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(GZ-19-2015)
Neues von Sabrina
 
Was macht Deutschland aus?

Gestern hat mein Chef gesagt...

„So, jetzt ist unser Land 25 Jahre alt. Also jedenfalls als wiedervereinigte Nation. Eigentlich ist dieses Vierteljahrhundert doch wie im Fluge vergangen.“ Mein Chef, der Bürgermeister, gab mir die Rede zum Ablegen, die er bei der alljährlichen Einheitsfeier in unserer Stadt gehalten hatte.

Gemessen an einem Menschenleben ist unsere Republik ja in einem tollen Alter – schon lebenstüchtig und erfahren, aber immer noch voller Tatendrang und Unternehmungslust. Die richtig gesunde Mischung aus schon im Leben angekommen und neugierig aufs Leben. Und ich finde, das spürt man auch. Besserwessi und Jammerossi, Sehnsucht nach dem alten Westen und Ostalgie – das werden immer mehr folkloristische Stereotypen und sind keine gelebten Gegensätze mehr.

Dazu trägt natürlich bei, dass heutzutage eine große Zahl der Deutschen nach der Wende geboren wurden oder sich an „ihre“ alte DDR oder „ihren“ alten Westen gar nicht mehr erinnern können, weil sie bei der Wiedervereinigung kleine Kinder waren. Fällt es vielen Nicht-Berlinern um die Fünfzig schon schwer, sich in allen Einzelheiten an die Mauer zu erinnern, so herausfordernd ist es für sie, ihren Kindern von der Mauer zu erzählen. Was, Stacheldraht, wo heute der deutsche Walk of fame an der Potsdamer Straße ist? Laufgräben beim Sony-Center? Wachtürme statt Currywurstbuden? Ach Papi, Du mit Deinen Geschichten.

Ja, Deutschland ist zusammengewachsen. Heute ist es selbstverständlich, mitteldeutsche Mundartfärbungen bei uns in der Metzgerei zu hören, was vor zwanzig Jahren noch für Gesprächsstoff gesorgt haben mag. Die meisten Wessis haben auf Reisen das reiche kulturelle Erbe in der Mitte Deutschlands bewundert oder die Naturschönheiten dort genossen. Viele sind mittlerweile Fans von Städtereisen nach Dresden oder Leipzig und schwärmen von wiederholten Ostseeurlauben oder Aufenthalten an den Mecklenburgischen Seen. Nur aus dem tiefsten Spreewald wird ab und an Kunde laut von einem unfreundlichen Empfang durch Einheimische, denen die Worte „Besucher“ und „Service“ nicht im gleichen Zusammenhang einfallen wollen.

Auch die Demoskopen berichten uns, dass sich Ost und West immer mehr angleichen, die Menschen kaum noch Unterschiede in den Lebensverhältnissen sehen und die Einheit von der Mehrheit als geglückt angesehen wird. So steht also dieses Jubiläumsjahr weniger im Zeichen der Nabelschau dessen, was in einem Vierteljahrhundert ge- und vielleicht auch missglückt ist. Umso mehr muss uns beschäftigen, wie wir uns als Nation definieren und was wir denjenigen abverlangen müssen, die zu uns gehören wollen.

Denn unabhängig davon, wie viele der vielen zehntausend, die derzeit als Flüchtlinge in unser Land kommen, im Endeffekt bei uns bleiben dürfen oder wollen, steht schon jetzt fest: Wir werden eine riesige Integrationsaufgabe zu schultern haben. Deshalb müssen wir uns selbst klar machen, was es heißt, Bürger dieses Deutschland zu sein. Bekenntnis zu Freiheit, Rechtsstaat und Demokratie – ja. Anerkennung der Werte des Grundgesetzes – ja. Alles richtig, aber doch sehr theoretisch und blutleer.

Beispiele: Wer seiner Tochter den Besuch einer höheren Schule verweigert, handelt nicht rechtswidrig, aber er hat unser Frauen- und Mädchenbild nicht verstanden. Wer sich freiwillig dem Schiedsspruch eines so genannten Scharia-Gerichts unterwirft, muss den Rechtsstaat nicht bekämpfen, akzeptiert aber auch seine Grundlagen nicht. Oder wie steht es mit den großen Fragen: Kann jemand, der unsere Werte teilen will, das Existenzrecht des Staates Israel in Frage stellen?

Mein Chef, der Bürgermeister, sinnierte eine Weile darüber nach. Alles hat seine Zeit, jetzt ist das Helfen und die Linderung von Not dran. Aber um die Fragen, was uns in Deutschland zusammenhält, werden wir nicht herumkommen. Hoffentlich behält dann Kurt Tucholsky nicht Recht mit seinem Satz: „Nie geraten die Deutschen so außer sich, wie wenn sie zu sich kommen sollen.“

Ihre Sabrina

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