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(GZ-1/2-2017)
Neues von Sabrina
 
Lässt der Internetkaufrausch unsere Innenstädte kollabieren?

Gestern hat mein Chef gesagt...

„Eigentlich müsste man sie würdigen, diese Weihnachtsmänner und -frauen in gelb, blau, rot oder braun, diese fleißigen Wichtel, die bei jedem Wetter und fast rund um die Uhr dem unentrinnbaren Trend zum Kauf im Internet das logistische Fundament bereiten.“ Mein Chef, der Bürgermeister, formulierte diese seltsame Eloge nach einem Treffen mit dem Ordnungsreferenten und der Verkehrspolizei zum Thema „Beschwerden über Logistikfahrzeuge“.

In der Tat hat man in den Wochen vor dem Fest die Lieferwagen der verschiedenen in unserer Stadt tätigen Logistikunternehmen überall gesehen – in zweiter Reihe, in Einfahrten, auf den Bürgersteigen. Viele Mitbürger sprangen erschreckt zur Seite, wenn sie eine Sackkarre – bis oben beladen mit Paketen – auf sich zurasen sahen und erst im letzten Moment bemerkten, dass eine geschickte Person das Monstrum mit schlafwandlerischer Sicherheit zwischen den Passanten hindurch navigierte.

Allerdings denke ich mir immer, dass damit noch nicht die größte Herausforderung beschrieben wird, die mit dem zunehmenden E-commerce verbunden ist. Stichwort Zustellung. Alles ist gut, wenn man zuhause ist. Dann kann es bis acht oder halb neun Uhr abends sein, dass es heftig klingelt und jemand „Paket, unterschreiben“ in die Gegensprechanlage radebrecht. Denn auch das gehört zur Realität des schönen neuen Shoppens im Internet: Diejenigen, die die Konsum-Nabelschnur zwischen dem Versender und uns Kunden bilden, stehen oft noch ganz unten in der Verdienstkette. Nicht selten ein Einstiegsjob für Migranten.

Schwieriger ist es, wenn man meistens nicht in der Wohnung ist, wie dies bei Berufstätigen vorkommen soll. Bei uns im Haus ist es relativ angenehm, ein Nachbar ist Grafik-Designer, der Wohnung und Atelier kombiniert hat. Im Dezember konnte er über Nachbarkontakte nicht klagen, jeden Abend standen die Leute vor seiner Tür Schlange und begrüßten ihn mit „Entschuldigung, Sie waren so nett mein Paket anzunehmen. Ich wollte es holen“. Bereitwillig suchte er es unter den vielen Exemplaren in seinem Flur, der selbst wie ein Warenlager aussah.

Aber wie sehen die Alternativen aus? Ablegen vor der Tür? Bei einem Mehrfamilienhaus nicht praktisch. Ein Paketbriefkasten? Hat die Hausverwaltung noch nicht installiert, weil jede Firma ihren eigenen bräuchte. In den Kofferraum des Autos legen lassen? Geht bei den meisten Typen noch nicht. Abholen in der Zustellbasis, in Packstationen oder in Filialen des Versenders in der Stadt? Dann kann man ja gleich normal im Geschäft einkaufen, wenn man doch rumkurven muss. Die freundlich angebotene Alternative der Zustellung an den Arbeitsplatz mag in vielen Fällen pfiffig sein, bei uns in der Stadtverwaltung mit dem zentralen Posteinlauf war die Idee binnen Minuten tot. Die Boten fragten etwas unverschämt, ob wir noch richtig tickten, wenn wir verlangten, dass sie den Leuten Dessous und Hygieneartikel in die Büros nachtragen sollen.

Ach gäbe es schon die Drohnen, die ja angeblich die ganze Lieferei bald revolutionieren und allen die Einkäufe hinterherfliegen werden. Dann werden wir endgültig dem stationären Einzelhandel den Todesstoß versetzen und uns von der Margarine bis zur Frischmilch, vom Apfel bis zum Karpfen alles nach Hause liefern lassen.

Mein Chef, der Bürgermeister, hält nicht viel von der dauernden Internetbestellerei. Statt einen anonymen amerikanischen Großversender noch reicher zu machen, sollten wir seiner Meinung nach unsere Stadt durch viele kleine Geschäfte bereichern, die uns das bieten, was wir brauchen und kostenlos noch menschliche Kontakte, Austausch und Beratung dazu. Altmodisch? Wer weiß, vielleicht die wirkliche neue Avantgarde, wenn wir nicht irgendwann Innenstädte haben wollen, die nur aus Fastfood-Buden und Parcel-points bestehen. Wie bemerkte doch einmal der amerikanische Starinvestor Warren Buffet: „Es scheint einen besonders perversen menschlichen Charakterzug zu geben, einfache Dinge schwer zu machen“.

Ihre Sabrina

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