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(GZ-11-2019)
Neues von Sabrina
 

Meinungsfreiheit und Debattenkultur

Gestern hat mein Chef gesagt...

„Unsere Debattenkultur sollte sich dadurch auszeichnen, dass man über alles, aber über nichts respektlos reden darf“, meint der Bürgermeister. Daran sollten die Bundesbürger anlässlich des 70. Geburtstags des Grundgesetzes denken.

„Meinungsfreiheit und die Freiheit der Rede sind ganz zentrale Rechte unserer Verfassungsordnung. Daran sollten wir vor allem anlässlich des 70. Jahrestages der Verkündung des Grundgesetzes denken.“ Mein Chef, der Bürgermeister, las mit Interesse eine Analyse des Meinungsforschungsinstituts Allensbach darüber, wie frei die Bundesbürger ihre Meinung kundtun.

Zunächst die gute Nachricht: Eine übergroße Mehrheit sieht die Meinungsfreiheit in Deutschland an und für sich gewahrt. Vor allem befürchtet so gut wie niemand, dass seine Meinungsäußerung durch den Staat oder staatliche Stellen eingeschränkt wird. Allerdings greift ein Gefühl um sich, man müsse mit Äußerungen zu bestimmten Themen in der Öffentlichkeit vorsichtiger sein, als man dies etwa im Freundes- oder Bekanntenkreis sein müsse. Stichwort: Politische Korrektheit.

Das war früher eher unter dem englischen Original political correctness oder p.c. in der Diskussion und auch eher in angelsächsischen Ländern verankert. Gemeint war damit, dass Ausdrücke und Handlungen vermieden werden sollten, die Gruppen von Menschen kränken oder gar beleidigen könnten. So werden Menschen mit afrikanischen Wurzeln als african americans bezeichnet, Nachfahren nordamerikanischer Ureinwohner als Angehörige der first nation oder first americans und Bewohner arktischer Gebiete mit einem Ausdruck aus ihrer Sprache als Inuit.

So weit so gut. Wir bemühen uns ja auch mit gutem Willen die Wörter Neger, Indianer und Eskimo zu vermeiden. Es macht unsere Sprache und Kulinarik auch keineswegs ärmer, wenn wir jetzt statt von Mohrenkopf oder Negerkuss von Schaumküssen sprechen. Der traditionsreiche Wiener Mohr im Schlafrock ist ja noch auf den Speisekarten zu finden. Kritisch wird es allerdings, wenn eine selbsternannte Sprachpolizei den Negerkönig aus Pippi Langstrumpf zum Südseekönig macht, Mohren-Apotheken aufgefordert werden sich umzubenennen oder ein traditionsreicher Handwerksbetrieb namens Neger sich gezwungen sieht nachzuweisen, dass der Familienname nicht auf die verpönte Bezeichnung für dunkelhäutige Menschen zurückzuführen ist.

Auch ein anderes Phänomen scheint sich zu verstärken, nämlich dass Menschen zusehends den Eindruck haben, man dürfte in der Öffentlichkeit bestimmte Themen nicht mehr ansprechen, wolle man selbst nicht sozial stigmatisiert werden. Keine Frage: Es gab immer schon Themen, die im sozialen Kontext als Tabu angesehen wurden. Das war früher einmal Sex oder Kritik an der Kirche. Heute empfinde ich es als wohltuend, dass die Leugnung der Naziverbrechen oder abschätzige Bemerkungen über Behinderte im öffentlichen Diskurs als unangemessen bewertet werden.

Aber mehr und mehr Menschen haben den Eindruck, dass auch Themen wie Nationalstolz oder Patriotismus ausgrenzend wirken, dass man sich nicht mehr kritisch mit dem Islam oder kulturell bedingt abweichendem Verhalten anderer Menschen äußern dürfe, auch wenn etwa Kritik durchaus respektvoll vorgetragen würde. Ein ungreifbarer Schleier der sozialen Kontrolle wird von immer mehr Leuten wahrgenommen. Interessanterweise, so Allensbach, wird vor allem das Internet so gesehen, dass dort Meinungsäußerungen stark auf Konformität und Korrektheit hinterfragt würden, obwohl oder vielleicht gerade weil manche Netz-Beiträge sprachlich entgrenzt sind.

Mein Chef, der Bürgermeister, hasst wenig mehr als den berüchtigten Nachsatz „das wird man doch noch sagen dürfen“, wenn ein Diskussionsbeitrag absolut unter der Gürtellinie war. Seiner Meinung nach sollten nicht Themen (wie Nation oder Islam) geächtet werden, sondern unsachliche oder beleidigende Argumentationen. Unsere Debattenkultur sollte sich dadurch auszeichnen, dass man über alles, aber über nichts respektlos reden darf. Und seiner Meinung sollte sich niemand schämen müssen, zu seiner sachlich geäußerten Meinung zu stehen, getreu dem Wort Martin Luthers: „Tritt fest auf, machs Maul auf, hör bald auf.“

Ihre Sabrina

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