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(GZ-20-2016)
Neues von Sabrina
 
Die postfaktische Gesellschaft

Gestern hat mein Chef gesagt...

„In was für einer Zeit sollen wir leben? In der postfaktischen? Aber hatten Fakten denn schon jemals die Bedeutung, die sie eigentlich haben sollten?“ Mein Chef, der Bürgermeister, stellte im Angesicht der neuen gesellschaftlichen Diskussion erst mal einige Fragen.

Postfaktische Gesellschaft soll wohl einfach heißen, dass weite Kreise sich im öffentlichen Diskurs, in der politischen Debatte und der Meinungsbildung nicht mehr um Tatsachen scheren, sondern rein ihrem Gefühl vertrauen oder sich gar vollends in eine Welt der Einbildung flüchten.

Letzteres ist allerdings so neu nicht. Treue Leser der GemeindeZeitung wissen ja, dass ich mich jetzt schon eine geraume Zeit um das Vorzimmer des Bürgermeisters kümmere. Und wer in so einem Vorzimmer sitzt, für einen Abgeordneten oder anderen Mandatsträger arbeitet, der weiß, wie viele Wahnideen in der Welt herumgeistern. Unser Land wird wahlweise von den Amerikanern oder Russen regiert, Außerirdische haben uns allen kleine Radioempfänger eingepflanzt, mit denen sie uns steuern oder – das Beste – uns gibt es eigentlich nicht. Wir sind nur Figuren in einem Videogame und es gibt deshalb so viel Ungerechtigkeit auf der Welt, weil der Programmierer noch nicht fertig ist. Nur eine kleine Auswahl aus Zuschriften aus zehn oder 15 Jahren Bürgermeister-Büro.

Neu und echt besorgniserregend sind allerdings solche Bewegungen wie die Reichsbürger. Die Wahnvorstellung, das Deutsche Reich existiere noch weiter, meine ich ebenso wenig wie die Tatsache, dass sich irgendwo in den unendlichen flachen Weiten Niedersachsens ein älterer Herr eine Schärpe und einen Paradesäbel umgürtet, um sich als Reichskanzler vorzustellen. Es ist die perfide Art des Umgangs mit den staatlichen Organen und nicht zuletzt die entsetzliche Gewaltbereitschaft, die sich mit diesen Wahnideen verbindet, die erschrecken. Alles Bisherige konnte in den großen Kosmos zwischen Exzentrik und Dachschaden einsortiert werden. Bei der Reichsbürgerbewegung ist aber die Grenze überschritten, die Wahnvorstellungen von kriminellem Wahnsinn trennt.

Dazu kommt eine immer stärker zu beobachtende Bereitschaft, auch die faustdickste Lüge zu akzeptieren, wenn sie nur von jemandem kommt, der „die da oben“ oder das „Establishment“ angreift. Wir sehen es in Amerika, wenn Donald Trump eine abenteuerliche Lüge nach der anderen rauspfeffert, wenn er widerlegt wird, diese kackdreist wiederholt – und sein Publikum jubelt. Faktencheck? Pustekuchen!

Auch hierzulande können wir immer öfter beobachten, wie politische Debatten einfach mit kruden Behauptungen angeheizt werden, die dann durch dauerndes Wiederholen und heftiges Bestreiten der Wahrheit ihre Eigendynamik bekommen. Wir haben es durch Internet, Google und unerschöpfliche Online-Archive so leicht wie nie zuvor, Tatsachen zu recherchieren, Aussagen zu überprüfen und Ungenauigkeiten zu entlarven. Aber wenn man sich der Mühe unterzieht, heißt es „Lügenpresse“ und „wir fallen nicht auf die Manipulationen im Netz rein.“

Salopp könnte man ja sagen, Lügen gehören halt zum politischen Spiel. Einspruch meinerseits, aber lassen wir es mal als Hypothese stehen. Man lügt, um Unwissenheit zu vertuschen, um Zeit zu gewinnen oder um eine Fehlleistung zu verschleiern. Alles o.k., aber wenn man erwischt wurde, wählte man dann früher nicht den taktischen Rückzug, die Relativierung, zog man nicht die Karte mit der Aufschrift „Missverständnis“, „Blackout“, „Unterzucker“ oder trat zurück? Aber dass heute nicht der den Schwarzen Peter hat, der lügt, sondern der, der die Lüge entlarvt, ist neu.

Mein Chef, der Bürgermeister, ist auch besorgt. Welche Kluft tut sich da in unserem Land auf? Und wie gelingt es denjenigen, die vernünftig und abgewogen politische Zukunftsfragen oder gesellschaftliche Entwicklungen diskutieren wollen, mit diesem neuen Stil der Negationskommunikation umzugehen? Vielleicht tröstet in dieser Situation ein Zitat von Jean Paul: „Je mehr Schwäche, je mehr Lüge. Die Kraft geht gerade.“

 

Ihre Sabrina

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