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(GZ-5-2015)
Neues von Sabrina
 
Moderne Protestunkultur

Gestern hat mein Chef gesagt...

„Wir leben in hysterischen Zeiten. Und bei manchem unserer lieben Mitmenschen reicht der Weitblick gerade mal so bis zum Nasenspitzl.“ Mein Chef, der Bürgermeister, kam etwas verärgert, vor allem aber enttäuscht von einer Bürgerversammlung, bei der es um die Modernisierung der Müllverbrennungsanlage als Teil des städtischen Konzepts zum Ausbau der Fernwärme ging.

Keine große Sache, möchte man denken. Es ist ja einleuchtend und vernünftig, eine etwas in die Jahre gekommene Anlage auf den neuesten Stand der Technik zu bringen und gleichzeitig den CO2-Ausstoß in der Stadt dauerhaft zu senken. Von wegen! Wer so denkt, hat die Rechnung ohne die dauerbetroffenen Hysteriker gemacht, die derzeit landauf, landab, lautstark und larmoyant gegen alles sind, was nach Veränderung riecht, auch wenn es noch so vernünftig sein mag. Ob für ganz Bayern wichtige Infrastrukturprojekte wie die dritte Startbahn am Münchner Flughafen, ob ökologisch gebotene und nachbarschützende Vorhaben wie die Flutpolder an der Donau, ob Stromtrassen oder Windräder, ob neue Gewerbegebiete oder Nachverdichtung bestehender Siedlungsstrukturen, überall gibt es nur eine Parole: Empört euch!

Ich möchte jetzt nicht falsch verstanden werden: Kritik und Diskussion muss sein, keine Frage. Und das Bessere ist der Feind des Guten, so dass es sich immer lohnt, vernünftige Alternativen mit in die Betrachtung zu nehmen und zu prüfen. Was mich empört und, ja, auch ein bisschen pessimistisch für die politische Kultur hierzulande stimmt, ist die Art und Weise, wie die Auseinandersetzungen geführt werden. Da hagelt es Beschimpfungen, Verunglimpfungen und Beleidigungen, man weigert sich, einander zuzuhören oder gar – welch Zumutung! – über die Argumente der anderen Seite nachzudenken.

Noch bedrückender oder erschreckender ist, dass diese Art der Auseinandersetzung von den Medien nicht mehr richtig hinterfragt wird. Wenn es ums eigene Ansehen geht, werden Demonstranten qua veröffentlichte Meinung noch zur Ordnung gerufen, so bei den „Lügenpresse“-Pöbeleien der Pegida-Plapperer. Aber bei einer zünftigen Demo gegen die „Monstertrassen“ (so der in der Berichterstattung unreflektiert übernommene Begriff für Stromleitungen) darf jeder Transparentträger Politiker den Gottseibeiuns oder Schlimmeres nennen, sie werden trotzdem wohlwollend als „engagierte“ oder „besorgte“ Bürger vorgestellt. Vor nicht allzu langer Zeit wurde eine bayerische Staatsministerin bei einer Informationsveranstaltung als „schwarzes Luder“ beschimpft und die örtliche Presse hat diese Entgleisung so selbstverständlich in ihre Berichterstattung eingebaut, als wäre zu bemerken gewesen, dass ihre Schuhe farblich nicht zur Jacke gepasst hätten.

Ein Kennzeichen für die derzeitige Protest(un)kultur ist übrigens, dass beileibe nicht die jungen Wilden den Protest tragen, sondern durchaus reifere Semester, bei denen man Kinderstube unterstellen würde. Vor allem aber stellen Beobachter bei den älteren „Engagierten“ oft einen hemmungslosen Egoismus fest. Wie begründete eine Dame in ihren 70ern so schön, warum sie gegen den Umbau der Philharmonie in München ist? Weil sie in den nächsten Jahren dort noch ins Konzert gehen wolle und ihr der neue Saal angesichts der Bauzeit wohl nichts mehr nütze. Kommentar überflüssig. Ob TTIP oder Infrastruktur, ob Verkehr oder Bau – je älter die Aktivisten sind, desto verbissener stellen sie sich gegen jede Art von Veränderung. Sorge um die Zukunft? Fehlanzeige!

Mein Chef, der Bürgermeister, holte mich schnell von der Palme. Er gab zu, sein Fehler war, im Vorfeld nicht auf solide, objektive Information und kontinuierliche Öffentlichkeitsarbeit gesetzt zu haben. Klar, das sind dann dicke Bretter, die man mit Fleiß, Ehrlichkeit, Ausdauer und ohne Eitelkeit bohren muss. Aber wenn man Akzeptanz für vernünftige Projekte schaffen und diese durchsetzen will, wird es wohl nicht anders gehen, als auf Polemik immer wieder stoisch und geduldig mit Sachinformation zu kontern, um die Mehrheit zu überzeugen. Zur Aufmunterung maile ich dem Chef, was Friedrich Nietzsche als Formel des Glücks bezeichnet hat: „Ein Ja und ein Nein, eine gerade Linie und ein Ziel.“

Ihre Sabrina

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