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(GZ-9-2017)
Neues von Sabrina
 
Unser Horizont ist europäisch

Gestern hat mein Chef gesagt...

„Na, Leute, sollten wir zum Europa-Tag nicht auch mal eine Pro-Europa-Demo organisieren, wie sie derzeit in fast allen großen Städten stattfinden? Auch wir könnten doch ein Zeichen gegen das ewige Europa-Bashing bestimmter Leute setzen.“ Mein Chef, der Bürgermeister, war Feuer und Flamme für die Aktion, die eine Bewegung namens Pulse of Europe aufgebracht hat: Für die Idee der europäischen Einigung auf die Straße zu gehen.

Also, ich war spontan begeistert von dem Vorschlag. Zunächst, weil ich schon immer mal bei einer Demo mitmachen wollte, aber mich bis dato noch kein Anliegen hinter dem Ofen hervor und auf die Straße gelockt hat. Durch die Stadt ziehen und skandieren „Bürger, lasst das Glotzen sein, kommt heraus und reiht euch ein“ oder „Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns Europa klaut“ – das ist bestimmt ein cooles Erlebnis.

Neben solchen, vielleicht in einer unbefriedigten Rebellen-Biographie wurzelnden Phantasien, gefällt mir noch etwas anderes: Es ist doch absolut bemerkenswert, dass in Deutschland einmal für etwas demonstriert wird. Wir Deutsche, das Volk der Ablehner, Zweifler, Veränderungsgegner und Angsthasen vor allem und jedem sagen mal JA zu etwas. Allein das ist doch schon einen Fußmarsch durch die Innenstadt wert. Zudem wäre eine solche Demo mal eine Abwechslung, die Schwung in den Europatag bringen könnte. Ehrlich mal, die bisherigen Veranstaltungen sind zwar gut gemeint, haben aber einen solch langen Bart, dass sie keinen mehr hinter dem Ofen hervorlocken. Die Volkstanzgruppen aus unseren Partnerstädten altern langsam vor sich hin, seit sie das erste Mal bei uns aufgetreten sind (man nennt das einen traditionellen Programmpunkt), der Italiener am Stadtplatz, der Spanier in der Taubengasse und der Kroate am Bahnhof bieten auch jedes Jahr die gleichen kulinarischen Grüße europäischer Vielfalt, die mittlerweile jede Hausfrau und jeder Hobbykoch im Repertoire hat. Und weil alles so vorhersehbar und schon mal dagewesen ist, deshalb wird auch die Berichterstattung über den Europatag in der Lokalpresse immer kürzer.

Das ist ja das Fatale: Europa ist so erfolgreich, dass es sich bei uns allen ganz selbstverständlich in unser Leben geschlichen hat. Auf unseren Speisezettel, auf unsere Playlists, in unseren Designgeschmack, kurz in unsere Lebenswirklichkeit. Unser Horizont ist europäisch, aber wir alle nicken selig, wenn irgendwer die Schuld für irgendwas, das schiefgeht, denen aus Brüssel zuschiebt. Das darf dann immer schön Europa ausbaden.

Dabei ist es mit Europa das Gleiche wie mit der Ehe oder einer tiefen Freundschaft: Man muss ständig daran arbeiten. Es genügt nicht, dass man sich gegenseitig schätzt, bewundert und die Harmonie genießt. Was man schätzt, muss man auch verteidigen, was man bewundert, muss man auch in positivem Licht darstellen und die Harmonie muss man befördern, indem man die Wertschätzung und Anhänglichkeit gegenüber dem Partner auch deutlich macht und sich nicht damit zufrieden gibt, das Positive als selbstverständlich hinzunehmen und nur das Kritikwürdige zu thematisieren.

Mein Chef, der Bürgermeister, brennt für Europa und möchte genau das bewirken: Gut über Europa zu sprechen, sich bewusstmachen, wie sehr wir eigentlich schon Europäer geworden sind und deutlich machen, was wir verlieren würden, wenn wir nicht sorgsam mit der europäischen Idee umgehen, sondern den Diskurs über die Zukunft unseres Kontinents denjenigen über lassen, die mit nationalistischen Rezepten der Zwischenkriegszeit die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts meistern wollen. Ich twittere ihm den Satz eines Zeitzeugen, der die Nation untergehen und Europa auferstehen sah, Franz Josef Strauß: „Dieses Europa hat ein gemeinsames Schicksal und eine gemeinsame Zukunft. Was liegt näher, als dass es zu einer gemeinsamen Politik kommen muss?“

Ihre Sabrina

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