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(GZ-10-2017)
Neues von Sabrina
 
Demoskopie auf dem Prüfstand

Gestern hat mein Chef gesagt...

„Vor der Wahl in Nordrhein-Westfalen haben es die Burschen von den Umfrageinstituten ja ganz schlau gemacht. Die Ergebnisse waren so unterschiedlich, dass mindestens eines gar nicht daneben liegen konnte.“ Mein Chef, der Bürgermeister, machte sich Gedanken zur Zuverlässigkeit von Vorwahlumfragen und Ergebnisprognosen. Denn schließlich wird bald der Bundestag gewählt und ein Jahr darauf der Bayerische Landtag. Bis zur Kommunalwahl ist zwar noch etwas hin, aber trotzdem kann man sich ja schon mal Gedanken machen, ob man wirklich für den Blick in die Glaskugel der Demoskopen Geld einplanen soll.

Man ist hin und her gerissen zwischen einer gesunden Skepsis gegenüber Umfragen allgemein und der zwanghaften Neugier, früher mehr als andere über den Wahlausgang wissen zu wollen. Lange Jahre galt es ja als ausgemacht, dass die empirische Sozialforschung in der Lage ist, den Menschen so genau ins Hirn zu schauen, dass der eigentliche Wahlakt mehr oder weniger nur mehr die formale Bestätigung der Umfrageergebnisse darstellt.

Dieser fromme Wunderglaube hat seit gut einem Jahr einen empfindlichen Knacks bekommen. Wie war das noch? Die Briten sind zwar exzentrisch, aber nicht so dumm, sich durch den Brexit ihr eigenes wirtschaftliches Grab zu schaufeln? Die Prognosen lagen falsch. Amerika wird die unsympathische, aber erfahrene Hillary Clinton zur Präsidentin wählen und nicht einen erratischen Showmaster auf Egotrip? Ein Satz mit x. Und im Saarland gibt es Dank Schulz-Effekt ein Kopf-an-Kopf-Rennen der großen Parteien? Ergebnis bekannt.

Besser waren die Demoskopen, als sie in Frankreich den Sieg des juvenilen Monsieur Macron gegen Tante Marine voraussagten; und beim Ergebnis in Schleswig-Holstein. Aber da war der Schulz-Zug längst auf Gleis 9 ¾ abgestellt und die Republik hatte ungläubig gelernt, dass frühere Nichtwähler scharenweise zur CDU wechseln, statt wie es im politologischen Lehrbuch steht, gefälligst die aktuelle Protestpartei zu pimpen.

Jetzt in NRW konnte man frei wählen zwischen Umfragen, die die SPD und solchen, die die CDU vorne sahen. Aufrechte Liberale konnten sich an einer zweistelligen Prognose für die F.D.P. erfreuen, nicht so große Fans von quietschbunten Plakaten lasen die Umfragen, die blau-gelb-magenta eher einstellig sahen. Aber die Möglichkeit, die klassische bürgerliche Koalition der Bonner Republik neu aufzulegen, sah wohl kein Institut am Wahlhorizont.

Aber es ist schon auch verteufelt schwer, sich angesichts einer immer volatileren Wählerlandschaft ein zuverlässiges Bild von der Stimmung im Lande zu machen. Da steigt ein alter, in Jahrzehnten politischer Tätigkeit ergrauter sozialdemokratischer Fahrensmann über Nacht zum frischen Gesicht der deutschen Politik auf, nur um ein paar Wochen später wie ein verschrumpelter Ballon, aus dem die Luft fast vollständig entwichen ist, in der demoskopischen Ecke zu landen. Statt dessen denkt der Wähler „keine Experimente“ und entdeckt seine Liebe zum Stabilitätsanker im Kanzleramt wieder. Der zuletzt immer größer werdende Kreis der Nichtwähler löst sich auch auf und es finden wieder mehr Leute spannend oder wichtig, in der politischen Arena auch durch Wahlen mitzumischen. Sicherlich auch nicht zu unterschätzen: Die Protestparteien von links und rechts ködern mit im Kern den gleichen Parolen die Unzufriedenen und Beladenen im Lande, so dass man es fast schon mit einem Münzwurf entscheiden kann, ob man lieber die Dame mit Dutt oder die mit frecher Kurzhaarfrisur wählt.

Mein Chef, der Bürgermeister, ist noch total unentschlossen, ob er noch einmal so großes Vertrauen in die Demoskopen setzen soll, wie er es schon einmal hatte. Aber klar, die Welt ändert sich in rasender Geschwindigkeit, da muss man auch als Sozialwissenschaftler erst mal hinterher kommen. Verlassen kann man sich eigentlich nur auf die Erkenntnis Winston Churchills: „Ein Experte ist ein Mann, der hinterher genau sagen kann, warum seine Prognose nicht gestimmt hat.“

Ihre Sabrina

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