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(GZ-6-2017)
Neues von Sabrina
 
Vom Fasten und Verzichten

Gestern hat mein Chef gesagt...

„Wisst ihr was? Dieses Jahr verzichte ich mal auf den Verzicht. Das ist mein diesjähriger persönlicher Beitrag zur Fastenzeit.“ Mein Chef, der Bürgermeister, überflog gerade das gefühlt hundertste Statement mit Vorschlägen zur Gestaltung des Fastens, die bei weitem nicht alle aus den berufenen Mündern und Federn der Kirchen stammen.

Da ruft eine örtliche Umweltgruppe zum Autofasten auf, also darauf, das Auto 40 Tage nicht zu benutzen. Wenig originell. Die Veganer fordern zum Tierfasten auf (das war die Überschrift, die suggerieren mag, der Hund müsse den Gürtel enger schnallen), also zum Verzicht auf tierische Produkte bis hin zum wirklich originellen Aufruf der wenigen verbliebenen Milchbauern in der Stadt, es mit Alles-außer-Milch-Fasten zu versuchen, also ihr Kernprodukt keinesfalls aus dem Konsum zu nehmen.

Verzicht ist ja sehr angesagt in diesen Tagen. Mama Bavaria verzichtet auf dem Nockherberg auf Gags, die SPD verzichtet auf die Agenda 2010 und Erdogan verzichtet auf Kinderstube im Umgang mit anderen Ländern. In so mancher Wirtschaft hört man Sätze wie „In der Fastenzeit trinke ich immer zuerst ein alkoholfreies Weißbier“, was mehr nach hors d’oeuvre klingt als nach Bußübung.

Ich erinnere mich noch lebhaft, wie ich als kleines Kind hoch beeindruckt war von den Ermahnungen des Pfarrers im Religionsunterricht der Grundschule, in den 40 Fastentagen auf etwas ganz Wichtiges zu verzichten, zum Beispiel auf Süßes. So lange keine Schokolade zu essen war nicht mein Ding, deshalb schlug ich meinen Eltern vor, etwas anderes ganz Wichtiges wegzulassen: das Zähneputzen.

Ich erinnere mich noch gut, wie mein Vater mir liebevoll den Unterschied erklärte zwischen der Wohltat zu entdecken, dass man etwas eigentlich für unverzichtbar Gehaltenes doch nicht braucht, und einem bauernschlauen Trick. Wir einigten uns, dass ich 40 Tage nicht mehr mit einem schon etwas angeschlagenen Stofftier spiele. Das Happy End blieb aus, ich hatte den Bären zu Ostern völlig vergessen und er staubt seither am Speicher vor sich hin.

Eigentlich soll ja das Fasten einem Selbst, der Einstellung zu den Dingen und den Umgang mit dem Leben etwas bringen. Ziel kann es nicht sein, durch Autofasten ein paar Gramm Schadstoffe einzusparen oder durch eine Diät in 40 Tagen das Gewicht abzunehmen, das man sich dann zu Ostern in vier Tagen wieder drauffuttert.

Ich habe mich für eine besondere Form des Smartphonefastens entschieden. Denn wirklich 40 Tage ohne mobile Kommunikation kommen vielleicht moderne Säulenheilige aus – ich nicht. Aber ich bin so ein Typ, der immer auf das Gerät schaut, sobald sich was tut – einkommende Mail oder Nachricht, Newsticker, was auch immer. Nervig für mich und meine Umgebung, weil ich ständig das Gerät in den Fingern habe und mich viel schlechter konzentrieren kann als früher.

Jetzt ignoriere ich konsequent das ewige Bip und Ring und Klirr meines elektronischen Begleiters und schaue nur noch exakt alle zweieinhalb Stunden nach, was sich getan hat. Mails, Nachrichten, News, alles kompakt in ein paar Minuten gecheckt und weiter geht es. Funktioniert bisher prima, ich verspüre keinen Informationsverlust, gewinne aber mächtig Zeit. Und eine richtige Fastenübung ist es auch, weil es mich jedesmal noch tierisch juckt, wenn unter der Zeit ein Nachrichteneingangssignal ertönt. Ich hoffe, am Ende der 40 Tage kann ich diese Töne so ignorieren, wie ich als Kind nach einer gewissen Zeit meinen Teddy vergessen habe.

Mein Chef, der Bürgermeister, ist hellauf begeistert. Meine ständige Telefonguckerei hat ihn schon lange genervt. Er wird also seine Meinung über Fasten und Verzicht überprüfen müssen. Vielleicht hilft dabei auch ein Satz des belgischen Schriftstellers Phil Bosmans: „In Zeiten des Krieges können Menschen auf alles verzichten. Warum bringt der Frieden die Menschen nicht dazu, auch nur auf etwas zu verzichten?“

Ihre Sabrina

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