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(GZ-5-2019)
Neues von Sabrina
 

„Der Antisemitismus ist die Furcht vor dem Menschsein“

Gestern hat mein Chef gesagt...

„Der Antisemitismus ist die Furcht vor dem Menschsein.“ Mit dem Sartre-Zitat warnt der Bürgermeister vor dem Aufleben längst überwunden geglaubter mittelalterlicher Stereotypen und schließt sich Manfred Webers Forderung nach einem EU-Pakt gegen Antisemistimus an.

„Ja kommt denn jetzt jedes Gespenst des 20. Jahrhunderts, das wir gehofft hatten nie mehr sehen zu müssen, aus seinem modrigen Loch heraus? Nationalismus, Isolationismus, Fremdenfeindlichkeit und jetzt auch noch der Antisemitismus, der sich in Europa breit macht.“ Mein Chef, der Bürgermeister, sah ernst und besorgt aus, wie ich es noch selten bei ihm erlebt habe.

Es war doch mit die eindeutigste Lehre, die wir Deutschen, aber mit uns auch der Rest der Welt aus dem Zivilisationsbruch des Dritten Reichs und dem Menschheitsverbrechen der Shoa ziehen konnten: Die dumpfen Vorurteile, die Stereotypen, der Hass auf die Juden als Bevölkerungsgruppe hatte vor nunmehr 85 Jahren einen Prozess der Entmenschlichung in Gang gebracht, der fanatisierten Verbrechern ihren Vorwand für blindes Morden lieferte und Millionen dazu brachte, wegzuschauen, das Offensichtliche nicht sehen zu wollen und geschehen zu lassen, was niemals hätte geschehen dürfen.

Nie wieder sollte es erlaubt sein, Mitmenschen allein aufgrund ihrer Religion, ihrer Volkszugehörigkeit oder einem sonstigen Merkmal auszugrenzen, auszustoßen oder ihre Rechte zu negieren. Egal ob Juden, Roma oder eine andere Bevölkerungsgruppe. Und viele Jahre war es uns vergönnt, dass dieser Grundstein der zweiten deutschen Demokratie auch gelebte Realität in unserem Lande war.

Deutschland wurde sogar zu einem Land, in dem sich Menschen jüdischen Glaubens, zum Beispiel aus Osteuropa, wieder ansiedelten und es zu ihrer Heimat machten. Heute aber häufen sich die Nachrichten, dass man in Deutschland, speziell in unserer Hauptstadt Berlin, wieder Angst haben muss, als Jude erkannt zu werden. Männer, die Kippa tragen, werden auf offener Straße angegriffen, Schüler jüdischen Glaubens an Schulen gemobbt, koschere Lokale werden Ziele von Angriffen und Brandanschlägen. Ehrlich, mir jagt es bei solchen Nachrichten regelmäßig einen Schauer über den Rücken.

Dabei ist es keineswegs so, dass nur rechtsradikale Schwachköpfe und Skinheads, die nicht mehr Verstand im Hirn als Haare auf den Kopf haben, zu solchen Scheußlichkeiten neigen. Weit verbreitet sind dem Vernehmen nach Übergriffe von Menschen aus islamischen Ländern, die glauben, bei uns die Judenfeindlichkeit, die in ihren Herkunftsländern teilweise zur Staatsräson gehört, ausleben zu können.

Neben diesem importierten Antisemitismus gibt es aber auch den Judenhass von links, der sich sehr oft das Mäntelchen der Israelkritik umwirft. Da wird das Bild vom reichen Juden gepflegt, der die Banken kontrolliert und es wird – vorgeblich wegen der israelischen Besatzungspolitik im Westjordanland – zum Boykott von Waren aus Israel ausgerufen. „Kauft nicht beim Juden“ reloaded.

Aber auch jenseits der deutschen Grenzen ist diese Entwicklung zu beobachten. In Frankreich, einem Land, das schwer unter der Nazi-Besatzung gelitten hat, tauchen Hakenkreuze auf jüdischen Friedhöfen auf. Welch bitteres Bild! In Großbritannien tobt eine Debatte über Antisemitismus in der Labour-Partei und sogar in den USA muss man über antisemitische Tweets einer Parlamentarierin diskutieren.

Mein Chef, der Bürgermeister, ist ratlos, wie in unserer informierten, aufgeklärten, kritisch jedes Vorurteil hinterfragenden Zeit solche mittelalterlichen Stereotypen wieder aufleben können. Waren sie nur durch eine im Endeffekt zu dünne Firniss der Zivilisation verdeckt und brechen jetzt auf? Etwa wegen der Einwanderung von Muslimen, die ja selbst mit Vorurteilen zu kämpfen haben? Jedenfalls tut Gegenwehr und Solidarität mit unseren jüdischen Mitbürgern jetzt dringend Not.

Wahrscheinlich hat Manfred Weber Recht, der einen europäischen Pakt gegen Antisemitismus fordert, denn wenn so viele Länder von diesem Ungeist reinfiziert sind, müssen alle zusammen nach einem Gegengift suchen. Als Überschrift könnte der Satz von Jean Paul Sartre dienen: „Der Antisemitismus ist die Furcht vor dem Menschsein.“

Ihre Sabrina

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