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(GZ-1/2-2016)
Neues von Sabrina
 
Der Bürger und der Wohnungsbau

Gestern hat mein Chef gesagt...

„Aha, das soll angeblich ein großer Sieg für die Verbraucher sein: Was auf der Verpackung draufsteht, muss auch in dem Produkt drin sein. Eigentlich schlimm, dass so etwas Selbstverständliches vom Europäischen Gerichtshof und vom Bundesgerichtshof eigens festgestellt werden muss.“ Mein Chef, der Bürgermeister, kommentierte erstaunt einen Artikel, den ich ihm in seine Vorbereitungsmappe für die Grüne Woche gelegt habe.

Darin wird von einem Verfahren vor dem Bundesgerichtshof berichtet, das eine Frage betraf, die wohl auch schon die Europarichter in Luxemburg beschäftigte. Es ging um eine Verpackung für einen Früchtetee, auf der in appetitlichen Farben saftig-rote Himbeeren sowie eine Vanilleblüte prangten und reinen Genuss des Himbeer-Vanille-Tees verhießen. Dumm nur, dass in den Teebeuteln wohl alles Mögliche drin war, nur keine Spur von Himbeere oder Vanille.

Jetzt wird der mündige Verbraucher wohl ahnen, dass in solchen Teebeuteln deutlich mehr Farb-, Aroma- und Konservierungsstoffe drin sind als Früchte oder Gewürze. Er wird es in Kauf nehmen, denn schließlich ist es zum Beispiel auch kein Geheimnis, dass auf der Welt weit mehr Erdbeerjogurt gegessen wird, als pro Saison an Erdbeeren wachsen kann und damit ein Mischungsverhältnis von einem Teil Frucht zu x-mal so viel Chemie unausweichlich ist. Trotzdem greift man zum Fruchtjogurt, anstatt sich die Mühe zu machen und Früchte kleinzuschneiden, unter Naturjogurt zu mischen und das Ganze cremig zu rühren (Arbeitsaufwand unter fünf Minuten). Aber natürlich möchte man dennoch bitteschön in seinem Jogurtbecher wenigstens ein mit der Zunge wahrnehmbares Stück zermatschte Erdbeere spüren, um sich die Illusion einer Obstmahlzeit nicht zu zerstören.

Gut, sicherlich stimmt es auch, dass der Mensch betrogen werden will, ja sich sogar gerne selbst betrügt, wenn es ums Essen geht. Wer glaubt, dass man, wenn man zehn gekochte und gefärbte Eier für 1,50 Euro kauft, die Produkte glücklicher Scharrhühner in Händen hält oder die Schweine, die zu Hackfleisch, 100 Gramm für 30 Cent, verarbeitet wurden, artgerechte Haltung erlebten, der muss schon einen sehr starken Glauben oder die Fähigkeit zur Selbsttäuschung haben. Anderes Beispiel: Ist etwas außer Selbstbetrug im Spiel, wenn man Tofu in Form von Wiener Würstchen zu sich nimmt oder veganes Mett herstellt, indem man Naturreiswaffeln zerbröselt und mit Hilfe von Zwiebeln, Tomatenmark und jeder Menge Gewürzen zum Fleischersatz hochjazzt. Allenfalls an Halloween sinnvoll und nachvollziehbar.

Interessanterweise befinden wir uns ja derzeit in einer Phase, in der auch in der Politik nicht mehr garantiert das drinsteckt, was außen drauf steht. In der Diskussion um gewaltbereite Migranten kommen von Seiten der SPD Töne, die die älteren unter uns noch mit Fritz Zimmermann oder Alfred Dregger in Verbindung bringen würden. Und aus der CDU macht der Bundesfinanzminister Vorschläge zu Steuererhöhungen, als habe er aus Versehen das Thesenpapier einer antikapitalistischen Zelle vorgelesen. Hier verwischen immer mehr die Konturen und die Positionen der Parteien werden austauschbar. Irgendwie wie veganes Mett oder vegetarisches Schnitzel: Ein bisschen was von allem soll es sein; wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen – nur nicht durch klare Unterschiede unterscheidbar sein. So herausfordernd die Lage derzeit ist, müssen die demokratischen Parteien sehr aufpassen, dass die Bürger nicht einmal von ihnen den Eindruck bekommen, sie seien zu Himbeertee ohne Himbeeren geworden.

Mein Chef, der Bürgermeister, ist ein Mann der klaren Worte und entschiedenen Handlungen. Er bleibt sich treu beim Essen und verzehrt Fleisch als Fleisch, Fisch als Fisch und Gemüse als Gemüse. Er hält aber auch politisch Kurs, was in den Zeiten, die wir jetzt haben, beileibe nicht immer einfach ist. Als treuer Fan und loyale Mitarbeiterin stärke ich ihm in einem Tweet den Rücken. Diesmal wird es biblisch mit Matthäus 5,37: „Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Übel.“

In der Diskussion um den zukünftigen Umgang mit den Asylsuchenden und Geflohenen, die entweder für immer oder doch für eine geraume Zeit bei uns bleiben werden, sind wir bereits an einem Punkt angelangt, den man „Mühe der Ebenen“ nennen könnte, obwohl wir die Höhen und Gipfel der gesinnungs- und verantwortungsethischen Diskussion über das Für und Wider der Aufnahme dieser und weiterer Menschen in Not noch gar nicht verlassen haben. Aber wegducken gilt nicht: Es gehört nun einmal zu unserer Art des Herangehens an die Dinge, auf gegebene Herausforderungen auch Antworten zu suchen.

Also eine Antwort scheint ja prompt aus Berlin zu kommen: Mehr Geld, Aufstockung oder Schaffung von Förderprogrammen, Start von Wohnungsbauinitiativen und was weiß der Himmel noch alles. Seltsam, dass mir wieder das Bild von den Mühen der Ebene in den Sinn kommt, aber hat irgendwer eine Vorstellung, was man bauen soll und wo?

Nach allem, was wir bisher über das Wohnen in der Zukunft wissen, sind zwei Punkte wichtig: Zum einen schrumpft die Bevölkerung zwar, aber die Zahl der Haushalte bleibt gleich. Stichworte hierfür sind der Trend zum Singledasein und die Senioren, die nach dem Tod des Partners weiter und Dank verschiedenster Unterstützungsangebote auch länger einen eigenen Hausstand unterhalten. Zum anderen steigen die Ansprüche an die Größe des Wohnraums.

Durchschnittlich bewohnt jeder Deutsche 43 Quadratmeter in seiner Wohnung oder seinem Haus. Vor 40 Jahren waren es gut über 30 Quadratmeter. Singles bewohnen durchschnittlich 70 Quadratmeter und alleinstehende Senioren sogar 78 Quadratmeter.

Also erste provokante Frage: Kanns auch ein bisschen weniger sein? Keiner will zurück in die 1960er Jahre, in denen Familien zwei Kinder auf 56 Quadratmeter aufzogen. Aber die Frage muss erlaubt sein, ob es nicht etwa für einige Senioren attraktiv wäre, in kleinere, seniorengerechte Wohnungen umzuziehen, statt im Altbau zu bleiben. Es wäre nicht zuletzt auch ein Stück Autonomie, wenn die Wohnung keine Schwellen aufweist und man ebenerdig in die Dusche kommt, anstatt sich vom Bufdi mittels einer Hebevorrichtung in die hohe Badewanne hieven zu lassen.

Aber Bauland ist, jedenfalls in unserer Stadt, knapp. Nachverdichtung ist ein Zauberwort, aber ein Zwiespältiges. Die größten Wohnreserven unterm Dach sind längst ausgereizt. Und jeder – ob Mieter, Genossenschaftler oder Eigentümer – bedankt sich zu Recht, wenn auf dem Flecken zwischen den Häusern, den er bisher als Grünanlage gesehen hat, plötzlich ein weiterer Wohnblock errichtet wird. Stelzenhäuser über Garagengrundstücken oder Parkplätzen, Wohnhochhäuser in der kleinstädtischen Idylle – bei all dem wünsche ich viel Spaß mit der Anliegerbeteiligung samt drohender Bürgerentscheide. Bleibt noch die Ausweisung neuen Baulands an der Peripherie, am besten zusammen mit den Umlandgemeinden. Ja, aber das erfordert enormes planerisches Spitzengefühl und vor allem Zeit, um eine Konzentration von Problemen zu vermeiden. Hier mahnen die Fehler der 1960er und 70er Jahre mit ihren Großsiedlungen.

Mein Chef, der Bürgermeister, sieht eines ganz klar: Der Bürgerdialog muss jetzt starten, nicht erst, wenn wir eine echte Wohnungsnot – bei Einheimischen wie Zugezogenen – bekommen. Dazu gehört auch, ein Dilemma aufzulösen, das der Künstler Friedensreich Hundertwasser einmal so beschrieb: „Bei der Stapelung der Wohnungen nach oben geht zuerst der Mensch zugrunde und dann die Natur. Bei der Stapelung in die Breite läuft es umgekehrt.“

Ihre Sabrina

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