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(GZ-3-2017)
Neues von Sabrina
 
Fakes und Fakten im heutigen Internet

Gestern hat mein Chef gesagt...

„Ich denke, wir müssen dringend unsere Präsenz in den sozialen Netzwerken steigern. Schaun wir doch nach Amerika: Da ‘erklärt’ der Präsident seine Politik in 140-Twitterzeichen und sein Pressesprecher behandelt die Journalisten wie Schulbuben. Was für Zeiten!”

Mein Chef, der Bürgermeister, schaute etwas ratlos in die Runde, als wäre er selbst nicht sicher, ob er einen Witz gemacht oder eine bittere Wahrheit verkündet hatte.

Ich entschied mich für die Variante Witz und schlug vor, entsprechend dem Twitter-Account @POTUS (President of the United States) die Adresse @BUS (Bürgermeister unserer Stadt) für unseren Chef zu reservieren. Kam als Scherz so mittel an.

Ganz im Ernst gesprochen ist es schon überlegenswert, mehr über soziale Medien in die Öffentlichkeit zu gehen. Selbst wenn man nicht auf der Krawallbahn fährt, wie die neue amerikanische Administration, die so gut wie alles auf den Kopf stellt, was man so gemeinhin unter politischer Kommunikation oder „Verkaufen von politischen Inhalten“ kennt. Politische Inhalte? Da kommen doch eher mal wieder faustdicke Lügen in die Welt, die dann als „alternative Fakten“ dargestellt werden.

Wobei ich persönlich nicht weiß, was an der Idee von alternativen Fakten so seltsam oder neu sein soll. Das Konzept ist fast 50 Jahre alt und stammt von Pippi Langstrumpf: „Zwei mal drei macht vier und drei macht neune, ich mach’ mir die Welt, wie sie mir gefällt“.

Trumps Jubel-Amerikaner pfeifen auf die Medien vielleicht deshalb, weil sie davon ausgehen, dass ihre Wähler ohnedies keine seriösen Zeitungen oder Fernsehsendungen nutzen. Was will der Hillbilly aus West Virginia mit einer seriösen Analyse der wirtschaftlichen Verflechtungen im internationalen Warenverkehr oder was interessieren den Redneck in Kansas die Feinheiten der globalen Sicherheitsarchitektur. Da reicht ein Tweet „America first“ und alle Probleme sind gelöst.

Natürlich ist sinnvolle Kommunikation über solche Plattformen wie Twitter und Facebook möglich - auch hierzulande. Da gibt es etwa die zu Recht schon fast mit Kultstatus versehene Social-Media-Truppe der Münchner Polizei. Ich kann mir gut vorstellen, dass die mit ihren Tweets durchschlagender sind als so mancher Aufruf im Rundfunk. Schließlich werden heutzutage Playlists auf Plattformen abgearbeitet und nicht wie in unserer Jugendzeit das Radio angeschaltet.

Ja, jetzt sind wir genau an dem Punkt, um den sich alles dreht: Einst und jetzt. Ich stamme noch aus einer Familie, in der Zeitung gelesen, Tagesschau oder „Heute“ geguckt und beim Autofahren der Verkehrssender gehört wurde. Und heute? Kann man sich seine Informationen und seine Unterhaltung so modular aus dem Internet herausklauben, dass ein Teil dieser ganzen Rituale vielleicht noch aus Gewohnheit gepflegt wird, aber im Grunde doch ausstirbt. Also: Her mit den Alternativen.

Mein Chef, der Bürgermeister, ist gänzlich unzufrieden. Natürlich nutzt er als moderner Politiker soziale Medien und Kommunikationsdienste. Aber er fühlt sich immer auch etwas unwohl dabei. Nicht nur wegen der Frage, was mit den Daten geschieht auf den großen Servern über dem großen Teich. Sondern vor allem wegen eines zentralen Punkts: Was macht diese Entwicklung aus unserer Kommunikation? Werden wir auch weiterhin in der Lange sein, uns politische Diskussionen zu liefern, Auge in Auge, im Wirtshaus, auf der Straße oder im Bürgerhaus? Oder wird Politik zum Austausch von Kurznachrichten werden?

Weil mir vor lauter Medien und elektronischer Kommunikation schon ganz schwummrig ist, schreibe ich dem Chef einen Satz des spanischen Nobelpreisträgers Santiago Ramón y Cajal schnell auf einen Zettel: „Begründen und überzeugen, wie schwierig, langwierig und mühevoll! Einreden? Wie schnell, einfach und billig“.

Ihre Sabrina

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