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(GZ-4-2015)
Neues von Sabrina
 
Mit Kleidung wird Politik gemacht

Gestern hat mein Chef gesagt...

„Finden Sie, mir steht das? Ich denke, es ist nie verkehrt, modisch mit der Zeit zu gehen.“ Mein Chef, der Bürgermeister, stand im offenen weißen Hemd und schwarzem Anzug vor mir. Ich biss mir heftig auf die Zunge, um nicht zu fragen, ob er jetzt den gleichen Stilberater wie der früher iranische Präsident Ahmadinedschad habe, der ja auch immer aussah wie ein Penner, der die Arbeitskleidung eines Bestatters aufträgt.

Aber das wäre natürlich zu bösartig gewesen, wollte sich der Chef doch nur aufgeschlossen zeigen für den neuen politischen Dresscode, der von Hellas‘ Gestaden aus in Europa Einzug hält. Denn derzeit touren der neue griechische Ministerprädient Alexis Tsipras und sein Finanzminister Giannis Varoufakis durch die Hauptstädte der europäischen Partner wie zwei pubertierende Halbstarke, die ihre Eltern dazu nötigen wollen, das Guthaben auf dem Handy automatisch und bedingungslos immer wieder aufzuladen, wenn es abtelefoniert ist. Dabei zeigen sie ihren ganz eigenen Kleidungsstil – Tsipras im schicken Anzug, unifarbenem Hemd, aber ohne Krawatte. Varoufakis hingegen kommt brutalst möglich machomäßig rüber, rasierter Schädel, das offene Hemd über der Hose, schwere Lederjacke.

Eine britische Zeitung verglich sein Auftreten mit dem eines Drogendealers der frühen 90er Jahre. Wie ungerecht, schließlich ist er dabei, sich den Ehrentitel „Sexiest Finanzminister alive“ zu sichern. Ja, je mehr Abfuhren er sich für seine finanzpolitischen Vorstellungen holt, desto mehr rückt seine Kleidung in den Vordergrund, twittern weibliche Abgeordnete ihre politikfernen Eindrücke und schmachten ihn Fernsehmoderatorinnen an. So dürfte es nur eine Frage der Zeit sein, bis sein Poster den Weg an die Pinnwände seriöser Steuerinspektorinnen findet, die George Clooney nach seiner Heirat von dort entsorgt haben.

Vielen gilt die neue Griechengarde schon als Stilikone und Verkörperung eines neuen, jungen, wilden Politikstils, der sich wohltuend von den Ritualen des etablierten Politikgeschäfts abhebt. Naja, die beste Reaktion kam wohl vom italienischen Ministerpräsidenten Matteo Renzi, der Tsipras bei seinem Rom-Besuch einen edlen italienischen Binder schenkte. Botschaft: Werd‘ erwachsen.

Dabei ist es ja keineswegs neu, dass mit Kleidung Politik gemacht wird. Und damit meine ich nicht nur den Einsatz von modischen Akzenten zur Erlangung von größerer Aufmerksamkeit, wie es vor allem Frauen beherrschen, wenn Sie Kostüme in knalligen Farben anziehen und sich so auf jedem Bild von den taubenblau-grau-anthraziten Herren abheben.

Denken wir etwa an Mahatma Gandhi, der seine eigenen Stoffe webte, um kein aus England importiertes Tuch kaufen zu müssen und immer in weißen Gewändern unterwegs war. Diese Abkehr vom Westen spiegelt sich allen sonstigen Gegensätzen zum Trotz immer noch in der Kleidung von Politikern in Indien, Pakistan und Bangladesch wider. Im Iran wurde nach der Chomeini-Revolution die Krawatte ebenso verpönt wie Hemden mit Kragen. So halten sich dort Stehkragenhemden, die für mich ein modisches No-Go sind. Das revolutionäre China hat kapitalistische Anzüge gegen die Mao-Jacke vertauscht, eine Weiterentwicklung der Uniformjacke Stalins. Aber seit die Chinesen reich sind und immer reicher werden wollen, schlüpfen sie in Brioni oder Cerutti und überlassen den Mao-Look dem Diktatoren-Azubi in Nordkorea.

Mein Chef, der Bürgermeister, sah schnell ein, dass ein bayerischer Bürgermeister zum offenen Hemd eine Trachtenweste tragen kann, aber nicht wie ein Halbstarker rumlaufen sollte. Schließlich kommt es in der Kommunalpolitik nicht auf Sexappeal, sondern Substanz an. Obwohl, da gab es doch mal einen Bürgermeister, der sagte, seine Stadt sei arm, aber sexy? Danach hat sich Berlin zum Mekka für Start-ups entwickelt. Hoffen wir für die Griechen, dass sich die augenblickliche Aufmerksamkeit für das Land auch so innovativ auszahlt und sie die Wende schaffen. Zum Thema Mode whatsappe ich dem Chef dann noch einen Satz von Oscar Wilde: „Mode ist eine Form der Hässlichkeit, die so unerträglich ist, dass wir sie alle sechs Monate ändern müssen.“

Ihre Sabrina

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