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(GZ-1/2-2015)
Neues von Sabrina
 
Je suis Charlie!

Gestern hat mein Chef gesagt...

„So, alle miteinander gut rübergekommen ins Neue Jahr hoffe ich? Jetzt hat uns ja der Alltag wieder.“ Mein Chef, der Bürgermeister, betrat das Büro nach den Feiertagen mit der Miene eines Mannes, der zutiefst dankbar ist, dass in seinem Leben alles unverrückt und geregelt bleibt.

Denn irgendwas ist anders gewesen an diesem Jahreswechsel, selbst für einen so notorischen Optimisten wie meinen Chef. Man kann es schlecht erklären, vielleicht besser mit einer kleinen Geschichte umschreiben. Mein Zeitungsausträger ist ein freundlicher, weißhaariger Mann eher Ende als Mitte sechzig. Er spricht gut Deutsch mit dem typischen Einschlag der Menschen aus dem westlichen Balkan. Und tatsächlich kam er im Zuge der Fluchtbewegungen der 1990er Jahre nach Bayern, als sich die Völker des ehemaligen Jugoslawien in blutigen und grausamen Kämpfen verstrickten. Jedenfalls gebe ich ihm immer um die Weihnachtszeit herum 20 Euro als kleine Anerkennung für seine Zuverlässigkeit das Jahr über. Stets bedankt er sich mit formvollendeter Höflichkeit, wünscht mir alles erdenklich Gute und „Frieden, das ist das Wichtigste“.

Ich gestehe, viele Jahre lang habe ich seinen Nachsatz mit dem Frieden nicht weiter reflektiert. Naja, „Frieden auf Erden“ und so gehört ja zu Weihnachten, oder? Aber dieses Jahr hat es mir doch einen kleinen Stich ins Herz gegeben. Ich weiß nicht, ob mein Zeitungsmann Kroate, Serbe oder Bosniak ist, wie und wo er Krieg und Kämpfe erlebt hat, über all das haben wir nie gesprochen. Dennoch klangen seine Worte heuer wie ein Echo des Konflikts, der vor zwei Jahrzehnten vor unserer Haustür tobte, und machten mir klar, dass es schon wieder einen Krieg in der Nachbarschaft gibt, diesmal weiter östlich, in der Ukraine. Aber damals wie heute ist es ein Konflikt, der uns unmittelbar angeht, weil er die Friedensordnung Europas insgesamt auf die Probe stellt.

Über Jahre haben wir uns entsprechend dem Bild verhalten, das ein ironisch-spöttischer Goethe im Faust zeichnet, als er seinen braven Bürger vor dem Tor sagen lässt: „Nichts Besseres weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen, als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei, wenn hintern, weit, in der Türkei, die Völker aufeinanderschlagen. Man steht am Fenster, trinkt sein Gläschen aus und sieht den Fluss hinab die bunten Schiffe gleiten; dann kehrt man abends froh nach Haus, und segnet Fried‘ und Friedenszeiten.“

Ja, die Kriege waren, mit Ausnahme des Balkan, weit weg, in Afrika, dem Nahen Osten, am Hindukusch oder in Kaschmir. Kaum konnten wir die Namen der Orte aussprechen, aus denen von Gräueln berichtet wurde, selten wussten wir um die geschichtlichen, geostrategischen oder ethnischen Gründe für die Konflikte.

Jetzt kommen diese Kriege zu uns in der Gestalt der Opfer. Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan, Libyen haben oft nur die Erinnerungen und Traumata im Gepäck, die die Auseinandersetzungen in ihrer Heimat bei ihnen hinterlassen haben. Wir nehmen diese Menschen auf und müssen ihnen helfen, das zu verarbeiten, was wir uns Gott sei Dank selbst mit großer Phantasie und nach dem Konsum von Dutzenden Videogames nicht annähernd vorstellen können. Auch in dieser Hinsicht ist die Welt kleiner geworden.

Nicht zuletzt sind da noch jene, die den Krieg zu uns tragen wollen. Nach den Terroranschlägen in Paris wurde eine Dame im Fernsehen interviewt, die sagte: „Ich dachte, ich lebe in Paris, nicht in Beirut! Oder ist Paris jetzt Beirut?“. Auch hier gilt, dass die Völker nicht mehr nur „hinten, weit, in der Türkei“ aufeinander schlagen, sondern sich vielerorts Strukturen gebildet haben, die Europa seinen schwer errungenen Frieden nicht gönnen.

Mein Chef, der Bürgermeister, stimmte mir schließlich nachdenklich zu. Auch ihn hat zum Jahreswechsel der Gedanke beschäftigt, wie brüchig doch das ist, was wir in diesem Jahr seit 75 Jahren genießen – Frieden in Europa. Zum Jahresauftakt muss ich deshalb einfach den Satz von Joachim Roncin twittern, der seit dem 7. Januar für den Willen Europas steht, Presse-, Meinungs- und Gedankenfreiheit und letztlich auch den Frieden zu bewahren: „Je suis Charlie.“

Ihre Sabrina

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