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(GZ-13-2017)
Neues von Sabrina
 
Trennung von Life and Work?

Gestern hat mein Chef gesagt...

„Wir sind die Champions, my friend. Erstmals haben wir mehr Ein- als Auspendler in der Stadt. Das zeigt, wie bärenstark und attraktiv der Gewerbestandort ist.“ Mein Chef, der Bürgermeister, hatte gerade die neuesten statistischen Zahlen in die Hand bekommen. 

In der Tat waren wir lange eher eine verschlafene Stadt, deren Bewohner mehr oder weniger für sich gelebt und produziert haben. Dann wurden wir nach und nach wegen der guten Anbindung an Eisenbahn und Autobahn zur Schlafstadt für die nächste Großstadt, aus der die Leute scharenweise in das vermeintlich unberührte und heile Kleinstadtidyll zogen. Neue Siedlungen entstanden ebenso wie massive Verkehrsprobleme. Unser Chef wollte nicht nur Herbergsvater und Hotelportier für die umliegenden Gewerbestandorte sein, sondern machte mit einer aktiven Ansiedelungspolitik die Stadt für Unternehmen attraktiv. Gewerbegebiete entstanden, Gründerzentren und auch die Dienstleistungen wurden nicht vernachlässigt. Jetzt haben wir eine ganze Menge Arbeitsplätze mehr in der Stadt. Was geblieben ist, sind die Verkehrsströme, nur dass sie nicht mehr allein einseitig hinaus, sondern gegenläufig auch hineinfließen. Deutschland, einig Pendlerland.

Ich muss gestehen, ich wohne so nahe am Rathaus, dass es sich fast nicht rentiert, für die kurze Strecke das Fahrrad zu nehmen. Also fehlt mir die Erfahrung im Pendeln. Irgendwas muss ja dran sein. Oder gilt hier die scherzhafte Parole „Leute trinkt Blut, Millionen Mücken können sich nicht irren“?

Pendeln stelle ich mir zunächst als gigantische Verschwendung von Lebenszeit vor. Man sitzt ein oder zwei Stunden am Tag im Auto oder in der Bahn. Gut, im Auto kann man seine Lieblings-Playlists oder ein Hörbuch hören, im Zug gemütlich lesen. Gemütlich? Immer wenn ich Zug fahre, ist der bis auf den letzten Platz besetzt und die Stehplatzbesitzer brauchen keine Haltevorrichtung, weil sie so dicht gedrängt stehen, dass sie eh nicht umfallen können. Dann die dauernden Verspätungen! Und Auto fahren ist ja auch nicht stressfrei. Ich sage nur Staus, Baustellen, Idioten vor einem.

Warum pendelt man also? Wegen der Pendlerpauschale, wie einige vermuten, bestimmt nicht - die deckt nur einen Teil der Kosten. Weil man möglichst lange von zu Hause weg sein will? Ich empfehle Scheidung als Lösung. Oder weil es eine Notwendigkeit gibt? Fakt ist, dass die Wohnkosten umso mehr steigen, je größer und wirtschaftlich attraktiver die Stadt ist. Unsere Leute wohnen also bei uns günstiger, als wenn sie in die nächste Stadt ziehen würden und Arbeitnehmer unserer Firmen hätten bei uns mehr Kosten als bei sich auf dem Dorf.

Dann gibt es ja auch ganz andere Motive, etwa die Sehnsucht nach einem Leben im überschaubaren Rahmen, in dem man noch die Nachbarn auch in der übernächsten Straße kennt, statt der Anonymität in der Großstadt. Das Verwurzeltsein in einem Dorf oder einer Stadt, die man nicht verlassen will, solange man die Arbeitsstätte noch mit einigermaßen Aufwand erreichen kann. Die relative Nähe zu Freizeitangeboten, die man auch mal nach Feierabend nutzen will, seien es Berge, Seen oder Radwege.

Außerdem hat der Abstand zwischen Arbeiten und Leben auch ein Gutes: Man wird von der Arbeit nicht so in Beschlag genommen. In der Landwirtschaft ist es heute noch so, bei den Handwerkern, die über der Werkstatt gewohnt haben, war es früher genauso: Leben und Arbeit gehen ineinander über. Ich gebe offen zu, dass ich auch manchmal samstags ins Büro komme, um etwas zu erledigen, das ich fein bis Montag aufgeschoben hätte, wenn ich auch noch eine Stunde ins Office hätte fahren müssen. Pendeln kann also auch Selbstschutz oder bewusste Trennung von Life and Work sein. Der Balance wegen.

Mein Chef, der Bürgermeister, wohnt auch keine zehn Minuten von Rathaus entfernt. Er braucht auch keinen Abstand, denn er hält es mit dem amerikanischen Schriftsteller John Steinbeck: „Die Kunst des Ausruhens ist ein Teil der Kunst des Arbeitens.“

Ihre Sabrina

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