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(GZ-8-2015)
Neues von Sabrina
 
Die Freuden des Jubiläums

Gestern hat mein Chef gesagt.....

„Haben wir eigentlich keine Jubilare mehr in der Stadt? Ich habe ewig keinen Gratulationstermin bei einem betagten Ehepaar oder einer charmanten älteren Dame absolviert.“ Mein Chef, der Bürgermeister, hat ja so richtig Spaß an seinem Amt und solche netten Termine, um jemanden zu einem besonderen Geburts- oder Jahrestag zu gratulieren, machen ihm richtig Laune.

Natürlich ist das eine Temperamentsfrage, denn es ist sicher nicht jedermanns Sache, bei fremden und nicht mehr ganz jungen Leuten aufzutauchen, mit ihnen ein Schwätzchen zu halten und das obligatorische Foto für die Heimatzeitung zu machen. Etwas eintönig ist die Berichterstattung über solche Besuche ja dann auch, denn die Jubilare haben sich wahlweise durch Arbeit, viel Schlaf oder die unverdrossen und diszipliniert jeden Abend genossene Maß Bier (so der ehemalige Wirt vom „Goldenen Lamm“ an seinem 95. Geburtstag) so fit und rüstig gehalten, wie der Reporter sie/ihn jetzt sieht.

Aber mein Chef mag Menschen, findet stets schnell einen Draht zu ihnen und immer auch ein Thema oder einen Anknüpfungspunkt, von dem aus sich ein Gespräch entspinnen lässt, auch wenn es manchmal, das gibt er zu, zu einer rechten Geduldsprobe ausartet, wenn der Geist (oder das Gehör) doch nicht so gut funktioniert, wie es der Lokalblattleser am nächsten Morgen eingeredet bekommt.

In der ersten Zeit, als er kurz Bürgermeister und noch nicht so bekannt war, mag es auch eine Rolle gespielt haben, auf diese Weise doch regelmäßig mit Foto in der Zeitung zu sein, aber mit der Zeit hat er eine echte Liebe zu diesen Terminen entwickelt und lässt sich nur sehr ungern vom Zweiten Bürgermeister vertreten.

Natürlich hat sich dieses Geschäft gewandelt. Der Vorgänger vom Bürgermeister hat noch die 80-Jährigen und die Jubilare mit Goldener Hochzeit besucht. Gott sei Dank werden die Leute ja heutzutage immer älter und fitter. Deshalb gibt es jetzt zu diesen Anlässen nur noch einen schönen Brief samt Bocksbeutel mit speziellem Etikett (Stadtsilhouette und -wappen).

Besuche gibt’s zum 90., 95., 100. und dann jedes Jahr. Ehepaare werden ab der Diamantenen Hochzeit beglückt, wobei es immer mehr Eiserne gibt und wir sogar schon zwei Gnadenhochzeiten (70 Jahre) hatten.

Interessant und für mich immer wieder spannend ist es, dass kaum mal einer der Jubilare bittet, von solchen Besuchen oder zumindest von der Erwähnung in der Zeitung verschont zu werden. Nicht einmal ein engagierter Leserbriefschreiber, der im Jahr seines 90. Geburtstages auch 60 Jahre Mitgliedschaft in der zum Bürgermeister in der Opposition stehenden Partei feierte und ihn im Zusammenhang mit der Diskussion um ein Baugebiet als „kommunalpolitischen Geisterfahrer“ bezeichnet hatte, wollte es sich entgehen lassen, zusammen mit jenem Geisterfahrer, dem Pfarrer und dem Bocksbeutel in die Zeitung zu kommen.

Offensichtlich gibt es einen starken Drang der Menschen, freudige Ereignisse mit anderen zu teilen. Das zeigen auch die vielen Glückwunschanzeigen in der Zeitung, in denen mit holprigen Versen (85 Jahre sind vorbei/nicht alle waren sorgenfrei) und unter Nennung abenteuerlicher Kosenamen (was darf man sich bitte unter Hasenpupsi vorstellen?) zu Geburtstagen oder bestandenen Führerscheinprüfungen gratuliert oder unter Beifügung peinlichster Kinderfotos die Volljährigkeit der Sprösslinge angezeigt wird.

Mein Chef, der Bürgermeister, sah mich etwas strenger an als gewöhnlich. Er fand es nicht sehr passend von mir, über die kleinen Freuden der Menschen zu spotten, auch wenn sie einer gewissen Eitelkeit entspringen mögen. Aber was wäre menschlicher, als ein wenig Selbstverliebtheit? Und schließlich sei doch so ein bisschen Tamtam rund um einen großen Tag nichts im Vergleich zu dem ungehemmten Narzismus, dem man täglich in den sozialen Netzwerken begegnen könnte. Diesmal war also mein Chef an der Reihe, mir etwas ins Stammbuch zu mailen, nämlich einen Satz von Hans Christian Andersen: „Der große Reichtum unseres Lebens, das sind die kleinen Sonnenstrahlen, die jeden Tag auf unseren Weg fallen.“

Ihre Sabrina

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