Interviews & Gesprächezurück

(GZ-3-2021)
GZ-Interview mit Klaus Stöttner, tourismuspolitischer Sprecher der CSU-Landtagsfraktion, Aufsichtsrat bei der DEHOGA-Bayern-Tochter Gastgeber AG und TOM-Präsident
 

► GZ-Interview mit Klaus Stöttner, tourismuspolitischer Sprecher der CSU-Landtagsfraktion, Aufsichtsrat bei der DEHOGA-Bayern-Tochter Gastgeber AG und TOM-Präsident:

 

„Die Situation ist gravierend“

Wer ihnen am Wochenende auf einem überfüllten Wanderparkplatz begegnet, erkennt sie sofort an ihren grünen Westen – die Gebietsbetreuer übernehmen während der Corona-Pandemie die Besucherlenkung in den Touristenregionen. Die Bayerische GemeindeZeitung sprach mit Klaus Stöttner, tourismuspolitischer Sprecher der CSU-Landtagsfraktion, Aufsichtsrat bei der DEHOGA-Bayern-Tochter Gastgeber AG und Präsident des Tourismusverbands Oberbayern und München (TOM), darüber, wie wichtig ihr Auftreten gegenüber den Menschen aus der Stadt ist und wie die Situation im Gastronomie- und Hotelgewerbe tatsächlich ist.

GZ: Der Tourismus ist eine der Branchen, die besonders unter Corona leidet. Laut einer Umfrage von Dehoga Bayern unter 1.380 gastgewerblichen Unternehmern sehen 75 Prozent aller befragten Hoteliers und Gastronomen ihren Betrieb durch die Corona-Krise in ihrer Existenz gefährdet und ein knappes Viertel (24,0 Prozent) zieht trotz ausgesetzter Insolvenzantragspflicht bereits konkret eine Betriebsaufgabe in Erwägung. Wie schlimm ist die Situation?

Stöttner: Die Situation ist sicherlich gravierend, weil man differenzieren muss zwischen den Gastronomen in der Stadt und denen im ländlichen Raum. Auf dem Land sind viele Gastronomen gleichzeitig auch die Besitzer der Immobilie selbst und haben dadurch eine ganz andere Finanzstärke. In den Städten betreiben die Gastronomen bis zu 80 Prozent ihrer Restaurants in Mietobjekten und müssen Mietzahlungen nachkommen. So ist die Insolvenzgefahr in den Städten viel stärker als im ländlichen Raum.

Solange Betriebe familiengeführt sind, ist es noch einfacher. Aber in Unternehmen, in denen die Eigentümer-Familie keine so starke Rolle spielt und die Mitarbeiter in einem klassischen Angestelltenverhältnis stehen, ist die Kostenbelastung auch mit dem Kurzarbeitergeld eine ganz andere. Denn da sind die Fixkosten wesentlich höher, besonders bei den Hotelgruppen. Hier ist die Problematik, dass Vermieter dieser Hotels oft Fondsgesellschaften sind, die laut Vertragsrecht die Miete nicht reduzieren dürfen, trotz Hotelschließungen.

GZ: Hat der „Urlaub dahoam“ für kurzzeitige Erleichterung gesorgt?

Stöttner: Nein! Der Sommer ist zwar hervorragend gelaufen, aber nur im ländlichen Raum. Die Gastronomen im oberbayerischen ländlichen Raum, in Franken, Niederbayern, im Bayerischen Wald, Allgäu – sie haben im Sommer überproportional profitiert mit teilweise 27 Prozent Umsatzzuwächsen durch den „Urlaub dahoam“. Aber die Städte haben wahnsinnig verloren: Weil es keine Messen, Events, Konzerte, internationalen Treffen, Schulungen oder Meetings gab. Der Anteil von Geschäftsreisen macht im Tourismus 40 Prozent aus. Von Messen profitieren die Stadt München und das Umfeld enorm. Und wenn die Messen nicht stattfinden, fällt der Businessanteil in den Städten komplett weg.

GZ: Wie geht es weiter, welche Perspektiven haben gastgewerbliche UnternehmerInnen?

Stöttner: Da muss man differenzieren. Wenn die Hotels im ländlichen Raum wieder aufmachen dürfen und die Leute zum Urlaub beispielsweise nach Oberbayern fahren und die Gastronomen gut gerüstet sind, so dass z.B. die Biergärten aufmachen können, dann wird das wieder einen enormen Schub geben. Auch die Hotels und Pensionen, die im Freizeitbereich ihre Zielgruppe haben, werden profitieren. Teilweise wird auch, da haben wir bereits Rückmeldungen, nicht nur für ein verlängertes Wochenende, sondern auch für ein oder zwei Wochen gebucht, weil kaum Fernreisen geplant werden. Aber die Städtehotels haben ein Riesenproblem, weil die von den Messen leben.

GZ: Ein finanzielles Standbein in den oberbayerischen Kommunen ist der Tagestourismus, der zwar nach wie vor boomt, aber momentan kein Geld in die Kassen spült, da schlicht die Gelegenheiten zum Geldausgeben fehlen.

Einheimische beklagen jetzt die übermäßige Beanspruchung von Infrastruktur durch Stadtleute. Den Höhepunkt in der Diskussion bildete bislang ein selbstgebasteltes Transparent in Miesbach, das den Münchnern klarmachen sollte, dass sie unerwünscht sind. Berichte über Vorfälle, dass Autos mit Münchner Kennzeichen angefeindet wurden, häufen sich. Wie sehen Sie diese Entwicklung?

Stöttner: Sehr kritisch. Der Tourist ist kein Feind, sondern der Tourist ist ein Freund, der sein Geld auch dalässt in guten Zeiten. Und ich kann nicht entscheiden, ob er in guten Zeiten beliebt ist und in den schlechten Zeiten nicht. Und diese Ausfälle – und ich möchte wirklich sagen „Ausfälle“ – von Leuten, die sowas schreiben oder anfeinden, das ist nicht die Masse. Aber es wird hochgekocht.

Ich glaube, dass man ehrlich bleiben muss, dass die Menschen in der Region Tegernsee, Miesbach, Chiemsee und Starnberger See alle wissen, dass sie ganz erheblich vom Tourismus profitieren. Ob das die Gastronomen, der Einzelhandel oder die Bergbahnen sind. Tausende Arbeitsplätze sind von der Branche abhängig. Alle in der Region haben deswegen einen guten Lebensstandard, weil sie von den Gästen leben und das wissen sie. Und diejenigen, die auf die Urlauber schimpfen, die machen diese Struktur kaputt.

Touristen sind herzlich willkommen, aber man muss in den Regionen Besucherlenkungen organisieren. Demnächst treffe ich mich dazu zum Thema Gebietsbetreuer mit den Landräten der Alpenregionen per Videokonferenz. Wenn Sie auf die Seite www.gebietsbetreuer.bayern gehen, dann sehen Sie die Gebietsbetreuer mit ihren grünen Westen. Sie sind, entsprechend geschult, an den Wochenenden in den Regionen unterwegs, um Besucher z. B. bei überfüllten Parkplätzen an andere Orte weiterzuleiten. Oder sie verweisen auf Shuttlebusse.

Es ist wichtig, dass man die Leute positiv lenkt. Denn wer jetzt in dieser schwierigen Zeit in die Natur fährt, der kommt auch im Sommer wieder, weil er gute Erfahrungen gemacht hat. Über 90 Prozent sehen Touristen als wichtige Geschäftspartner. Gastfreundschaft spielt in Oberbayern eine wichtige Rolle. Wir müssen aufpassen, dass wir kein falsches Image nach außen tragen.

GZ: Die Münchner CSU hat einen ausführlichen Fragenkatalog an die Verwaltung geschickt, um auszuarbeiten, welchen Nutzen die Umlandgemeinden aus der Stadt ziehen. Darin enthalten sind z.B. wie viele Berufspendler täglich die Stadtgrenze überqueren oder wie hoch der Anteil an nicht-Münchner KFZ auf dem Mittleren Ring ist. Wie bewerten Sie diese Reaktion?

Stöttner: Stadt und Land sind eine Symbiose. Und wir merken immer stärker: München braucht das Land und das Land braucht München. Wenn wieder bessere Zeiten sind, braucht das Umland die Stadt mit den Messen, Kulturveranstaltungen, Allianz-
arena, Olympiahalle, mit großen Events am Königsplatz und so weiter – um mal ein rundes Bild abzugeben. Wir dürfen in der Diskussion nicht diesen falschen Touch von „Krieg“ aufgreifen. Es ist eine schwierige Situation und jetzt müssen wir versuchen die Probleme zu lösen und nicht versuchen, Feindbilder aufzubauen. Daher ist auch ein „Friedensgipfel“ eine ungeschickte Wortwahl.

GZ: Landtagspräsidentin Ilse Aigner hat im ersten Lockdown ein Video darüber gepostet, wie sie ihre Mittagspause im Home-Office genießt, inklusive herrlichem Rundumblick ins bayerische Oberland.

Gleichzeitig waren in München Spielplätze geschlossen und es galt ein Aufenthaltsverbot in Parks und an der Isar. Die Münchner Großmarkthalle, ein städtisches Unternehmen, hat die am Nachmittag und an den Wochenenden ungenutzten Parkplätze gesperrt, nachdem viele auf diese freien Flächen mit den Kindern ausgewichen sind.

Für Familien, die im 4. Stock ohne Balkon wohnen, war und ist diese Zeit besonders schwer zu ertragen und viele StadtbewohnerInnen treten daher die Flucht aufs Land an. Trotz Englischem Garten und renaturierter Isar hat die Münchner Stadtpolitik möglicherweise versäumt, dem Bedürfnis der Bewohner nach Natur und „genug Luft zum Atmen“ Rechnung zu tragen? Sehen Sie das auch so?

Stöttner: Ich denke, dass jetzt die Chance ist zu erkennen, dass die Leute, die im Hochhaus wohnen und keinen Balkon haben, natürlich ganz andere Voraussetzungen haben als Menschen, die einen Garten besitzen.

Die großen, dicht besiedelten Stadtteile Münchens brauchen Natur. Unsere Kinder brauchen Spielplätze. Aber es müssen nicht alle an den Tegernsee fahren, es gibt auch im Erdinger Moos wunderbare Wanderwege oder in der Holledau. Man muss sich auch mal Plätze suchen, die wunderschön und nicht so bekannt sind. Dafür kommt der Allgäuer auch mal nach München. Wir müssen Partner sein und nicht Konkurrenten.

Der Parkplatz der städtischen Münchner Großmarkthalle an einem Sonntagnachmittag. Das Verbotsschild trägt die Aufschrift „Privatgrundstück – kein Spielplatz“
Der Parkplatz der städtischen Münchner Großmarkthalle an einem Sonntagnachmittag. Das Verbotsschild trägt die Aufschrift „Privatgrundstück – kein Spielplatz“

GZ: Wie gehen Sie das Thema mit den Gebietsbetreuern jetzt demnächst mit den bayerischen Landräten an?

Stöttner: Es gibt schon einige, die sich organisiert haben. Aber ich bin ein Freund davon, dass man die gleiche Marke wählt und dass Gebietsbetreuer oder Nationalpark-Ranger sagen: „Wir haben alle das ganz klare Ziel Kundenfreundlichkeit und gute Kommunikation!“ Der Umgang mit den Gästen muss höflich und respektvoll sein, damit sie glücklich heimfahren und im Sommer wiederkehren. Genau das müssen wir organisieren.

Dazu gehört auch die bessere Vernetzung der Reiseführer untereinander, ob in der Stadt oder auf dem Land, das muss noch enger werden. Denn die sind die Ersten, die mit dem Gast zu tun haben und sofort Rückmeldung bekommen, wenn mal etwas nicht funktionieren sollte. So haben wir Sensoren, die wir brauchen, um unsere Qualität zu verbessern. Und das ist das oberste Ziel: Besser werden und gute Qualität anzubieten. Dabei ist Freundlichkeit das A und O.

GZ: Was möchten Sie unseren Lesern noch mit auf den Weg geben?

Stöttner: Wir müssen uns jetzt vorbereiten und für den Sommer und den Herbst eine Strategie entwickeln. Ein Oktoberfest wird es wahrscheinlich nicht geben können. Können dann nicht die Schausteller alternativ z. B. in den Städten und Dörfern ihre Fahrgeschäfte dezentral anbieten, wie das Riesenrad im vergangenen Sommer am Chiemsee? Außerdem hat sich gezeigt, dass das Ladenschlussgesetz nicht flexibel genug für solche Zeiten ist und reformiert werden sollte.

 

 

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