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(GZ-5-2016)
Neues von Sabrina
 
Der Bürger und der Wohnungsbau

Gestern hat mein Chef gesagt...

„Offensive für den Wohnungsbau. Aha. Gut gedacht, aber wie gemacht in einer Stadt mit wenig Baulandreserven und einer immer aktiveren, kritischeren Kultur der Bürgerbeteiligung?“

In der Diskussion um den zukünftigen Umgang mit den Asylsuchenden und Geflohenen, die entweder für immer oder doch für eine geraume Zeit bei uns bleiben werden, sind wir bereits an einem Punkt angelangt, den man „Mühe der Ebenen“ nennen könnte, obwohl wir die Höhen und Gipfel der gesinnungs- und verantwortungsethischen Diskussion über das Für und Wider der Aufnahme dieser und weiterer Menschen in Not noch gar nicht verlassen haben. Aber wegducken gilt nicht: Es gehört nun einmal zu unserer Art des Herangehens an die Dinge, auf gegebene Herausforderungen auch Antworten zu suchen.

Also eine Antwort scheint ja prompt aus Berlin zu kommen: Mehr Geld, Aufstockung oder Schaffung von Förderprogrammen, Start von Wohnungsbauinitiativen und was weiß der Himmel noch alles. Seltsam, dass mir wieder das Bild von den Mühen der Ebene in den Sinn kommt, aber hat irgendwer eine Vorstellung, was man bauen soll und wo?

Nach allem, was wir bisher über das Wohnen in der Zukunft wissen, sind zwei Punkte wichtig: Zum einen schrumpft die Bevölkerung zwar, aber die Zahl der Haushalte bleibt gleich. Stichworte hierfür sind der Trend zum Singledasein und die Senioren, die nach dem Tod des Partners weiter und Dank verschiedenster Unterstützungsangebote auch länger einen eigenen Hausstand unterhalten. Zum anderen steigen die Ansprüche an die Größe des Wohnraums.

Durchschnittlich bewohnt jeder Deutsche 43 Quadratmeter in seiner Wohnung oder seinem Haus. Vor 40 Jahren waren es gut über 30 Quadratmeter. Singles bewohnen durchschnittlich 70 Quadratmeter und alleinstehende Senioren sogar 78 Quadratmeter.

Also erste provokante Frage: Kanns auch ein bisschen weniger sein? Keiner will zurück in die 1960er Jahre, in denen Familien zwei Kinder auf 56 Quadratmeter aufzogen. Aber die Frage muss erlaubt sein, ob es nicht etwa für einige Senioren attraktiv wäre, in kleinere, seniorengerechte Wohnungen umzuziehen, statt im Altbau zu bleiben. Es wäre nicht zuletzt auch ein Stück Autonomie, wenn die Wohnung keine Schwellen aufweist und man ebenerdig in die Dusche kommt, anstatt sich vom Bufdi mittels einer Hebevorrichtung in die hohe Badewanne hieven zu lassen.

Aber Bauland ist, jedenfalls in unserer Stadt, knapp. Nachverdichtung ist ein Zauberwort, aber ein Zwiespältiges. Die größten Wohnreserven unterm Dach sind längst ausgereizt. Und jeder – ob Mieter, Genossenschaftler oder Eigentümer – bedankt sich zu Recht, wenn auf dem Flecken zwischen den Häusern, den er bisher als Grünanlage gesehen hat, plötzlich ein weiterer Wohnblock errichtet wird. Stelzenhäuser über Garagengrundstücken oder Parkplätzen, Wohnhochhäuser in der kleinstädtischen Idylle – bei all dem wünsche ich viel Spaß mit der Anliegerbeteiligung samt drohender Bürgerentscheide. Bleibt noch die Ausweisung neuen Baulands an der Peripherie, am besten zusammen mit den Umlandgemeinden. Ja, aber das erfordert enormes planerisches Spitzengefühl und vor allem Zeit, um eine Konzentration von Problemen zu vermeiden. Hier mahnen die Fehler der 1960er und 70er Jahre mit ihren Großsiedlungen.

Mein Chef, der Bürgermeister, sieht eines ganz klar: Der Bürgerdialog muss jetzt starten, nicht erst, wenn wir eine echte Wohnungsnot – bei Einheimischen wie Zugezogenen – bekommen. Dazu gehört auch, ein Dilemma aufzulösen, das der Künstler Friedensreich Hundertwasser einmal so beschrieb: „Bei der Stapelung der Wohnungen nach oben geht zuerst der Mensch zugrunde und dann die Natur. Bei der Stapelung in die Breite läuft es umgekehrt.“

Ihre Sabrina

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