Kolumnen & Kommentarezurück

(GZ-17-2015)
Kommentar von Stefan Rößle
 
Stefan Rößle, Landrat im Landkreis Donau-Ries, KPV-Landesvorsitzende:
 
Echte Wahlfreiheit bei der Kinderbetreuung

Liebe Leserinnen und Leser,

die Betreuungsmöglichkeiten von Kindern spielen gesellschaftlich eine herausragende Rolle und werden in ganz Deutschland massiv ausgebaut.

Bundesweit werden immer mehr Kinder sieben Stunden und länger pro Werktag bei Tageseltern, in Kitas, Horten etc. betreut bzw. in Ganztagsschulen unterrichtet. Eltern – vor allem Mütter – können früher wieder in ihren Beruf einsteigen. Die Protagonisten schreiben sich diese Errungenschaft als Riesenerfolg auf die eigenen Fahnen: Ein Segen für die Eltern und für die Kinder. Die Ganztagsbetreuung gilt inzwischen auch als Standortfaktor für Kommunen.

Doch es ist fraglich, ob diese Entwicklung wirklich von allen Eltern überhaupt so gewollt ist, oder ob nicht oftmals nur wirtschaftliche Zwänge dahinterstehen. Fakt ist: Häufig müssen beide Elternteile berufstätig sein, weil eine Familie heutzutage mit nur einem durchschnittlichen Gehalt nur schwer oder mit größerem Verzicht zu finanzieren ist. Eine echte Wahlfreiheit, ob man sein Kind mehr oder weniger zuhause betreuen möchte, sieht jedenfalls etwas anders aus. Manche Kritiker gehen sogar noch weiter und sprechen von einer Entfremdung innerhalb der Familie, die sich künftig nur mehr gestresst am Wochenende begegnet und von Kindern, die von der Krippe bis womöglich zur Uni durchgehend einkaserniert sind. Sicherlich eine Extremposition, aber sie regt immerhin zum Nachdenken an.

Als Kommunalpolitische Vereinigung gehen wir an diese Dinge mit der gebotenen Sachlichkeit heran und blicken nicht durch die ideologische Brille. Wir hinterfragen das „neue“ Familienleben mit all seinen Facetten durchaus kritisch, sehen aber auch den akuten Bedarf von Ganztagsbetreuungsangeboten. Aus diesem Grund haben wir auch gefordert, dass mit verbesserten Angeboten bei der schulischen Ganztagsbetreuung reagiert werden muss und die vielen unterschiedlichen Angebote in Schulen und Horten harmonisiert und bei gerechter Lastenverteilung sinnvoll gegliedert werden müssen. 

Drei Aspekte lagen und liegen der KPV hierbei besonders am Herzen:

  • Eine bessere Flexibilisierung, da die Betreuung am Freitag und die 14-wöchige Ferienzeit die Eltern immer häufiger vor große Probleme stellen.
  • Die Entkoppelung von Bildungsgerechtigkeit und Finanzierbarkeit. Aktuell ist die Bildungsqualität vor allem im Grundschulbereich noch zu stark von der jeweiligen Finanzkraft der Kommunen abhängig.
  • Das Fördersystem soll bei der Findung von Kooperationspartnern und Betreuern spürbar vereinfacht werden.

Im Rahmen des Ganztagsgipfels mit Staatsregierung und den kommunalen Spitzenverbänden im März dieses Jahres konnte hinsichtlich der Forderungen der KPV für die ersten Schritte ein tragbarer Kompromiss gefunden werden, besonders was die Harmonisierung der Ganztagsangebote an Grundschulen angeht. Über 160 Millionen Euro sollen vom Freistaat in den Ausbau der Betreuung investiert werden. Eine gute Basis. Finanziert werden damit zwei neue Modelle, die offene Ganztagsschule bis 16 Uhr und das Kombi-Modell von Jugendhilfe und Schulen (mit hohem Betreuungsbedarf zu Randzeiten). Wichtig war uns dabei, dass alles auf dem Prinzip der Freiwilligkeit basiert und bewährte Strukturen (z. B. Horte) auch im Rahmen der Offenen Ganztagsschule weitergeführt werden können.

Der Schulaufwandsträger übernimmt pro Gruppe jeweils 5.500 Euro – ebenfalls ein guter Kompromiss. Die Pilotphase für die neuen Modelle startet im jetzt beginnenden Schuljahr mit bayernweit 300 ausgewählten Schulen (rund 230 offene Modelle / 70 Kombi-Modelle). 2016 und 2017 kommen jeweils 1.000 weitere Schulen in diesen Genuss. Bis 2018 soll es dann flächendeckend in Bayern für jeden Schüler in allen Schulen ein bedarfsgerechtes Angebot geben.

Damit alle Probleme gelöst? Nur zum Teil. Es bleiben die Zweifel, ob nicht grundsätzliche und weitergehende Maßnahmen notwendig sind, um die Familien zu entlasten und eine echte Wahlfreiheit zu ermöglichen. Mama und Papa und die Kinder sollten im Idealfall abseits von finanziellen Zwängen die Möglichkeit haben, als Familie zu leben und – wenn gewünscht – mehr Zeit miteinander verbringen können. Daran gilt es zu arbeiten.

Ihr Stefan Rößle, Landrat im Landkreis Donau-Ries, KPV-Landesvorsitzender

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