Interviews & Gesprächezurück

(GZ-17-2016)
Interview mit RMD-Vorstand Dr. Albrecht Schleich
 
► Dr. Albrecht Schleich, Rhein-Main-Donau AG:
 
Bayerns Wasserkraft verbindet Ökologie und Ökonomie

Die Wasserkraft spielt eine wichtige Rolle für eine grüne Energiezukunft in Bayern. Die Verbindung von Ökologie und Ökonomie ist dabei ein entscheidendes Erfolgskriterium, wie der Vorsitzende des Wasserkraftausschusses im VBEW (Verband der bayerischen Energie- und Wasserwirtschaft) und RMD-Vorstand Herr Dr. Albrecht Schleich im Gespräch mit der Bayerischen GemeindeZeitung erläuterte.

GZ: Gerade die Wasserkraft hat für den Industriestandort Bayern seit jeher eine ganz zentrale Rolle gespielt. Wie beurteilen Sie das Potenzial dieser erneuerbaren Energiequelle?

Dr. Schleich: 36 % des Stromverbrauchs wird in Bayern aus Erneuerbaren Energien gedeckt - Tendenz steigend. Allein die Wasserkraft trägt mit bis zu 15 % zur Deckung des bayerischen Stromverbrauchs bei. Wasserkraft ist aus energiewirtschaftlicher Sicht ein idealer Energieträger: kontinuierlich verfügbar und damit grundlastfähig, gut regelbar, speicherfähig, schadstoff- und CO2-frei. Wasserkraft ist die effizienteste Art, regenerative Energie rund um die Uhr, wetterunabhängig und in größerer Menge bereitzustellen. Zudem hat sie als Ausgleich zur schwankenden Einspeisung von Sonnen- und Windstrom das Potenzial, einen Beitrag zur Stabilisierung des Stromversorgungsnetzes und damit zur Versorgungssicherheit in Süddeutschland zu leisten.

GZ: Wie stellt sich die Situation momentan dar?

Dr. Schleich: Der Anteil der rund um die Uhr verfügbaren Wasserkraft an den Erneuerbaren beträgt derzeit noch rund ein Drittel – Tendenz sinkend aufgrund des weiteren Zubaus von Photovoltaik und Wind.

GZ: Erneuerbare Energien – jeder will sie und dann doch wieder nicht, weil sie in Natur und Landschaft eingreifen.  Wie löst man dieses Dilemma?

Dr. Schleich: Ökologie und Ökonomie bei der Wasserkraftnutzung sind kein Widerspruch, sondern gut miteinander vereinbar. Natürlich ist auch die Wasserkraft – wie jede Stromerzeugungsform – nicht gänzlich nebenwirkungsfrei. Aber wir sind in der Lage und bereit, diese Nebenwirkungen zu minimieren und sogar noch ökologischen Zusatznutzen zu schaffen.

GZ:  Was heißt das  konkret?

Dr. Schleich: Die positiven Effekte der Wasserkraftnutzung beschränken sich ja nicht nur auf die zuverlässige Bereitstellung sauberen Strom rund um die Uhr. Vielmehr haben Wasserkraftwerke neben der Stromerzeugung auch einen klaren Zusatznutzen, denn sie leisten wichtige Beiträge zur Reinhaltung der Fließgewässer durch das Rausfischen zig tausender Tonnen von Wohlstandsmüll jedes Jahr, zum Hochwasserschutz sowie zur Stabilisierung der Flusssohlen und damit der Grundwasserspiegel. Die Wasserkraftwerke mit ihren Stauräumen sind also nicht das Problem, sondern Teil der Lösung zur weiteren Verbesserung der ökologischen Gewässersituation. Hier gibt es auch immer mehr sehr innovative Ansätze.

GZ: Haben Sie ein Beispiel?

Dr. Schleich: Die Jahrhundertflut 2013 hat gezeigt, dass die Anforderungen an den Hochwasserschutz weiter steigen. Dies zu kombinieren mit einer spürbaren ökologischen Verbesserung der Gewässersituation, ist eine große Herausforderung.

Hochwasserschutz heißt normalerweise Dammbau bzw. Dammerhöhung mit entsprechenden Eingriffen in die Ufernatur. Um solche Eingriffe zu vermeiden, haben die Bayerischen Elektrizitätswerke (BEW) als Betreiberin der mehrheitlich der Rhein-Main-Donau AG gehörenden Wasserkraftwerke an der schwäbischen Donau einen sehr innovativen Ansatz entwickelt – das Projekt InADaR (Innovative App-roach for Dam Restoration). Erstmalig in Bayern sollen an den bayerischen Donau-Staustufen Oberelchingen bei Ulm und Offingen bei Günzburg bis 2017 Pilotstrecken in den Stauräumen umgesetzt werden.

Normalerweise bedarf eine Dammerhöhung von 50 cm einer Standflächenverbreiterung des Damms von rund 2 m. Der benötigte Platz für den Hochwasserschutz entsteht nun direkt im Stauraum und nicht an Land, wo die Auwälder angrenzen; sie bleiben von den Maßnahmen unberührt. Mit der Aufschüttung von großen Wasserbausteinen und Kies auf der Wasserseite entsteht ein Stützkeil oder eine Berme, über der sich dann die erhöhte Dammkrone befindet. Unter Einbeziehung der Verlandungen entlang der Stauraumufer wird entlang der Damminnenseite ein natürliches Donauufer aus kleinen Inseln, eingebrachten Wurzelstöcken und Flussbausteinen geschaffen. Der Fluss wird ökologisch wieder erlebbar gemacht und die entstandene Ökoberme schafft neue Lebensräume für aquatische Lebensformen.

Das Pilotprojekt wird von der Europäischen Union im Rahmen ihres LIFE+-Förderprogramms zu den Themen Natur- und Umweltschutz mit 655.000 Euro gefördert. Es ist das einzige in Bayern und eines von fünf Projekten bundesweit mit einem Gesamtbudget von rund 1,4 Millionen Euro. Großes Kompliment an die BEW, dass ihr diese Förderzusage gelungen ist.

GZ: Apropos Förderung: Paradoxerweise geraten bei der Energiewende „Made in Germany“ im Bereich Wasserkraft nicht EEG-geförderte große Anlagen mit einer Leistung über 5 Megawatt zunehmend in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Müssen wir uns um die Wasserkraft sorgen?

Dr. Schleich: In der Tat haben wir hier ein Problem; denn große Wasserkraftwerke müssen den erzeugten Strom auf dem freien Markt über die Strombörse verkaufen. EEG-bedingt ist der Börsenstrompreis nun schon seit geraumer Zeit beständig im Abwärtstrend. Wenn der Preis sich nunmehr der 2-ct/kWh-Marke nähert oder diese sogar irgendwann unterschreiten sollte, arbeitet der überwiegende Anteil der großen Anlagen – trotz aller Rationalisierungsmaßnahmen – unter ihren Kosten.

GZ: Gibt es Hoffnung auf Änderung?

Dr. Schleich: Über den VBEW suchen die betroffenen Unternehmen  sowohl auf Landes- als auch auf Bundesebene das Gespräch mit der Politik und den Behörden, um auf diese Situation der großen Wasserkraft aufmerksam zu machen. Wir sind zuversichtlich, dass sich in diesem Dialog eine Lösung finden lässt, um die Lage der für die Energiewende so wichtigen großen Wasserkraftanlagen wieder zu verbessern.

GZ: Herr Dr. Schleich, vielen Dank für das Interview.

DK

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