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(GZ-1/2-2018)
Neues von Sabrina
 

Ominöses Zauberwort Work-Life-Balance

Gestern hat mein Chef gesagt...

„So, jetzt ist es auch wieder gut und schön, zurück im Büro zu sein, die vertrauten Gesichter zu sehen und den üblichen Ärger zu haben. Urlaub in der Sonne ist was Feines, aber wir Mitteleuropäer brauchen auch das Wintergrau zum Leben.“ Mein Chef, der Bürgermeister, kam quietschvergnügt und sehr entspannt aus seinem Weihnachtsurlaub zurück.

Diesmal hat ihn seine Frau zu fast drei Wochen Entspannung an einem Traumstrand Ostasiens verurteilt, inklusive Wellness, Naturgenuss und gerade so viel Kulturgeschichte, wie es sich für einen gebildeten Menschen der Generation Baedeker geziemt. Allein ein Blick in die Prospekte und die Reisebeschreibung haben genügt, dass sich in mir ein Gefühl wohliger Sehnsucht eingestellt hat.

Die Argumentation der „Chefin“ war einfach: Nach einem anstrengenden Jahr mit Bundestagswahl wird ein superanstrengendes Jahr mit Landtags- und Bezirkstagswahl folgen, das nahtlos in die Vorbereitungen zu den Kommunalwahlen einmünden wird. Wann also an seine Work-Life-Balance denken, wenn nicht jetzt.

Da fiel es also auch bei Bürgermeisters zu Hause, dieses ominöse Zauberwort unserer Zeit: Work-Life-Balance. Die Formel, die verhindern soll, dass wir uns vom Job auffressen lassen und vor lauter professionellen Bäumen den Wald des Lebens nicht mehr sehen. Hätten Sie meinen Vater gefragt, was er von dieser Work-Life-Balance hält, hätte er wohl gesagt: Erst kommt das Arbeitsleben, dann der Ruhestand und dann stirbt man. Das war noch der Arbeitsethos der Aufbaugeneration. Die Babyboomer waren da schon ganz anders drauf. Deren erklärtes Ziel war es, zu Anfang des Berufslebens so mächtig Gas zu geben und zu powern, dass möglichst schnell der Karriereturbo anspringt, möglichst schnell Kohle gebunkert werden kann, damit man sich schon vor dem Rentenalter aufs Angenehmste auf die faule Haut legen könne. Die magische Grenze, die angepeilt wurde, lag irgendwo zwischen 50 und 55, wobei ich zugeben muss, dass den Leuten, die in dieses Rattenrennen eingestiegen sind, am Berufsstart ein 50-Jähriger wie ein Greis vorkam – vor allem mental. Geschafft haben es nur wenige, was sicher nicht am Fleiß oder dem Ehrgeiz lag, sondern mehr an der Steuerlast, studierenden Kindern und dem Gefühl, auch im sechsten und siebten Lebensjahrzehnt noch gestalten zu wollen statt sich nur von Daiquiri zur Margarita zu schleppen.

Und die Generation Y? Die kommen schon zu Vorstellungsgesprächen mit der klaren Frage, wie der künftige Arbeitgeber wohl gewillt sei, die individuelle – na was wohl – Work-Life-Balance zu unterstützen. Und so gibt es nunmehr auch im öffentlichen Dienst neben einer im internationalen Vergleich märchenhaften Zahl von 30 Urlaubstagen alle möglichen Teilzeit- und Sabbatjahrmodelle, die Auszeiten für die Kindererziehung ebenso ermöglichen wie den Totalausstieg für ein Jahr Weltreise ohne Sorgen bezüglich des Gehaltseingangs.

Etwas außer Blick gerät, dass diese Life-Abschnitte immer von anderen mit Work-Einsatz aufgefangen werden müssen. Letztlich ist es ein riesiger organisatorischer Aufwand, den der Arbeitgeber treiben muss, um alle diese Befindlichkeiten und Ansprüche zu befriedigen. Da kommt der öffentliche Dienst und mehr noch die Wirtschaft an ihre Grenzen. Wenn jetzt ein Recht auf Teilzeit unabhängig von Familienpflichten und ohne Rücksicht auf betriebliche Notwendigkeiten gefordert wird, einschließlich der einseitigen Bestimmung der Rückkehr in Vollzeit durch den Arbeitnehmer, dann testen wir mal wieder wie früher schon die Grenzen der Belastbarkeit des Systems aus. Zusammenbruch wird billigend in Kauf genommen.

Mein Chef, der Bürgermeister, ist viel zu gut erholt und euphorisch von den neu gewonnenen Eindrücken, als dass er große Lust auf Grundsatzdiskussionen hätte. Aber irgendwann kommt er nicht drum rum, als Chef einer großen Behörde. Bis dahin gebe ich ihm per Twitter Gedanken des indischen Philosophen Tagore mit auf den Weg: „Ich schlief und träumte, das Leben sei Freude. Ich erwachte und sah, das Leben ist Pflicht. Ich handelte und siehe, die Pflicht ist Freude.“

Ihre Sabrina

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