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(GZ-18-2015)
Neues von Sabrina
 
Das Recht auf Rausch

Gestern hat mein Chef gesagt...

„Schön war er, unser Herbstmarkt. Naja, groß ist er ja nicht, aber die Leute haben sich sichtlich wohlgefühlt, das Essen war gut, die Musik abwechslungsreich, das Bier süffig und lustig war‘s – was will man mehr.“ Mein Chef, der Bürgermeister, war wieder einmal mit sich und der Welt zufrieden. Denn auch unsere Stadt trägt ihren Teil zum bunten Reigen der traditionsreichen bayerischen Volksfeste bei. Wie so viele andere ist es als bäuerliches Treffen nach der Ernte entstanden, als man das traditionell gute Wetter des „Altweibersommers“ (politisch korrekt: Frühherbst) nutzte, um neben der Abwicklung von allerlei Gschäfterln noch einmal ausgelassen zu feiern.

Gut, man darf es sich jetzt nicht so großartig vorstellen wie das Gäubodenfest, das Rosenheimer Herbstfest oder das Karpfhamer Fest. Wir haben nur ein Zelt, ein paar 1-B-Schießbuden und Fahrgeschäfte und zudem dauert es nur drei Tage. Aber es ist unser Fest und man muss keine Weltreise machen, um sich mal den Duft von Steckerlfisch, gebrannten Mandeln und Bräurössern um die Nase wehen zu lassen.

Vor allem kann man es sich noch leisten. Das Münchner Oktoberfest, die Wiesn (dieses Wort können allerdings nur die wenigen verbliebenen richtigen Münchner fehlerfrei aussprechen, fast alle Promis aus Politik, Medien und Show scheitern daran, wenn man genau zuhört), wirkt dagegen wie die Antwort des lieben Gottes auf die Stoßgebete von Mario Draghi nach mehr Inflation. Schließlich sind praktisch alle Preise seit dem letzten Jahr angehoben worden – vielleicht außer dem Toiletten-Fuchzgerl und den beliebtesten Hauptspeisen. 10,20 Euro kostet die Maß zum Beispiel in einem Festzelt, das traditionelle halbe Wiesnhendl dagegen 10,80 Euro, eine Portion Rindfleisch 15 Euro. Wenn das Ganze dazu dienen sollte, die Leute vom Trinken abzuhalten und ihnen dafür eher eine gute Magen-Unterlage fürs Bier zu gönnen, wäre ich ja dabei. Aber eigentlich ist es doch nur wieder ein Zeichen dafür, dass Lebensmittel und bäuerliche Erzeugnisse bei uns immer noch billiger und billiger hergehen müssen, wir aber bedenkenlos bereit sind, für andere Dinge praktisch jeden geforderten Preis zu zahlen – denn ob das ohne Frage vorzügliche Wiesnbier einen Zehner wert ist, stelle ich mal in den Raum.

Die Volksfestzeit in Bayern haben ja auch andere Rauschfreunde genutzt, um auf ihr Anliegen aufmerksam zu machen. Die Freigabe von Cannabis in Bayern hat sich eine Initiative auf die Regenbogenfahnen geschrieben, die tatsächlich über 25.000 Unterschriften für eine Volksinitiative auf die Beine gestellt hat. Das Recht auf Rausch, das vom Augsburger Frühjahrsplärrer und dem Würzburger Frühlingsfest bis in den Herbst hinein von den Bier- und Weinliebhabern für sich in Anspruch genommen wird, soll auch für das Kiffen gelten. Gut, ich habe das zunächst auch für Kabarett gehalten, aber tatsächlich schreitet die Legalisierung von Cannabis in vielen Ländern voran, ganz vorne einige Staaten der USA. Zudem zeigt auch der diesjährige US-Vorwahlkampf, dass praktisch jeder Kandidat, der auf sich hält, sein „Ich-habe-als-Student-Gras-geraucht“-Geständnis ablegt. Hält man ein US-Studium nur zugedröhnt aus? Oder ist das schlicht die sozial akzeptierte Weise, eine Schwäche zuzugeben, weit weniger schlimm als zu schnell zu fahren oder eine Tüte Chips aus der Minibar auf die Spesenrechnung zu schmuggeln? Wie dem auch sei, die legale Tüte wird es in Bayern wohl auch in Zukunft nicht geben, denn Betäubungsmittel regelt der Bund.

Mein Chef, der Bürgermeister, hält auch nichts vom Ruf nach „legalize it“. Er ist mehr ein Mann der bodenständigen Freuden. Volksfeste werden ja in ganz Bayern gefeiert, egal ob in Franken, Altbaiern oder Schwaben. Es liegt wohl in der menschlichen Natur, dass wir ab und zu mal alles loslassen und uns gehen lassen wollen. Schöner hat es Theodor Fontane einmal gesagt, dessen Gedanken ich jetzt an den Chef whatsappe: „Immer die kleinen Freuden aufpicken, bis das große Glück kommt. Und wenn es nicht kommt, hat man wenigstens die kleinen Stücke gehabt.“

Ihre Sabrina

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