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(GZ-6-2018)
Neues von Sabrina
 

Betrachtungen zur Zeit

Gestern hat mein Chef gesagt...

„Ah, der Frühling ist da, auch wenn wir noch am Wochenende wie die Schneider gefroren haben. Aber die Vögel begrüßen einen in der Früh und die Pflanzen erwachen – herrlich. Dazu werden am Sonntag noch die Uhren umgestellt und alle Palmesel haben eine gute Ausrede!“ Mein Chef, der Bürgermeister, kam gut gelaunt und beschwingt ins Rathaus.

Es zeigt seinen unerschütterlichen Humor, dass er der Zeitumstellung von Winter- auf Sommerzeit am Palmsonntag eine gute Seite abgewinnen kann. In seiner Familie ist es Brauch, dasjenige Familienmitglied, das am letzten Fastensonntag als letztes aus dem Bett gekrochen kommt, mit der wenig schmeichelhaften Anrede Palmesel zu begrüßen und ihm auch durch mehrfaches Wiederholen den Tag über immer wieder an seinen Ehrentitel zu erinnern. Die Sitte dürfte in den Tagen entstanden sein, als der Höhepunkt der Palmsonntagsprozession noch der Ritt des Pfarrers auf einem richtigen Esel war. Nachdem die Tiere ja bekanntlich echt störrisch und eigenwillig sein können, wurde der Festablauf von den Viechern wohl öfters arg gestört und verzögert. Diese Unbill wird nun auf ein armes Menschenkind projiziert, das durch die notwendige sonntägliche Kompensation eines Schlafdefizits den Beginn des Tageslaufs verzögert. Ich verrate nicht zu viel, wenn ich sage, dass der Palmesel natürlich in der Regel er selber ist, der sich an Tagen ohne dienstliche Verpflichtungen gerne eine Mütze voll Schlaf extra verschreibt.

Deshalb gönne ich ihm auch von Herzen den Trumpf in der innerfamiliären Neckerei, dass man an einem Tag mit Zeitumstellung unmöglich pünktlich oder gar früh aus den Federn kommen könne. Schließlich ist das das einzig Positive an der jährlich wiederkehrenden Nerverei rund um die Sommerzeit.

Mir jedenfalls fällt es unendlich schwer, mich jeweils zweimal im Jahr an einen neuen Rhythmus zu gewöhnen. Ich weiß, es gibt viele, die sagen, das Hin oder Her um eine Stunde sei Peanuts und liege im ganz normalen Korridor des Biorhythmus. OK, liebe Schlauberger, aber ich bin kein Typ für Korridore, ich halte an meinen Zeiten eisern fest.

Das mit der Zeit wird ja überall anders gelöst. Wir in Europa bleiben stur beim Pingpongspiel der Zeiten und bilden uns tapfer ein, damit etwas für die Umwelt zu tun, indem der Energieverbrauch jahreszeitlich optimiert wird. Ein Gedanke aus Kriegs- und Notzeiten, der in den Tagen der Energiekrise im vergangenen Jahrhundert fröhliche Urständ feierte. Den Beweis der Wirksamkeit blieb man, soweit ich weiß, schuldig.

Andere Länder wie Russland haben die Zeitumstellung aufgegeben. Nach einem Intermezzo, in dem ein paar Jahre das ganze Jahr über Sommerzeit herrschte, also die offizielle Zeit eine Stunde der für die Zeitzone optimalen Zeit voraus war, ist man wieder zur Normalzeit zurückgekehrt. Man hat auch wieder elf Zeitzonen in dem riesigen Land eingeführt, um den Menschen einen möglichst dem natürlichen Lauf von Helligkeit und Dunkelheit angepassten Lebensrhythmus zu ermöglichen. Andere Länder sind da ganz anders drauf. China richtet die Uhren im ganzen Riesenreich nach der Zeit in Peking, obwohl es mindestens fünf Zeitzonen umfasst. Indien verordnet sich auch eine Einheitszeit, wobei es durch die Abweichung von 5 ½ Stunden von der Standardzeit einen gewissen Ausgleich zwischen den westlichen und östlichen Landesteilen schafft.

Mein Chef, der Bürgermeister, ist fasziniert von diesen Betrachtungen zur Zeit. Eine rein definierte Größe, die den natürlichen Wechsel von Nacht und Tag, Hell und Dunkel in ein messbares System bringt und uns dann unter ihr Joch zwingt mit Terminen, Ankunftszeiten, Fristen und was nicht noch alles uns moderne Menschen auf Trab hält.

Das einfache Aufstehen bei Anbruch des Tages und Zubettgehen bei Dunkelheit ist uns allenfalls an freien Tagen gegeben. Das nehme ich mir für meinen nächsten Urlaub übrigens vor: Eine Woche ohne Uhr. Ob ich das schaffe? Allein die Uhrfunktion auf dem Smartphone wird es konterkarieren. Ich werde es ja trotzdem nützen, schon um einen Tweet für den Bürgermeister abzusetzen. Etwa den Spruch von Erich Kästner: „Bedenke das fünfte Gebot und schlage die Zeit nicht tot.“

Ihre Sabrina

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