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(GZ-21-2015)
Neues von Sabrina
 
Todesfalle Bratwurst

Gestern hat mein Chef gesagt...

„Sie glauben doch wohl nicht ernsthaft, dass ich mir von irgendwem, der rangniedriger ist als der liebe Gott, den Genuss der weltbesten Bratwurst vermiesen lasse?“ Mein Chef, der Bürgermeister, war auf dem Weg zu einem Treffen in Coburg. Wenn er dort oder in einer anderen fränkischen Bratwursthochburg zu tun hat, weiß ich mit Sicherheit, er wird eine dieser lokalen Spezialitäten mit großem Vergnügen verspeisen. Ein lebensgefährliches Treiben, wenn man den Warnungen der Weltgesundheitsorganisation vor der krebserzeugenden Wirkung von zu Wurst verarbeitetem Fleisch Glauben schenken darf. 50 Gramm Wurst erhöhen das Darmkrebsrisiko um 18 Prozent, womit eine schöne lange Coburger oder drei Nürnberger leicht das Aus für Genießer bedeuten könnten.

Der Chef, ein bekennender Fleischesser und immerhin Oberhaupt einer Stadt mit ihrerseits beachtlicher Wursttradition (wenngleich die heimischen Erzeugnisse noch nicht mit einer europäischen Herkunftsangabe geadelt sind), hat sich die Studie mal genauer angesehen. Tatsächlich wird Wurst und anderes verarbeitetes Fleisch zusammen mit Alkohol, Tabak und Asbest in eine Risikogruppe eingeordnet. Grundlage dieser Einordnung ist die Auswertung verschiedener medizinischer Untersuchungen; explizit wurde keine eigene Studie durchgeführt. Rein statistisch ergibt sich dann, dass von sieben Milliarden Menschen auf der Erde jedes Jahr rund eine Million an den Folgen des Rauchens sterben, 200.000 sind Opfer des Alkohols und ganze 34.000 Sterbefälle sind mit dem Genuss von Wurst und Schinken verbunden. Wieso das so ist, weiß wohl keiner so recht zu sagen, da gibt es so viele Theorien wie Forscher, die sich dieser herzhaften Aufgabe widmen.

Allerdings tut sich hier ein interessantes Fenster in die aktuelle Forschungslandschaft auf. So geht die Wissenschaft etwa davon aus, dass Metzger, Schlachter und Fleischereifachverkäufer ebenso ein höheres Krebsrisiko haben, weil sie mit rohem Fleisch in Berührung kommen.

Zudem wissen wir dank des Forschungseifers der Fachleute und des Bemühens der Alarmisten in irgendwelchen Institutionen, die ihre Daseinsberechtigung nachweisen müssen, dass in Tontauben, Gummilatschen, Schokolade und geräuchertem Fleisch so genannte PAK vorhanden sind, die nicht nur gefährlich klingen, sondern es auch sind. Aha. Und was nützt dieses Wissen uns Laien, die wir diese Erkenntnisse gar nicht richtig einordnen können?

Leute, lasst die Kirche im Dorf! Würste werden bei uns und eigentlich in ganz Europa seit Jahrhunderten, wenn nicht Jahrtausenden hergestellt. Sie dienten schlicht zur Konservierung von Fleisch, das nach dem Schlachten nicht sofort gegessen werden konnte oder für den Winter gebraucht wurde, etwa der beliebte Weihnachtsschinken.

Ja gut, Würste brauchte man sicher auch, um nicht so edle Teile der Tiere, die man anders als zerkleinert und in ein Stück Darm gepresst nicht hinunterbringen würde, für den Verzehr aufzubereiten. Aber vor den wohlstandsverwöhnten Ekelfleischdebatten war dies ein ethisch durchaus ehrenwerter Ansatz, von dem Gottesgeschenk des Tieres möglichst viel zu verwerten und für die Ernährung nutzbar zu machen. Jetzt Warnungen auszusprechen aufgrund von statistischen Auswertungen, ohne genau die Wechselwirkungen zwischen Wurstverzehr und Zellwachstum wissenschaftlich erklären zu können, ist schon reichlich abenteuerlich. Man könnte auch warnen, Leben ist lebensgefährlich und endet sicher mit dem Tod.

Mein Chef, der Bürgermeister, wird sich jedenfalls sowohl seine fränkischen Lieblinge, als auch die in der kalten Jahreszeit besonders leckeren Schlachtplatten, wie die Würste der städtischen Metzger weiter schmecken lassen. Und zwar wie alles, das er in Maßen verzehrt. Denn davon ist er fest überzeugt: Es schadet immer das Zuviel – weniger, was man zu sich nimmt, ob Fleisch, Gemüse, Alkohol, Kaffee oder was immer man sich vorstellen kann. Nur um ihn zu necken, schicke ich ihm einen Spruch von Bismarck ins Fränkische hinterher: „Je weniger die Leute davon wissen, wie Würste und Gesetze gemacht werden, desto besser schlafen sie.“

Ihre Sabrina

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