Interviews & Gesprächezurück

(GZ-14-2019)
GZ-Interview mit Vorstandsvorsitzendem Reimund Gotzel
 

► Reimund Gotzel, Vorstandsvorsitzender des bayerischen Energieversorgers, erläuterte für die Bayerische GemeindeZeitung die strategische Ausrichtung des Unternehmens.:

 

Bayernwerk AG: Blickpunkte Innovation und Digitalisierung

GZ-Interview mit Vorstandsvorsitzendem Reimund Gotzel Innovation und Digitalisierung lauten die Schlagworte, mit denen Bayernwerk aktuell auch in Kommunen punktet.

„Neue Technologien schaffen neue Möglichkeiten und neue Möglichkeiten verändern die Perspektive. Das ist zunächst ganz einfach“, so Gotzel. Was man aber aktuell erlebe, gehe viel tiefer.

„Die Menschen denken neu und wollen ihr Lebensumfeld danach gestalten. Klimaschutz, Ökologie, regionale Nähe und Vertrauen stehen weit oben und geben die Richtung vor“, betonte Gotzel. Dem könne man sich nicht entziehen. Das gelte auch rund um alle Fragen der Energieversorgung in Bayern, egal ob es um private Haushalte, Wirtschaft und Gewerbe, oder die Kommunen geht.

„Bei der bürgerorientierten Neuausrichtung der Energiezukunft sind die Kommunen ein ganz besonderer Partner, einerseits weil sie selbst mit ihren Anlagen und Immobilien einen hohen Energiebedarf haben, aber viel mehr noch, weil sie in vielfältiger Weise die Rahmenbedingungen für ihre Bürgerinnen und Bürger gestalten.” Aus dieser langen und guten Partnerschaft hat auch das Bayernwerk die kommunale Daseinsvorsorge fest im Blick.

Zauberwort Sektorenkopplung

Neben dem Thema Energiewende, das zunächst vor allem unter dem Aspekt des Verzichts auf Kernenergie protegiert wurde, geht es heute um den Klimaschutz schlechthin, um ein neues, bewusstes Leben mit Energie, um Energie-Effizienz, um Vernetzung technologischer Systeme und eine neue Mobilität. Damit die Energiewende gelingt, muss die Umstellung auf Erneuerbare Energien in allen Sektoren gelingen, nicht nur in der Stromerzeugung. Sektorenkopplung heißt eines dieser Zauberworte.

Klar ist, dass sich der Energiesektor massiv verändert hat. Photovoltaik, Windenergie und Biomasse liefern zwar zeitweise mehr Strom als im Freistaat benötigt wird. Sie sind allerdings nicht grundlastfähig, sondern hoch volatil.

Solange die Energieversorgung im Freistaat quasi monopolistisch geprägt war und man auf die Stromgewinnung aus zentralen Großkraftwerken setzte, war eine qualitativ hochwertige Versorgung sichergestellt. Jetzt wollen die Menschen Produkte möglichst aus der eigenen Region beziehen – auch die Energie. Lokale Märkte heißt das Schlagwort.

„Der Landkreis Bamberg, Abensberg und Furth sind positive Beispiele“, erläuterte Gotzel, „mit denen wir eine diesbezügliche Partnerschaft eingegangen sind.“ Das seien neue technologische Herausforderungen, denn die Versorgungssicherheit vertrage keine Einschränkungen. Dennoch zeigt sich der Bayernwerk-Chef überzeugt, dass die Zukunft regionalen Energiekreisläufen gehört.

So werden aus bisherigen Kunden Partner. Sie erzeugen selbst Strom – vor Ort, regenerativ und nachhaltig. Überschüssiger Strom wird gespeichert. Das Leben der Menschen mit Energie wird vernetzt, von der Wärme über Strom bis zur Mobilität. In dieser Ausprägung ist das laut Gotzel noch ein Stück weit Zukunftsmusik.

„Aber wir spielen schon die Ouvertüre“, betonte er. Der Energiemonitor des Bayernwerks zeigt die Richtung für die Entwicklung lokaler Energiesysteme auf.

„Mit dem Energiemonitor wollen wir lokale Energie visualisieren, verstehen und optimieren”, berichtete der Energiemanager begeistert. „Damit können wir aufzeigen, wieviel Strom tatsächlich vor Ort erzeugt wird und wieviel des kommunalen Energiebedarfs dadurch gedeckt wird. Ein Blick auf den Energiemonitor genügt.“

Mit einer Visualisierung der örtlichen Energiesituation schafft das Bayernwerk für Kommunen und Landkreise Transparenz und Orientierung. In einer online einsehbaren Übersicht, dem digitalen Dashboard, werden Energieerzeugung und -verbrauch grafisch aufbereitet. Alle Erzeugungsanlagen sind nach Art der Erzeugung gruppiert. Der Verbrauch wird für Privathaushalte, öffentliche Gebäude sowie Gewerbe und Industrie aufgezeigt. Daraus ergibt sich ein individueller, rechnerisch ermittelter Grad der Eigenversorgung.

„Mit dem Energiemonitor stärken wir gemeinsam mit unseren Partnern und Kunden das Energiebewusstsein für gezielte Maßnahmen zur Umsetzung der Energiewende“, versicherte Gotzel.

Energiemonitor

Dabei werden die Daten des Energiemonitors zu Energieverbrauch und -erzeugung im Bayernwerk-Netzgebiet im 15-Minuten-Takt aktualisiert. Die örtlichen Energieflüsse und der Grad der Eigenversorgung mit Energie in einer Gemeinde, einer Stadt oder einem Landkreis werden somit nahezu in Echtzeit dargestellt. Deshalb sind die Haupt-Zielgruppen Kommunen, die durch das Bayernwerk-Netz versorgt werden. Gotzel:

„Spannend ist vor allem auch die Option, Entwicklungen simulieren zu können. Wie wirkt sich beispielsweise der Zubau einer größeren PV-Anlage auf die Energiebilanz aus?“
Durch die Aufbereitung der kommunalen Energiesituation in leicht verständlicher Weise können sich Kommunen realistische Ziele setzen, um Maßnahmen zu ergreifen und diese zu überprüfen.

Der Vorstandsvorsitzende ist sich sicher: „Der Energiemonitor bietet die Basis für den Weg in die lokale Energiezukunft, einen interaktiven Marktplatz für den lokalen Energiehandel. Hier können Kommunen perspektivisch ihren regional erzeugten Strom kaufen und verkaufen, nach dem Vorbild ‚Strom von und für meine Nachbarn‘“.

Das erste Projekt, so berichtete Gotzel, ist das Konzept „CO2-freies Abensberg“. Sein Unternehmen baut gemeinsam mit der Stadt unter der Marke „Naturstrom Abensberg“ einen regionalen Strommarkt auf, der lokale Stromerzeuger und Verbraucher vor Ort zusammenbringt. Im Fokus stehen zunächst die Bereiche Photovoltaik, lokaler Strommarkt, Mobilität und Wärme.

Auch im Landkreis Bamberg beschreitet man neue Wege. Basierend auf dem lokalen Markt mit regionaler Produktion können Stromkunden seit dem 1. Mai einen neuen Ökostromtarif beziehen, mit dem sich die Regionalwerke Bamberg neu aufstellen und mit Unterstützung des Bayernwerks zum Stromanbieter werden. Bisher war der Verbund aus 31 Kommunen, dem Landkreis und der Stadt Bamberg vorwiegend beratend und koordinierend tätig.

Lokale Märkte

Die bisherige Arbeit trägt inzwischen schöne Früchte: Die 35 Windkraft-, 35 Wasserkraft-, 46 Biomasse- und 5.880 Photovoltaikanlagen im Landkreis Bamberg produzieren bereits 75 Prozent des im Landkreis Bamberg pro Jahr benötigten Stroms.

Nach Abensberg und dem Landkreis Bamberg haben auch die Gemeinden Furth und Altdorf bei Landshut mit der Gründung eines lokalen Marktes einen großen Schritt in die dezentrale Energiezukunft gemacht. Auch dort wird die Bayernwerk Regio Energie kommunaler Partner für den Aufbau eines regionalen Strommarkts.

„Das sind die ersten Schritte in die richtige Energiezukunft. Wir sind überzeugt, dass sich die Fläche Bayerns energiewirtschaftlich zu einem Mosaik aus kommunalen Energiekreisläufen entwickeln wird. Unsere Aufgabe wird es sein, diese Kreisläufe zu steuern, aufeinander abzustimmen.

Die große Chance für die Kommunen sehen wir in dem Gemeinschaftsgedanken. Energie in der Gemeinschaft vor Ort erzeugen und durch diese Gemeinschaft vor Ort zu verbrauchen. In punkto Klimaschutz, in punkto regionaler Wertschöpfung und in der Kraft regionaler Geschlossenheit bieten diese Modelle aus unserer Sicht enormes gesellschaftliches Entwicklungspotenzial für unsere Kommunen“, betonte der Bayernwerk-Chef.

Bayerns Energiezukunft

Möglich wird dies alles durch neue Technologien und Digitalisierung. „Unser Geschäft, das über Jahrzehnte von Kupfer geprägt war, findet heute in einer hochdigitalisierten Umgebung statt. Unsere Netzleitsysteme sind die modernsten am Markt, unser Netz steuert sich im lokalen Umfeld mittels intelligenter Ortsnetzstationen immer mehr selbst, Predictive Maintenance, also vorausschauende Wartung, erkennt mittels künstlicher Intelligenz mögliche Störungen bereits bevor sie überhaupt entstehen”, erläuterte Gotzel, hob aber hervor, dass das Stromnetz keineswegs zum alten Eisen gehöre, sondern vielmehr das zentrale Steuerelement für die genannten Entwicklungen sei:

„Wir brauchen immer leistungsfähigere Verteilnetze, um Erneuerbare Energien aufnehmen und sicher Energie für die bayerische Wirtschaft und Industrie bereitstellen zu können. Denn den industriellen Bedarf, das gehört zur Ehrlichkeit dazu, werden wir nicht über lokale Kreisläufe beschaffen können. Lokale Märkte in den Gemeinden, Märkten und Landkreisen, Areale und Quartierslösungen in Städten, starke Verteilnetze für eine starke Industrie – das ist Bayerns Energiezukunft.“

Für den Ausbau, die Erneuerung und Instandhaltung seiner Netze wende das Bayernwerk in diesem Jahr rund 600 Millionen Euro auf.

Die hoch innovativen Ansätze für eine neue Art der Energiebewirtschaftung werden selbstverständlich durch umfangreiche Forschungsprojekte begleitet. Dabei arbeitet das Bayernwerk im Rahmen seines Digitalisierungsprojekts NEXT mit IBM Watson und dem Fraunhofer-Institut zusammen.

Gesamtkomplex Verkehr

Im Fokus des größten bayerischen Energieversorgers steht selbstverständlich auch der Gesamtkomplex Verkehr. Gotzel setzt auf vielfältige Elektrifizierung und E-Mobilität, bei der E-Fahrzeuge sogar als Stromspeicher dienen können. „Trotz allem Fokus auf E-Mobilität darf aber die Forschung rund um alternative Antriebstechnologien nicht enden. Zwei Dinge stehen nicht mehr still: Technologien und das Denken der Menschen. Veränderungen lassen uns nicht mehr los.

Wahrscheinlich ist dies auch ein Stück weit der Antrieb dafür, dass den Menschen Nähe als Orientierung immer wichtiger wird. Unser Markenmerkmal ist es, diese Nähe mit Zukunft zu verbinden, eine Zukunft mit Herz und Verstand.“

Neue Arbeitswelten

Im Unternehmen Bayernwerk bezieht sich die neue Art zu denken keineswegs nur auf die Energieversorgung. Gotzel zufolge müssen mittels „Innovationskultur” neue Arbeitswelten entwickelt werden, in denen kreative Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter neue Lösungen entwickeln können. Deshalb wurde auch die Firmenzentrale in Regensburg entsprechend umgestaltet.

In „Coworking Spaces“ führt bereichsübergreifende Zusammenarbeit zu außerordentlichen Ergebnissen. Aufwändige Fahrten und Vor-Ort-Termine lassen sich teilweise einsparen, weil man sich mittels Virtual-Reality-Brille im virtuellen Raum so bewegen kann, dass bislang notwendige vor Ort-Termine entfallen können.
Es gibt also viel zu tun, will man den High-Tech-Freistaat, in dem schon vor Jahrzehnten Laptop und Lederhose kein Gegensatz sein sollten, auch künftig mit sicherer und hochwertiger Energie versorgen. Das Bayernwerk ist jedenfalls gut gerüstet.

Bayernwerk-Vorstand Raimund Gotzel und GZ-Verlegerin Constanze von Hassel.
Bayernwerk-Vorstand Raimund Gotzel und GZ-Verlegerin Constanze von Hassel.

 

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