Banner
Home - Landes-, Bundes- & Europapolitik - GZ-03-2015 - Frauen führen Kommunen
Frauen führen Kommunen
GZ-03-2015
Montag, den 02. Februar 2015 um 11:12 Uhr

Studie der Europäischen Akademie für Frauen in Politik und Wirtschaft zu Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern

Zwischen 40 und 50 Jahren, kommunalpolitisch aktiv, vor Ort verwurzelt, verheiratet, mit kleinen Kindern – und männlich: So lautet das gängige Profil des deutschen Bürgermeisters. Nur 9 % aller Amtsinhaber sind Frauen. Damit liegt der Anteil noch unter dem von Top-Managerinnen in der Wirtschaft. Auf dieses Ungleichgewicht weist die Europäische Akademie für Frauen in Politik und Wirtschaft (EAF) in ihrer aktuellen Studie „Frauen führen Kommunen“ hin. Dabei handelt es sich um die bisher umfangreichste qualitative Untersuchung über Bürgermeisterinnen und Bürgermeister in Ost- und Westdeutschland.


60 Bürgermeisterinnen und Bürgermeister aus Ost- und Westdeutschland beantworteten Fragen zu Karrierewegen, Hindernissen und Unterstützungsbedarfen von Frauen in der Kommunalpolitik. Die Untersuchung präsentiert die Ergebnisse der Befragung und stellt sie in den Kontext aktueller Forschungsergebnisse.

Wie die Umfrage ergab, gibt es im Osten deutlich mehr Frauen in kommunalpolitischen Führungspositionen. Während der Anteil der Bürgermeisterinnen in den großen Städten im Westen bei knapp 12 % liegt, kommen die neuen Bundesländer auf 27 %. Auch beim Anteil der Landrätinnen liegt der Osten vorn. Insgesamt sind die Frauen in Städten mit 50.000 bis 100.000 Einwohnern mit knapp 18 % am präsentesten, in kleinen Gemeinden unter 10.000 Einwohnern gibt es hingegen nur 7,7 % Rathaus-Chefinnen.

Unterstützung durch den Partner

Für Bürgermeisterinnen ist die Unterstützung ihres Partners bzw. der Familie ein entscheidender Erfolgsfaktor. Ein sehr hoher Anteil der befragten Bürgermeisterinnen ist verheiratet und hat Kinder. Eine Familie bzw. Kinder zu haben, ist für Frauen kein prinzipielles Hindernis für eine kommunalpolitische Führungsposition – wenn die private Konstellation stimmt. Das heißt in der Regel: Die Kinder sind bereits größer oder erwachsen und es ist eine praktische und moralische sowie oft auch finanzielle Unterstützung des Partners vorhanden.

Bemerkenswert ist, dass die wenigen Beispiele von Frauen, die bereits mit kleineren Kindern in die Politik gingen, vorwiegend in den neuen Ländern zu finden sind. Hochinteressant in Bezug auf die Lebenssituation ist, dass etwa ein Viertel der Männer geschieden ist, während es bei den Frauen nur sehr wenige sind.

Nadelöhr Nominierung

Ein weiteres Resultat der Untersuchung ist, dass der parteiinterne Nominierungsprozess für Frauen ein echtes Nadelöhr darstellt. Nach wie vor unterscheiden sich die Umstände der Nominierung und der Kandidatur: Denn deutlich mehr Frauen wurden in einer Konstellation nominiert, in der der Wahlsieg als eher unwahrscheinlich galt, weil die Partei lange in der Opposition war oder man sich aufgrund anderer Umstände schlechtere Chancen ausrechnete. Über die Hälfte der Männer sah ihre Wahl als ziemlich sicher an, bei den Frauen war es dagegen nur ein knappes Viertel. Auch haben nur ein Fünftel der Frauen, deren Vorgänger immer männlich waren, einen Bürgermeister aus der eigenen Partei abgelöst – bei den Männern sind es doppelt so viele.

Die Persönlichkeit entscheidet

Sehr deutlich wird, dass Frauen von dem Umstand profitieren, dass die Wahlen in das Bürgermeisteramt stärker auf die Persönlichkeit zugeschnitten sind, und dass sie aufgrund ihrer Ausstrahlung und ihrer Kompetenz die Wählerinnen und Wähler überzeugen können und, oft überraschend für sich selbst und für ihre Partei, die Wahl gewinnen. Zudem sind die Bürgermeisterinnen, einmal im Amt, durchaus erfolgreich und werden, vielfach mit besseren Ergebnissen als in der Erstwahl, wiedergewählt.

„Ungeachtet der positiven Beispiele lassen sich die Parteien aber zu häufig von überkommenen Rollenmustern und eingefahrenen, die männlichen Bewerber begünstigenden Strukturen leiten“, kritisiert die Studie.

Die Parteien spielen bei der Besetzung der Führungspositionen in der Kommunalpolitik heute zwar noch eine Schlüsselrolle. Doch stellt sich laut EAF die Frage, ob dies in diesem Ausmaß auch künftig der Fall sein wird. Der Anteil der parteiunabhängigen Kandidaten war bereits vor einigen Jahren mit 26 Prozent vergleichsweise hoch, und es sprechen einige Indizien dafür, dass der Anteil eher noch zunehmen wird.

In den neuen Ländern wird die Bedeutung und Rolle der Parteien, wie die Befragung zeigt, ohnehin niedriger eingeschätzt. Zudem haben in Ost wie West auch die parteigebundenen Bürgermeisterinnen und Bürgermeister ein vor allem funktionales Verhältnis zu ihrer Partei, die sie vorrangig als Kontakt- und/oder Karrierenetzwerk nutzen. Im Grundsatz kann diese Entwicklung Frauen durchaus zugutekommen, weil es sie unabhängiger macht. Sie haben die Chance, sich mit ihrer Verankerung in der Kommune und mit Unterstützung zivilgesellschaftlicher Netzwerke einen Namen zu machen und ihre Chancen bei der Wählerschaft auch jenseits der Parteien zu nutzen.

Netzwerkkompetenz

Auffallend ist auch, dass Frauen in punkto Netzwerkkompetenz aufgeholt haben. Bürgermeisterinnen sind sich heute der Bedeutung von Netzwerken sehr bewusst und ähnlich vielfältig vernetzt wie die Männer. Dennoch gilt es nach wie vor, die Bedeutung von Netzwerken für die politische Karriere zu verdeutlichen und die Netzwerk-Fähigkeit von Frauen vor allem zu einem frühen Zeitpunkt der Karriere zu fördern. Im Rückblick betonen zahlreiche Bürgermeisterinnen, dass sie heute ihre Karriere strategischer angehen würden, wozu auch der Aufbau und Umgang mit Netzwerken gehört.

Netzwerke unter Frauen in der Kommunalpolitik und zwischen Frauen in kommunalpolitischen Spitzenpositionen werden von den Bürgermeisterinnen zwar prinzipiell positiv eingeschätzt. Dies gilt vor allem für die Frauen aus den alten Bundesländern, die sich ihres Sonderstatus‘ oft noch sehr bewusst sind. Deutlich wird, dass es nicht um lockere Frauentreffen gehen kann, da Zeit eine kostbare Ressource bildet.

Mehr Gelassenheit in den neuen Bundesländern

Generell gehen in den neuen Bundesländern die Bürgermeister und deren Kolleginnen eher gelassen mit der Geschlechterfrage um. Betont werden mehr die Gemeinsamkeiten als die Unterschiede zwischen Frauen und Männern und es wird durchgehend mit einem gewissen Stolz die größere Selbstverständlichkeit bezüglich der Gleichberechtigung von Frauen und Männern hervorgehoben. Es gibt deutlich mehr Frauen in kommunalen Führungspositionen (auch wenn ihr Anteil auch dort nicht repräsentativ im Sinne des weiblichen Bevölkerungsanteils ist). Vielfach ist bei den Bürgermeisterinnen aus dem Westen eine gewisse Bewunderung oder Anerkennung für die Kolleginnen im Osten zu spüren, die als souveräner und selbstbewusster wahrgenommen werden.

Erhitzte Gemüter im Westen

In den alten Bundesländern erhitzt die Geschlechterfrage die Gemüter mehr, es werden in der Tendenz stärker die Unterschiede zwischen den Geschlechtern betont, zum Teil in stereotyper oder klischeehafter Form. Auffällig ist, dass in Ost wie West die Frauen für sich selbst deutlich mehr positive Eigenschaften reklamieren und sich – ob zu Recht oder zu Unrecht – für die besseren Chefinnen halten.

Insgesamt wird der Handlungsdruck im Westen stärker als im Osten der Republik wahrgenommen, angefangen vom Generalthema der Kinderbetreuung, das die Kommunalpolitik in den alten Bundesländern in jeder Beziehung stark beschäftigt bis hin zum Netzwerk-Thema, das für die Bürgermeisterinnen im Westen eine verhältnismäßig große Bedeutung hat. Die ostdeutschen Bürgermeisterinnen und Bürgermeister wünschen sich dagegen stärker als ihre Kollegen im Westen mehr prominente Unterstützung und öffentliche Anerkennung ihrer Arbeit.

Frage der Zukunftsfähigkeit

Abschließend lässt sich der Untersuchung zufolge feststellen, dass es auch eine Gruppe von Bürgermeistern und Bürgermeisterinnen in Ost wie West gibt, die das Frau-Mann-Thema und die Frage der Unterrepräsentanz insgesamt stärker zu einer Frage der Weiterentwicklung und Zukunftsfähigkeit von Kommunalpolitik machen. In dieser Argumentation spielt der Aspekt der Nachwuchssicherung eine zentrale Rolle. Wie kann das Amt für Frauen wie für Männer attraktiv bleiben und dies in einer zunehmend multikulturellen Gesellschaft?

Vergleichbar zur Diskussion in der Wirtschaft zu Chancengleichheit und Diversity wird sich auch die Diskussion in der Kommunalpolitik in diese Richtung weiter entwickeln müssen. Wie auch die „Europäische Charta für die Gleichstellung von Frauen und Männern auf lokaler Ebene“ betont, gilt es, Frauen und Männer in ihrer Vielfalt für die Kommunalpolitik zu gewinnen. Es geht um Formen des Talent Managements, der Karriereentwicklung und der Führungskultur, die in erster Linie den Frauen, aber eben nicht nur, sondern auch vielen (jüngeren) Männer und anderen Bevölkerungsgruppen zu Gute kommen würde, weil sie eingefahrene Muster aufbricht, mehr Inklusion ermöglicht und Vielfalt stärker fördert und wertschätzt.

Gesetzliche Rahmenbedingungen

Wo also kann angesetzt werden, um den Anteil von Frauen in den kommunalen Spitzenpositionen zu erhöhen? Hierzu hat die Europäische Akademie für Frauen in Politik und Wirtschaft Handlungsempfehlungen für eine zukunftsfähige Kommunalpolitik entwickelt. Neben der gezielten Nachwuchsgewinnung, neuen Formen der Karriereförderung und der Führung in neuen Zeitmodellen plädiert die EAF für mehr Netzwerke für Frauen sowie mehr Austausch zwischen Ost und West.

Darüber hinaus benötige Kommunalpolitik gesetzliche Rahmenbedingungen für mehr Frauen in Führungspositionen. Wünschenswert sei zudem eine größere öffentliche Anerkennung. Laut EAF könnte es hier „für die kommunalen Spitzenverbände eine durchaus lohnende Aufgabe sein, zum Beispiel eine Kampagne ‚Beruf Bürgermeisterin‘ bzw. ‚Beruf Bürgermeister‘ zu entwickeln, in der weibliche und männliche Rollenbilder über ihre Erfahrungen sprechen und für ihren ‚Beruf‘ werben“.DK

(GZ-03-2015)

 

 

GZ-Newsletter

Neues von Sabrina

Allgemeine Verunsicher- ung greift um sich, nach- dem es an diversen Orten in Bayern zu Anschlägen und Amokläufen kam. Der Bürgermeister lässt sich davon nicht aus der Ruhe bringen. Gerade jetzt sei es wichtig, das öffentliche Leben aufrecht zu erhal- ten und sich nicht ein- schüchtern zu lassen.  >>

Klima-Allianz

GZ - Kolumne

Josef Mederer:
Faire Finanzierung der Jugendhilfe >
>

Sonderdrucke der GZ:

BreitbandForum

Bayerisches BreitbandForum

InfrastrukturForum

Bayerisches Infrastrukturforum

EnergieForum

Der GZ-MarktPlatz

GZ-MarktPlatz

Die GZ bei ...

facebook2
youtube
gz-aktuell
gz-google_plus


spacer.png, 0 kB
spacer.png, 0 kB