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(GZ-19-2016)
Neues von Sabrina
 
Schöne neue digitale Welt

Gestern hat mein Chef gesagt...

„Digitalisierung hier, Digitalisierung da, Tablets für Kids, Programmieren für Säuglinge – wo sollen denn die vielen Forderungen nach Technisierung der Schulen noch hinführen.“ Mein Chef, der Bürgermeister, hat gerade ein langes Gespräch mit Vertretern der Schulen hinter sich, in der eine Wunschliste zur technischen Ausstattung präsentiert wurde.

So als Laie bekommt man ja Verschiedenes nicht recht zusammen. Ich jedenfalls habe den Eindruck, dass Kinder und Jugendliche heutzutage beim Umgang mit Computern, EDV, Tablets, Smartphones und Medien eher den Erwachsenen und ihren Lehrern etwas beibringen könnten, anstatt darin noch Unterricht zu brauchen. Wenn man diese Fähigkeiten seitens der Schule nutzen will, um den Unterricht spannender oder abwechslungsreicher zu gestalten – o.k. Aber warum soll die Kommune dann alles das, was die Kinder eh schon haben, nämlich Tablets oder Notebooks, nochmals für teures Geld anschaffen? Und warum superleistungsfähiges WLAN, wenn doch jeder mit seinen Datenflats in 4G oder LTE im Internet rast, als gäbe es kein Morgen?

Nun gut, jeder Schuster sollte bei seinen Leis-ten bleiben und wenn Pädagogen sprechen, haben Nichtfachleute erst einmal zu schweigen – das kennen wir aus der eigenen Schulzeit. Dann hört man etwa den Satz, der Umgang mit Informationstechnologie und Medien müsse in Zukunft als Kulturtechnik auf einer Stufe mit Lesen, Schreiben und Rechnen stehen. Gut gebrüllt.

Aber was sagt der Begriff Kulturtechnik in Zusammenhang mit Schreiben noch aus, wenn man bedenkt, dass die Kunst des Schreibens mit der Hand immer mehr zurückgedrängt wird und schon die Grundschüler nur noch vereinfachte oder gar an Druckbuchstaben gemahnende Schriften gelehrt bekommen. Entsprechend brauchen die Kinder von heute nur ein paar Schuljahre, um sich eine unleserliche Sauklaue anzugewöhnen und nicht mehr wie früher ein abgeschlossenes (Medizin- oder Pharmazie) Studium. Wird ihnen aber das Schreiben in Zeiten von Industrie 4.0 beigebracht, also das schnelle Zehn-Finger-Tastschreiben, das eigentlich die Voraussetzung für die Bedienung einer Informationstechnologiemaschine welcher Art auch immer sein dürfte? Nein, Gymnasiasten lernen zwar theoretische Informatik und Physik, hämmern aber wahlweise mit Mittel- oder Zeigefinger im Eins-links-eins-rechts-mit-zwei-Fingern-System auf das Keyboard ein, dass einem die Tränen vor Mitleid kommen. Oder sie belassen es gleich beim Daumeneinsatz auf dem Telefon-Touchscreen.

Bitte nicht missverstehen: Ich gehöre keiner Sekretärinnen-Sekte an, die meint, an ihren Fertigkeiten habe die Welt zu genesen. Oh nein. Aber ich meine schon, dass man den ersten Schritt vor dem zweiten tun sollte und bevor man mit dem Lernen über und mit der Informationstechnologie renommiert, erst einmal die dafür nötigen Grundfertigkeiten in allen Schulen lehren sollte.

Ebenso wie man die kritische Auseinandersetzung mit der schönen neuen Welt der Computer und Softwarelösungen nicht vergessen sollte. So bei der Kulturtechnik Lesen: Studien belegen, dass Gelesenes, das man über einen Bildschirm aufnimmt, weitaus schlechter verarbeitet, begriffen und memoriert wird, als Inhalte, die man altmodisch gedruckt von weißem Blatt liest. Spannend und für jeden greifbar, der mit einem Dokumentenmanagementsystem arbeiten muss. Stichwort Rechnen: Wird es Kopfrechnen und das Rechnen vom Blatt künftig noch geben? Oder wird sich diese Kulturtechnik in die Calculator- und Converter-App des Smartphones zurückziehen?

Mein Chef, der Bürgermeister, hat den Schulleuten angeboten, für jede Schule eine „Tech Crèche“ anzuschaffen. Das sind in Kanada Schließfächer, in denen man etwa am Eingang von Parks seine Handys einschließen kann, um seine Ruhe beim Spaziergang zu haben. Denn wie drückte es Umberto Eco aus: „Der Computer ist keine intelligente Maschine, die dummen Menschen hilft, sondern eine dumme Maschine, die nur funktioniert, wenn sie von intelligenten Menschen bedient wird.“

Ihre Sabrina

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