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Home - Kommunale Praxis - GZ-03-07 - Das Buttenwiesener Modellprojekt: „Miteinander Zukunft gestalten“
Das Buttenwiesener Modellprojekt: „Miteinander Zukunft gestalten“
GZ-03-07
Freitag, den 02. Februar 2007 um 11:48 Uhr

Vom „Modell der kurzfristigen Reaktion“ zum „Modell der vorausschauenden
Gestaltung“ in der Kommunalentwicklung


Von Ralf K. Stappen

 

Der demographische Wandel zeigt heute schon erste Wirkungen. Viele Schulen und Kindergärten, manche erst vor Jahren gebaut oder vollsaniert, stehen heute vor der Schließung - wegen Kindermangels. Viele Kommunalpolitiker und auch Bürger fragen sich heute ob man diese Investitionen nicht hätte vermeiden können und wie sie heute ihre Gemeinde qualifiziert auf die Zukunft vorbereiten können. Das Modellprojekt „Miteinander Zukunft gestalten“ ( www.zukunft-buttenwiesen.de ) der Gemeinde Buttenwiesen ist ein Weg, wie man die Herausforderung meistern kann. 

Die wirtschaftstarke Gemeinde Buttenwiesen mit 6.048 Einwohnern war schon unter Bürgermeister Leo Schrell weit über die schwäbischen Grenzen, als Kommune, die mutig neue Wege betritt, bekannt. Auch mit dem Leitbildprozess der Gemeinde, der als Modellprojekt vom Freistaat Bayern (StMUGV) gefördert wurde, betritt man Neuland.

Die Einheitsgemeinde Buttenwiesen entstand im Zuge der Gebietsreform 1978 aus sieben selbstständigen Einzelgemeinden. Das Zusammenwachsen der ehemaligen Einzelgemeinden ist bis heute noch nicht abgeschlossen - was sich schon daran zeigt, dass jeder Ortseil bis heute eine eigene Feuerwehr „haben muss“.

Veränderungen

Auch Buttenwiesen bleibt vor den Veränderungen der Zukunft nicht verschont. Lange Wachstumsgemeinde, wird sich die Bevölkerungsentwicklung nach dem Demographiebericht der Bertelsmann Stiftung von 2003 bis 2020 auf 0.1 % plus (Landkreis Dillingen 5 % plus) einpendeln; nach 2020 zeichnet sich sogar ein Abwärtstrend ab. Große Veränderungen wird es in der Altersstruktur geben, die wie in vielen anderen Kommunen auch, erhebliche Auswirkungen auf das Einkommensteueraufkommen haben wird. Die Gruppe der 0- bis 5-Jährigen wird z.B. von 2003 bis 2020 um 25 % abnehmen und die der über 80-jährigen um 50 Prozent zunehmen. Gravierend ist das Abwandern junger Leistungsträger durch eine negative Bildungsabwanderung.

Ein weiteres großes Gebiet ist der Klimawandel, der sich z. B. erheblich auf den Wasserhaushalt auswirken wird. Was kann eine Gemeinde hiergegen tun?

Vorbereiten auf neue Herausforderungen

Auf Initiative von Bürgermeister Norbert Beutmüller sollte ein Weg gefunden werden, wie sich Buttenwiesen auf die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts vorbereiten kann. Aufgrund der selbstständigen Ortsstrukturen wäre ein Kommunalentwicklungsprozess mit breiter Bürgerbeteiligung, allein auf der Gemeindeebene schwierig. So musste über völlig neue Wege nachgedacht werden, woraus sich dann das Modellprojekt entwickelte. Starthilfe gab hier auch ein Vortrag von Bürgermeister Albert Höchstetter von der Gemeinde Barbing.

Klausurtagung des Gemeinderats

Der neue Weg und das Fundament wurde in einer Klausurtagung des Gemeinderats im Frühjahr 2005 entwickelt. Die Entwicklung des Leitbilds sollte im „Gegenstromverfahren“ mit dem erfolgreichen Ping-Pong-Konzept erfolgen. Durch eine ausgewogene Beteiligung von Gemeinderat, Bürgermeister, Verwaltung (top-down), Bürgern, Unternehmen und örtlichen Organisationen (bottom-up), sowie zwischen und innerhalb der Orte sollten das Gemeindeleitbild und die Dorfleitbilder entwickelt werden. Die Federführung und die Letztverantwortung lag dabei beim Gemeinderat und dem Bürgermeister.

Doppellösung

Erstmals in Bayern und vielleicht sogar in Deutschland, wurde die Gemeindeentwicklung mit einer gleichzeitigen Dorfentwicklung aller Ortsteile verbunden. Dies war ein ungewöhnlicher und mutiger Schritt des Gemeinderats und des Bürgermeisters. Im Prinzip ist eine solche „Doppellösung“ für jede Gemeinde, die aus der Gebietsreform entstanden ist und bis heute noch nicht ganz zusammengewachsen ist, ein guter Weg.

Ideenwerkstatt

Betreut wurde das Modellprojekt „Miteinander Zukunft gestalten“ vom Transferprogramm Kommunale Zukunftsfähigkeit ( www.transfer21.de ), das im Auftrag des StMUGV entwickelt wurde, sowie auf der Ortsebene von erde - eigenständige Regional- und Dorfentwicklung e.V. (Internet: www.erde-bayern.de ). Für jeden Ortteil wurden drei Veranstaltungen durchgeführt. Gestartet wurde jeweils mit einer Ideenwerkstatt im Dorf, wo auch ein Arbeitskreis für die Dorfentwicklung gegründet wurde. Höhepunkt des Leitbildprozesses war ein gemeinsamer Zukunftstag in der Riedblickhalle, wo die sieben Arbeitskreise der Ortsteile (mit 93 Mitgliedern) intensiv ihre Dorfleitbilder entwickelten und gemeinsam Bausteine für das Gemeindeleitbild erarbeiteten.

Bürgerbefragung

Bereits am Abend konnten 250 Bürgern die ersten Ergebnisse vorgestellt wurden. Eine wertvolle Grundlage für den Zukunftstag und den Prozess war die Kleine Bürgerbefragung an der sich über 360 Bürger beteiligten. Durch sieben ortsspezifische Auswertungen und eine Gemeindeauswertung gab es ein „gutes Bild“ über die Sorgen, Bedürfnisse und Ideen der Bürger. Die Kleine Bürgerbefragung brachte z.B. für den Ortsteil Lauterbach zu Tage, dass 96 % der Befragten Lauterbacher mit der Wohnqualität zufrieden sind und sich 97 % in Lauterbach wohl fühlen. Mit der Situation der Arbeitsplätze waren 43 % nicht zufrieden, mit der Situation der Ausbildungsplätze sogar 63 %. 78 % der Befragten sind mit der Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr und 68 % mit den örtlichen Einkaufsmöglichkeiten nicht zufrieden.

Brennpunkte

Als Brennpunkte wurden vom Arbeitskreis identifiziert: die Zukunft Jugend, die Zukunft der Mobilität, ein fehlender Dorfplatz, ein fehlender Treffpunkt für Senioren, ein fehlender Spielplatz, die Nachfolgenutzung landwirtschaftlicher Gebäude und die Ortsbildpflege. Seit der Schließung des Edeka-Geschäfts mangelt es an Einkaufsmöglichkeiten. Eine Metzgerei, eine Bäckerei, ein Dorfladen, das wären ebenso Wünsche wie ein Lokal - Café oder Bistro - in dem man sich treffen könnte.

Energienautonomie
und innovative Wohnkonzepte

Der Dorfarbeitskreis setzte sich intensiv mit der Zukunftsentwicklung von Lauterbach bis 2025 auseinander. Aufgrund der hohen Energiepreise, dem Klimawandel und der damit verbundenen Abhängigkeit wurde die Vision einer weitgehenden Energienautonomie (Erdwärme, Biogasanlagen, etc.) für Lauterbach entwickelt.

Ernährung in Zeiten der Globalisierung
und niedrigerer Renten

Ein weiterer Schwerpunkt war die Frage wie Lauterbach dem demographischen Wandel begegnen kann. Hier wurde die Idee von innovativen Wohnmöglichkeiten für Senioren entwickelt, wozu z.B. leerstehende Häuser im Ortskern genutzt werden könnten. Großen Raum nahm die Stärkung und der Erhalt des Gemeinsinns und der Dorfgemeinschaft ein. Die Auswirkungen der Globalisierung und die künftig niedrigeren Renten sollen durch eine „Ernährungsautonomie“ - z.B. durch die örtliche Produktion von Lebensmitteln - abgefedert werden. Als Sofortprojekt wurde die Idee eines Dorfladens entwickelt, wozu bereits Planungen, Bedarfsermittlungen und ein Modell für eine Dorfträgerschaft erarbeitet wurden.

Ein abschließender Konsens über die Ziele und Maßnahmen wurde auf einen weiteren Dorfabend jeweils im Ortsteil gefunden. Das Gemeindeleitbild mit sieben Dorfleitbildern wurde nach nur 18 Monaten in einer großen Veranstaltung am 23. November 2006 zusammen mit einem Motivationsvortrag zur Zukunft im 21. Jahrhundert durch Franz Alt den Bürgern von Buttenwiesen vorgestellt.

Umsetzungsphase

Seit Januar 2007 ist der Prozess in der Umsetzungsphase. Nun wird es darauf ankommen, die Ideen und das Leitbild in Projekte umzusetzen, sowie einzelne Themen wie den demographischen Wandel und auch den Klimawandel zu vertiefen. Hierfür wird eine qualifizierte Umsetzungs- und Projektstruktur aufgebaut und erste Projekte wie „Betreutes Wohnen“ und ein „Mehrgenerationshaus“ angegangen.

Beispiel Neumarkt

Dass eine Umsetzungsphase erfolgreich gelingen kann, zeigt der mehrfach ausgezeichnete Kommunalentwicklungsprozess der Stadt Neumarkt (Modellprojekt Zukunftsfähiges Neumarkt), wo nicht nur mit dem Bürgerhaus, einer Freiwilligenagentur und der Verzahnung mit dem Projekt Soziale Stadt eine tragfähige Umsetzungsstruktur geschaffen wurde, sondern bereits über 30 Mikroprojekte mit Bundesfördermitteln angeschoben wurden.

Kommunale Entwicklungsplanung

Was kann aus der Vergangenheit für die Zukunft der Kommunalentwicklung gelernt werden ? Die heutigen demographischen Veränderungen waren vor zehn bis 15 Jahren schon absehbar. Dass hier nicht qualifiziert reagiert wurde, lag auch daran, dass sich Deutschland den Luxus leistet, im Unterschied zu vielen europäischen Staaten, auf das Instrument einer gesetzlich verankerten Kommunalen Entwicklungsplanung zu verzichten. In Ostdeutschland hat dieser Luxus zu milliardenschweren kommunalen Fehlinvestitionen (überdimensionierte Kläranlagen, Infrastruktur, etc.) geführt. Kein Mensch könnte sich Deutschland heute ohne die Instrumente der Bauleitplanung und der Flächennutzungsplanung vorstellen - Planungschaos wäre hier vorprogrammiert. Als freiwillige Aufgabe war die Kommunalentwicklung lange Zeit ein Randthema und wurde allenfalls im Rahmen der Lokalen Agenda21-Prozesse als „Spielwiese“ betrieben, wobei gerade von einigen Lokalen Agenda21-Prozessen wichtige Impulse für die Kommunalentwicklung ausgegangen sind. Ohne Kommunale Entwicklungsplanung droht vielen Kommunen eine Abwärtsspirale.

Demographische Handlungsempfehlungen

Es wundert nicht, dass die Bertelsmann-Stiftung jeder Kommune, in ihren demographischen Handlungsempfehlungen eine „Kommunale Entwicklungsplanung“ ans Herz legt. Es zeichnet sich dabei folgende Erkenntnis ab: Das heute noch häufig praktizierte „Modell der kurzfristigen Reaktion der Kommunalentwicklung“ hat ausgedient und wird in Zukunft durch das „Modell der langfristigen und vorrausschauenden Gestaltung der Kommunalentwicklung“ abgelöst. Damit einher geht eine Renaissance der „Neuen Kommunalen Entwicklungsplanung“, die nicht einer ausufernden Planungsbürokratie der 60er und 70er Jahre des 20.Jahrunderts verpflichtet ist, sondern einem „Good Governance“-Ansatz mit einer breiten und qualifizierten Bürger- und Akteursbeteiligung, dem Nachhaltigkeitsprinzip und einer strategischen Orientierung.

In der Praxis wird diese zu einer besseren, bürgernäheren und zukunftsfähigen Kommunalpolitik führen. Die Zukunftsfähigkeit der bayerischen Kommunen steht und fällt mit der Verankerung einer vorrauschauenden Gestaltung. Um den Verankerungsprozess zu beschleunigen muss über die Schaffung von neuen Rahmenbedingungen und wirksamen Anreizsystemen intensiv nachgedacht werden. (GZ-03-07) 

 

  

Unser Autor:

Ralf K. Stappen war bis zum Jahr 2000 wissenschaftlicher Mitarbeiter der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Seit über zehn Jahren ist er in der Kommunalentwicklung und Kommunalberatung tätig. Er ist Geschäftsführer der SP Group Beratungsagentur ( www.sp-group.de ) und Leiter des Transferprogramms Kommunale Zukunftsfähigkeit (www.transfer21.de ), das im Auftrag des Freistaats Bayern (StMUGV) entwickelt wurde. R. K. Stappen leitete die Modellprojekte „Visionen für Ingolstadt“ der Stadt Ingolstadt, „Zukunftsfähiges Neumarkt“ der Stadt Neumarkt und „Miteinander Zukunft gestalten“ der Gemeinde Buttenwiesen und betreut erfolgreich Leitbildprozesse wie z. B. von Markt Pleinfeld in Bayern. Kontakt: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.

 

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