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(GZ-19-2017)
Neues von Sabrina
 
Der Lese-Herbst ist eingeläutet!

Gestern hat mein Chef gesagt...

„Dieses Jahr gönne ich mir was. Ich fahre nach Frankfurt, in die Stadt der Messen für totgesagte Branchen, und werde mich mal so richtig beim Stöbern in den Buchneuerscheinungen verausgaben.“ Mein Chef, der Bürgermeister, ist halt ein Büchernarr und obendrein frankophil. Also zwei Gründe, zur Buchmesse zu fahren, denn Frankreich ist heuer das Partnerland der traditionellen Bücherschau.

Um alle Frankfurt-philen gleich zu beruhigen: Das mit den toten Branchen war Ironie. Der Chef bezog sich einerseits auf ein breites Unken in der Presse, wonach die IAA als Hochamt der sterbenden Verbrennungsmotoren gesehen wurde, weil Tesla auf der Messe 2017 nicht vertreten war. Da wusste die Welt aber noch nicht, dass Tesla schlicht die Mengenproduktion eines Mittelklassewagens nicht im Kreuz hat und deshalb wohl von anderen Sorgen geplagt wird, als einen Messeaufritt im Autoland schlechthin zu planen. Und dann natürlich auf die Buchbranche, der seit Jahren angesichts von Social Media und elektronischen Angeboten der Garaus prophezeit wird und die dennoch putzmunter von Rekord zu Rekord eilt.

Zwar gibt es mit Leipzig im Frühjahr noch eine andere große Bücherschau in Deutschland, aber Frankfurt ist und bleibt das klassische Stelldichein aller, die an Publishing interessiert sind. Warum? Weil der Herbst einfach die Ich-rolle-mich-auf-dem-Sofa-zusammen-und-schmökere-Zeit schlechthin ist. Ob Pageturner, wie spannend und fesselnd geschriebene Bücher neudeutsch heißen, große Literatur oder Sachbuch – wenn es draußen eklig und drinnen kuschelig ist, wenn der Tee in der Tasse dampft und die Lieblings-Playlist im Hintergrund läuft, dann greift man gerne zum Buch. Zum richtigen Buch. Denn so praktisch und mittlerweile unverzichtbar der E-Book-Reader am Strand, auf Reisen oder beim Pendeln in überfüllten Regionalzügen und S-Bahnen ist, im Wohnzimmer will man das haptische Gefühl und den Duft von Papier.

Eingeläutet wird der Lese-Herbst ja traditionell von der Verleihung von Preisen. Nobelpreis, Friedenspreis des Buchhandels, Deutscher Buchpreis und viele andere renommierte und bemühte Preise mehr werden ab Oktober öffentlichkeitswirksam verliehen. Und ab und zu gelingt den Juroren eine besondere Ironie, etwa wenn in diesem Jahr, in dem Großbritannien im Brexit-Strudel langsam untergehend nur noch die Einwanderung begrenzen will, ein japanisch stämmiger Autor, Kazuro Ishiguro, als Chronist des alten Britannien gefeiert wird.

Auch für die Buchmesse ist 2017 ein besonderes Jahr mit dem Partnerland Frankreich, in dem Literatur ja eine noch viel größere Rolle spielt als bei uns. So gehört es nicht nur zum guten Ton, sondern ist geradezu Zugangsvoraussetzung zu höheren Ämtern, dass Politiker Bücher schreiben und ihre Gedanken und Visionen in literarischer Form aufbereiten. Da würden die üblichen deutschen Politikerbücher – eine Sammlung von Reden, Interviews und Aufsätzen, von einem Ghostwriter mühevoll in einen Sinnzusammenhang gebracht – glatt durchfallen.

Damit will ich nicht sagen, dass in Frankreich bessere Politik gemacht wird oder die Politiker fähiger wären. Jedes Land muss nach seinen Bedingungen und Traditionen regiert werden und da hat der homme des lettres in Frankreich einfach eine andere kulturelle Funktion als unser Intellektueller. Aber sicherlich schadet es nie, wenn Menschen, die in Verantwortung stehen, oder eine solche anstreben, ab und zu in sich gehen und die Kraft des systematischen Niederschreibens zur Ordnung der Gedanken für sich nutzen würden.

Mein Chef, der Bürgermeister, ist ein leidenschaftlicher Leser und kennt sich mit Literatur auch echt gut aus. Die Tage in Frankfurt werden ein wahrer Jungbrunnen für ihn sein. Nur auf meine unschuldige Frage, ob er demnächst auch ein Buch schreiben wolle, antwortete er mir spitz mit einer Bemerkung des neapolitanischen Schriftstellers Libero Bovio: „Gute Bücher vergrößern nur die Angst davor, schlechte zu schreiben.“

Ihre Sabrina

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