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(GZ-21-2016)
Neues von Sabrina
 
Teilen gehört zum Leben

Gestern hat mein Chef gesagt...

„Ha, fein, Morgen ist wieder St. Martinstag. Der Laternenumzug der Kindergärten und Grundschulen ist immer herzerwärmend. Wie andächtig die Kinder singen und wie konzentriert sie die Lichter halten – einfach goldig.“ Mein Chef, der Bürgermeister, konnte sich schon immer für solche Traditionen begeistern, deshalb verkniff ich mir die spöttische Frage, ob etwa Enkelkinder ins Haus stünden.

Aber ernsthaft. Es ist schon aller Anerkennung wert, was da Eltern, Erzieherinnen und Lehrkräfte jedes Jahr auf die Beine stellen. Von der Fron des Laternebastelns angefangen, über die Aufrechterhaltung der Disziplin unter den kleinen Knöpfen bis dahin, jedes Jahr aufs Neue einen berittenen St. Martin und einen würdigen Greis zu organisieren, der sich bei meist nass-kaltem Wetter vor das Stadttor auf den Boden setzt. Ja, für Spektakel ist gesorgt, wenn der Martin hoch zu Ross seinen roten Mantel teilt, absteigt und den halben Umhang dem Bettler über die Schultern legt. Da jauchzen die Kinder, die ja nicht wissen, dass der historische Martin wohl Fußsoldat war und sein Legionärsmantel sicherlich schmutzig-weiß und nicht in einer kostbaren Farbe gefärbt. Aber egal, alle freuen sich und gehen mit schönen Erinnerungen sowie dem ein oder anderen Schnappschuss nach Hause.

Bei uns gab es übrigens nie eine Diskussion, den Martinszug wegen seiner dezidiert christlichen Anknüpfung nicht stattfinden zu lassen oder umzubenennen in Sonne-Mond-und-Sterne-Zug oder Lichtergang. Am 11. November machen einfach alle mit, ohne nach Religion, Konfession oder Sonstigem zu fragen. An der Begeisterung der Kinder jedenfalls ist nicht abzulesen, ob sich unter der dicken Mütze ein kleiner Katholik, Protestant, Konfessionsloser, Jude oder Muslim verbirgt. Denn für alle stehen einfach die Geste des Teilens und die Tat der Barmherzigkeit im Vordergrund. Und da unterscheiden wir uns Menschen ja nicht durch unseren Glauben. Für einen Muslim gehört das Almosengeben zu den selbstverständlichen Pflichten seiner Religion und um Mitleid mit einem Menschen zu haben, muss man kein Empfänger von Kirchensteuerbescheiden sein.

Teilen gehört ja zu unser aller Leben. Mal muss man zwangsweise teilen, so wie in der Rentenversicherung oder bei der Steuer, oft teilen wir freiwillig, wenn wir spenden oder was zur Benefiztombola beisteuern. Und schlussendlich ist unser ganzes soziales Leben in der Familie und mit unseren Freunden ein einziges großes Teilen – nicht nur materiell. Die berühmte Phrase Freud und Leid zu teilen, sagt ja im Grund nichts anderes aus: Wer in einer sozialen Gemeinschaft lebt, der teilt.

In unseren modernen Zeiten hat auch die Wirtschaftstheorie den Wert des Teilens erkannt. Share economy ist derzeit ja ein großer Hit. Eigentlich etwas, was jeder Maschinenring oder jede Genossenschaft schon seit jeher praktiziert: Nicht jeder kauft ein Wirtschaftsgut für sich, sondern viele legen zusammen und nutzen dann gemeinsam. Eigentlich ein unmittelbar als vernünftig einleuchtendes Prinzip. Fragwürdig wird es nur, wenn share economy so verstanden wird, dass einer produziert und die anderen nutzen es unentgeltlich, so wie bei der Forderung, wissenschaftliche Texte oder andere Schriftwerke müssten frei für jedermann im Internet zugänglich gemacht werden. Da wird dann aus edlem Teilen ein derbes Ausnützen.

Mein Chef, der Bürgermeister, ist heute aber auf Harmonie eingestellt und beurteilt die Dinge idealistisch. Schließlich, so sagt er, hat das Teilen zwei Seiten: Martins Mantel ist zerschnitten, also nur noch die Hälfte Wert. Vom Sinn eines wärmenden Kleidungsstücks her betrachtet, hat er sich aber verdoppelt – für Martin und für den Bettler. Ganz so, wie es die österreichische Paradekaiserin Maria Theresia einmal sagte: „Die Liebe der Mutter teilt sich nicht zwischen den Kindern, sie vervielfältigt sich.“

 

Ihre Sabrina

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