Interviews & Gesprächezurück

(GZ-4-2020)
Interview mit Barbara Stamm, Landtagspräsidentin a.D.
 

► Interview mit Barbara Stamm, Landtagspräsidentin a.D.:

 

„Bürgermeisterin werden - Fahrplan ins Amt“.

Praxistipps und Coachingtools von Dr. Hanne Weisensee

„Nach der Wahl ist vor der Wahl!“

Dieses Motto von Barbara Stamm, ehemaliger Landtagspräsidentin in Bayern, gilt auch nach der Kommunalwahl 2020 in Bayerns Kommunen. Der Anteil an Frauen im Bürgermeisteramt steigt weder in Bayern noch bundesweit signifikant an, obwohl das Thema „Mehr Frauen in Führung“ seit Jahren nicht nur in der Politik, sondern auch in Verwaltung, Wirtschaft, Medien und Wissenschaft in aller Munde ist. Das Buch „Bürgermeisterin werden – Fahrplan ins Amt. Praxistipps und Coachingtools“ (Richard Boorberg Verlag Stuttgart 2019) von Dr. Hanne Weisensee gibt Impulse und zeigt Wege auf, wie Frauen ihren „Weg ins Rathaus“ überlegt und fokussiert angehen können.

Die Autorin hat mit Barbara Stamm über Erfahrungen, Strategien und Gestaltungsmacht als Frau in der Politik gesprochen.

Was am Oberbürgermeisteramt hat Sie besonders gereizt, als Sie 1990 in Würzburg angetreten sind?

Mir hat generell die Stadtratsarbeit vor Ort viel Freude bereitet: Nah am Geschehen, in der direkten Begegnung mit den Menschen und in der Übersichtlichkeit und Intensität der konkreten Themen. Eine Stadt mit den Menschen gemeinsam zu gestalten und zu entwickeln - dazu ein Rathaus mitten in der Stadt -, das hat mich sehr gereizt. Ich schätze die Nähe zu den Menschen und habe sie in allen meinen Ämtern und Funktionen immer gesucht. Tagsüber Gespräche, die Akten dann in den Abendstunden.

Was sagen Sie Frauen, die überlegen anzutreten?

Durchatmen und antreten! Frauen müssen sich bemerkbarer machen. Sie müssen zeigen, wir sind da! Mit viel Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein an Politik heran gehen. Und Macht anstreben: Macht im Sinne von Verantwortung den anderen gegenüber, ausgehend von der Würde des Menschen. Aber ohne Macht geht eben nichts. Macht im guten Sinne ist ein Instrument, um verantwortungsvoll zu arbeiten. Davor dürfen Frauen nicht zurückschrecken.

Denken Sie, dass Frauen im (Ober)Bürgermeisteramt andere Akzente setzen als Männer? Wieso brauchen wir überhaupt mehr als 10 % (Ober-)Bürgermeisterinnen?

Ich erlebe, dass Frauen noch mal andere Akzente setzen. Das heißt nicht, dass sie alles besser machen. Aber sie ergänzen Politik und die Gestaltung der Kommunen um ihre Erfahrungen und Lebenswirklichkeiten. Die Bandbreite der Themen wächst und es gibt eine andere Akzentuierung. Beispiel Pflege: Wenn ich selbst Angehörige pflege oder gepflegt habe, blicke ich anders auf das, was Beschäftigte in Pflegeberufen tun und benötigen. Ich bringe zusätzliche Aspekte in die politischen Entscheidungsprozesse ein. Ich weiß aber auch konkret aus Erfahrung, was Ältere oder Kranke Menschen in meiner Stadt brauchen, um dort gut leben zu können und gut versorgt zu sein. Das bereichert.

Auch der Stil und Umgang in Politik und Kommune kann sich ändern. Frauen sagt man eine spezifische Kommunikationsfähigkeit nach. So habe ich schon immer zu Runden Tischen eingeladen und diese moderiert: Alle, wirklich alle, die von einem Thema tangiert waren, mussten dabei sein. So konnten die Schnittstellen bei strittigen Themen herausgearbeitet und Kompromisse gefunden werden. Mein Motto war immer: „Wir sind hier beieinander, um auszuloten, was geht. Und nicht um darüber zu sprechen, was alles nicht geht. Das ist im Vorfeld schon ausreichend geschehen.“ So konnte ich viele Probleme lösen. Solche Fähigkeiten können Frauen in Spitzenfunktionen gut einbringen.

Wie kann erreicht werden, dass mehr Frauen kandidieren?

Es ist grundsätzlich wichtig, dass Menschen für politische Ämter kandidieren und ihre Fähigkeiten, ihr Wissen und ihre Vielfalt einbringen. Das gilt für Frauen und Männer gleichermaßen. Heute müssen wir als Verantwortliche in Parteien und Kommunen uns stärker bemühen, genauer hinschauen und mögliche Kandidat*innen umfassender ansprechen. Gerade Frauen müssen ermutigt werden. Ein zentrales Mittel ist Mentoring: Erfahrungen weiterzugeben, mit Rat zu unterstützen, Hintergrundwissen zu vermitteln – das stärkt interessierte Frauen.

Ich habe und hatte immer Mentees, die ich ein Stück begleitet habe. Im Landtag habe ich mich kontinuierlich für Praktikant*innen bei den Abgeordneten und in der Landtagsverwaltung eingesetzt. Diese Aufgabe fällt in der Kommune dem Oberbürgermeister oder der Oberbürgermeisterin zu. Das muss von oben gewollt und gestaltet werden. Da liegt die Verantwortung. Wir müssen den Frauen Lust auf politische Gestaltung machen. Und ihnen ihre Verantwortung bewusst machen. Darüber hinaus benötigen wir generell eine bessere und umfassendere politische Bildung: Grundkenntnisse über Demokratie, die Bayerische Verfassung und wie ein Parlament konkret arbeitet.

Was müssen Parteien, politische Vereinigungen, Städte-, Gemeinde- und Landkreistage oder Parlamente auf allen Ebenen dafür anders machen als bisher?

Das Sichtbarmachen von Frauen in politischen Spitzenämtern ist eine Kernaufgabe. Bei der Besetzung von Gremien, Listen und Podien müssen die Verantwortlichen – Frauen wie Männer – darauf achten, dass nicht nur eine oder wenige Alibifrauen zu sehen sind, sondern dass das vorhandene Potenzial voll ausgeschöpft wird. Wir müssen diejenigen unterstützen, bei denen wir sehen, die tun der Kommune gut und schauen, wo wir jemanden Herausragenden haben. Frauen finden wir oft im vorpolitischen Feld. Sie müssen wir ansprechen und gewinnen.

Wir in den Spitzenfunktionen müssen darauf aufmerksam machen, wenn zu wenige Frauen vorgeschlagen oder sichtbar werden. Wir können Veranstaltungen mit reinen Männerpodien boykottieren oder Vorschlagslisten mit nur wenigen Frauen ablehnen. Journalistinnen sollten keine Podien mehr moderieren, auf denen nur eine Frau vorkommt. Es sind heute genügend gute Frauen vorhanden. Und die engagierten Frauen müssen das auch wollen: Sichtbar sein und sich öffentlich darstellen. Vorbild sein für Frauen, die Rollenvorbilder suchen. Und hier sehe ich eine Verantwortung des Städte-, Gemeinde- und Landkreistages: Die Gruppe der (Ober-)Bürgermeisterinnen in Bayern sichtbar zu machen. Als Berufsgruppe, aber auch in ihrer Vielfalt - und damit das Bürgermeisteramt als reelle Berufsoption für engagierte Frauen aufzuzeigen.

Die Amtsinhaberinnen müssen sich gut vernetzen. Am besten über die politischen Ebenen hinweg – und mit den Männern, die eine angemessen Beteiligung von Frauen an Kommunalpolitik für selbstverständlich halten.

Was sollten Frauen anders machen als bisher?

Weniger kritisch mit sich selbst und anderen Frauen umgehen. Sich Ämter und Machtgestaltung zutrauen. Man muss nicht schon alles können und mitbringen, bevor man kandidiert. Man kann und darf in ein Amt auch hineinwachsen. Mit dem Zögern und dem hohen Anspruch an sich selbst, stehen sich Frauen auch im Weg. Und ganz wichtig: Sich vernetzen. Lobbyarbeit in Sachen „Mehr Frauen in Führung“. Der Austausch untereinander stärkt. Und die partnerschaftliche Zusammenarbeit zwischen Frauen und Männern.

Wie muss das (Ober-)Bürgermeisteramt der Zukunft ausgestaltet sein, um überhaupt noch qualifizierten und ausreichend Nachwuchs zu gewinnen?

Darüber muss gesprochen werden. Sitzungszeiten und Sitzungskultur in der Politik schrecken Frauen durchaus ab. Auch die umfassende Verfügbarkeit und die Arbeitszeiten rund um die Uhr werden als Belastung angesehen – nicht nur von Frauen. Alle in der Politik sollten anfangen, offen damit umzugehen, wenn Termine im privaten Bereich anstehen: Nicht mehr als Floskel sagen „ich habe noch andere Verpflichtungen“. Sondern benennen, wenn es um Termine mit der Familie oder dem Freundeskreis geht. Einfach, um sichtbar zu machen, dass auch Menschen in der Politik Menschen sind, die ein Recht auf ein Privatleben haben. Das wäre schon ein erster großer Schritt.

Zudem Job-Sharing auf allen Führungsebenen nicht nur zu diskutieren, sondern es als Chef*in zuzulassen und zu fördern. Ich war und bin der Auffassung, man muss Dinge probieren und praktizieren statt zu erklären, was alles angeblich nicht geht. Unsere Gesetze lassen hier bereits genügend Spielraum, der aber von den Verantwortlichen oft nicht zugestanden oder genutzt wird.

Was ist Ihr Fazit zu der Frage, wie wir mehr Frauen in politische Führungsfunktionen bekommen?

Mein Fazit aus meiner politischen Laufbahn als Frau in Führungsämtern hat zwei Botschaften. Die eine Botschaft lautet: „Man darf nicht müde werden“. Köpfe und Kultur in der Politik müssen sich bewegen, Frauen müssen sich trauen und Macht einfordern. Die andere Botschaft lautet: „Geduld haben wir genug gehabt!“. Wir als Gesellschaft müssen nun endlich verstehen, dass wir Frauen gleichberechtigt einbinden und ihr Potenzial nutzen müssen. Wir brauchen dringend ihre Erfahrungen, ihr Können und ihr Wissen. Wir können darauf nicht verzichten.

Darum an alle: „Hört auf zu lamentieren, nutzt eure Chance!“

 

Buch „Bürgermeisterin werden - Fahrplan ins Amt“.
Praxistipps und Coachingtools von Dr. Hanne Weisensee (2019 Richard Boorberg Verlag Stuttgart)

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Dr. Hanne Weisensee

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