Kampfpilotenkopfhörern entziehen will, dem bieten kleine noise-canceling Knöpfchen die perfekte Isolation von allen störenden Umgebungsgeräuschen, einschließlich des „Grüß Gotts“ der Nachbarn. Aber auch die sollen natürlich nicht unsichtbar sein, sondern durch bemerkbares Design verkünden, welche Marke man sich leisten kann.

Der Bürgermeister hat über all das sicher noch nicht sinniert. Er hört gut, ist kontaktfreudig und kein Angeber. Er redet gerne und gut, aber meist in einem Rahmen, in dem er kein Mikrophon zur Verstärkung braucht und wenn, tut es ihm ein Stationäres. Alle anderen, die auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten Karussell fahren, sollten sich da ein Beispiel nehmen. Aber für die gilt wohl ohnehin der Satz der österreichischen Schriftstellerin Christina Busta: „Morgen werde ich mich ändern. Gestern wollte ich es heute schon.“

Ihr Pino

Pino

 

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