Interviews & Gesprächezurück

(GZ-9-2015)
Interview mit GVB-Präsident Stephan Götzl
 
► Stephan GötzlGVB-Präsident:
 
Kritische Auseinandersetzung mit der geplanten Kapitalmarktunion

Die EU-Kommission hat im Februar ein Grünbuch zur Schaffung einer europäischen Kapitalmarktunion vorgelegt. Mehr Wachstum und Beschäftigung sind die Ziele dieser Initiative. Der zuständige EU-Kommissar Jonathan Hill verspricht sich von der Kapitalmarktunion, dass vor allem mittelständische Unternehmen ihren Finanzierungsbedarf leichter decken können, dass die Sparer von einer größeren Auswahl an Investitionsmöglichkeiten profitieren und dass Investoren aus der ganzen Welt in die europäische Volkswirtschaft investieren. Zudem soll das Finanzsystem durch die Kapitalmarktunion robuster werden. Stephan Götzl, Präsident des Genossenschaftsverbands Bayern (GVB) setzt sich im Interview kritisch mit dem Kommissionsvorhaben auseinander.

GZ: Herr Götzl, mit der Kapitalmarktunion will die EU-Kommission das Wachstum in den Mitgliedsstaaten der Europäischen Union ankurbeln. Aber ist nicht gerade Deutschland das beste Beispiel dafür, dass eine florierende Konjunktur auch ohne besondere Kapitalmarktförderung möglich ist?

Götzl: Bislang konnte empirisch nicht abschließend geklärt werden, in welchem Verhältnis Kapitalmärkte und Wachstum stehen: Beeinflussen größere Kapitalmärkte das Wachstum oder ist es umgekehrt? Die EU-Kommission stützt ihre Argumentation auf eine aktuelle Studie. Deren Autoren halten aber selbst fest, dass Erkenntnisse über den Wirkungszusammenhang zwischen Kapitalmärkten und Wachstum schwierig zu gewinnen sind. Das European Systemic Risk Board kommt zwar zu der Einschätzung, dass ein höherer Anteil der Kapitalmarktfinanzierung an der Finanzierungsstruktur einer Volkswirtschaft einen leichten, positiven Wachstumseffekt haben könnte. Frühere Studien konnten diesen Effekt aber nicht nachweisen. Vor diesem Hintergrund sollte der erwartete Wachstumseffekt einer europäischen Kapitalmarktunion nicht überschätzt werden.

GZ: Die Kapitalmärkte könnten aber insbesondere in den wachstumsschwachen und überschuldeten EU-Staaten helfen, die Finanzierungssorgen der Unternehmen zu lindern und die Wettbewerbsfähigkeit der gesamten Union zu steigern …

Götzl: Große, integrierte europäische Kapitalmärkte können allenfalls dazu beitragen, zusätzliche Kanäle zu schaffen, um das Kapitalangebot und die Kapitalnachfrage in Europa zusammenzubringen. Eine fehlende wirtschaftliche Dynamik lässt sich mittel- und langfristig nur durch die Schaffung guter Investitionsbedingungen erreichen. Dafür müssen beispielsweise Arbeitsmärkte, Sozialsysteme und Staatshaushalte reformiert und regulatorische Hemmnisse abgebaut werden. Daran kann aber auch eine europäische Kapitalmarktunion nichts ändern. Sie ist kein Ersatz für wirksame Strukturreformen.

GZ: Die EU-Kommission sieht eine übermäßige Abhängigkeit der Unternehmen in Europa von den Banken. Dies habe in der Wirtschaftskrise zu Finanzierungsengpässen geführt, als viele Institute ihre Kreditvergabe einschränken mussten. Ist es da nicht folgerichtig, die Kapitalmärkte zu fördern, um die Finanzierungsbasis zu verbreitern?

Götzl: Die zugrundeliegende Problemanalyse ist sehr einseitig. Der Bankensektor in der EU wird als zu groß angesehen, weil die größten europäischen Banken in den letzten 15 Jahren sehr stark gewachsen sind. Diese großen, international tätigen Banken haben das Finanzsystem nah an den Zusammenbruch gebracht. Es wäre jedoch falsch, diese großen, systemrelevanten Banken als charakteristisch für den gesamten europäischen Bankenmarkt anzusehen. Denn insbesondere hierzulande gibt es eine Vielzahl kleiner, regional tätiger Banken. Dazu zählen insbesondere die meisten Sparkassen und Genossenschaftsbanken, die weder an der Entstehung der Finanzkrise beteiligt, noch in gleichem Maße betroffen waren wie die großen international tätigen Banken. Sie konnten im Gegenteil ihre Kreditvergabe in der Finanz- und Wirtschaftskrise ausweiten und so eine Kreditklemme abwenden. Das sollte im Sinne der Subsidiarität von der EU-Kommission bei der Schaffung der Kapitalmarktunion beachtet werden.

GZ: Nur etwa 30 Prozent des externen Finanzierungsvolumens wird in Europa über Kapitalmärkte aufgebracht, während es in den USA 80 Prozent sind. Was spricht dagegen, diesen Anteil zu steigern?

Götzl: Die Beschaffenheit der Unternehmen in Europa passt besser zu einer Bank- als zu einer Kapitalmarktfinanzierung. Denn in Europa gibt es verhältnismäßig viele mittelständische Unternehmen, für die der Bankkredit von großer Bedeutung ist. Solchen Unternehmen fällt es häufig schwer, die Anforderungen an eine Kapitalmarktfinanzierung zu erfüllen – zu hoch sind die Kosten einer Anleihe- oder Aktienemission und die damit verbundenen Publizitätspflichten. Zudem wollen insbesondere innovative mittelständische Unternehmen viele Informationen nicht öffentlich teilen. Auch hier scheidet eine direkte Finanzierung über den Kapitalmarkt aus. Ein Grund für die geringere Kapitalmarktfinanzierung in Europa ist schlichtweg, dass die Nachfrage der Unternehmen nach Kapitalmarktfinanzierungen gering ist.

GZ: Das könnte sich ändern, wenn Unternehmen der Zugang zu den Kapitalmärkten erleichtert wird. Unter anderem schlägt die Kommission vor, einen einheitlichen Rechnungslegungsstandard einzuführen. Würde das helfen?

Götzl: Die meisten Unternehmen in Deutschland bilanzieren nach dem Handelsgesetzbuch. Auch in anderen europäischen Ländern gibt es nationale Rechnungslegungsstandards, die vor allem von kleinen und mittleren Unternehmen genutzt werden. Unternehmen, denen der Zugang zu Kapital fehlt, müssten demnach einen zusätzlichen Bilanzierungsaufwand betreiben, um Investoren auf den Kapitalmärkten zu finden. Das ist keine überzeugende Lösung für das Problem der schwachen Mittelstandsfinanzierung in vielen europäischen Ländern. Denn über viele kleinere und mittlere Unternehmen gibt es nur wenige, objektivierbare Informationen. Die Informationslücke kann nicht mit neuen Standards geschlossen werden. Kapitalmärkte können das sogenannte relationship lending nicht ersetzen, das die Regionalbanken seit Jahrzehnten erfolgreich betreiben. Der Erhalt der Mittelstandsfinanzierung durch Banken muss deshalb in das Gesamtkonzept der Kapitalmarktunion eingebettet werden.

GZ: In welcher Form?

Götzl: Mit der Zunahme der Regulierung wurde den Banken in den letzten Jahren ein enges Korsett geschnürt. Die steigenden Eigenkapital- und Liquiditätsanforderungen erschweren ihnen die Kreditvergabe. Gleichzeitig will die EU-Kommission den Finanzierungsbedarf der Unternehmen mit größeren Kapitalmärkten decken. Insbesondere mit Blick auf die Finanzierung kleiner und mittlerer Unternehmen, bei deren Finanzierung Banken eine zentrale Rolle spielen, sind die Maßnahmen gegenläufig und somit kontraproduktiv. 

GZ: Was fordern Sie?

Götzl: Der Erhalt der Mittelstandsfinanzierung erfordert eine angepasste Bankenregulierung. Dafür muss unter anderem der KMU-Korrekturfaktor in der europäischen Eigenkapitalverordnung dauerhaft erhalten bleiben. Ebenso müssen die Bestrebungen des Baseler Ausschusses und der europäischen Aufsichtsbehörden hinterfragt werden, die Zinsänderungsrisiken sowie die Liquiditäts- und Verschuldungsquoten stärker zu regulieren. Diese Maßnahmen laufen darauf hinaus, dass Banken die ihnen anvertrauten Einlagen nur in geringerem Maße als Kredite vergeben können. Dabei sind es gerade die einlagenstarken Banken, die in Deutschland den Mittelstand finanzieren. Kapitalmärkte können die Banken in der Mittelstandsfinanzierung nicht ersetzen.

GZ: Im Zuge der Kapitalmarktunion soll in Zukunft verstärkt auch privates Kapital in die Kapitalmärkte fließen. Abgesehen davon, dass gerade deutsche Anleger als Wertpapier-Skeptiker gelten: Welche Anforderungen stellt das an den Anlegerschutz?

Götzl: Zwischen dem Schutz der Anleger und der verstärkten Nutzung der Kapitalmärkte gibt es einen Zielkonflikt, der von der EU-Kommission nicht aufgegriffen wird. Einerseits soll die Abhängigkeit der Unternehmen von den Banken durch die Stärkung der Kapitalmärkte in der EU reduziert werden. Hierfür müssten mehr Ersparnisse auf die Kapitalmärkte fließen. Das erfordert wiederum einen hohen Anlegerschutz, den Banken heute schon gewährleisten, der aber bislang auf den Kapitalmärkten nicht in vergleichbarem Maße gegeben ist. Andererseits soll die Nutzung der Kapitalmärkte durch Unternehmen und institutionelle Investoren weniger bürokratisch sein. Ein Großteil der Bürokratie ergibt sich jedoch aus den Anforderungen an den Anlegerschutz. Eine Reihe von den im Grünbuch vorgeschlagenen Initiativen sind vor diesem Hintergrund kritisch zu sehen. Dazu gehört die Stärkung von kapitalmarktorientierten Geschäftsmodellen, wie Beteiligungsfonds. Denn gerade hier treten extreme Informations-asymmetrien zwischen Kapitalgebern und Kapitalnehmern auf.

GZ: Herr Dr. Götzl, vielen Dank für das Interview.

RED

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