Interviews & Gesprächezurück

(GZ-9-2018)
gz interview mit gerhard schmitt thiel
 

► GZ-Interview mit Gerhard Schmitt-Thiel:

 

Gegen das Vergessen und Verdrängen

„Welchen Sinn macht es, nach 85 Jahren durch eine öffentliche Lesung an die Bücherverbrennung von 1933 zu erinnern?“ fragten wir den Initiator der „Aktion Bücherlesung“ anlässlich der diesjährigen Veranstaltung auf dem Münchner Odeonsplatz zur Erinnerung an den 10. Mai 1933, TV-Moderator Gerhard Schmitt-Thiel.

Schmitt-Thiel: Bücher zu verbrennen gehört wohl zu den schändlichsten und schädlichsten Aktionen totalitärer Regime gegen die eigenen Künstler. Schon Heine hat gesagt: „Da, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen.“ Die Geschichte des Nationalsozialismus zeigt, wie recht er hatte. In vielen Ländern Europas ist in jüngster Zeit ein starker Rechtsruck zu beobachten. Erinnern wir uns an die Warnung von Erich Kästner, dessen Bücher 1933 auch verbrannt wurden: „Man darf nicht warten, bis aus dem Schneeball eine Lawine geworden ist. Man muss den rollenden Schneeball zertreten – die Lawine hält keiner mehr auf.“

GZ: Was ist das besonders Verwerfliche daran, Bücher zu verbrennen?

Schmitt-Thiel: Wer Bücher verbrennt, zerstört nicht nur Freiheit und Meinung der Künstler; er trifft die gesamte Existenz des Menschen, macht ihn mundtot, vernichtet ihn.

GZ: Welche gesellschaftlichen Kreise waren 1933 die Initiatoren der Bücherverbrennung und war das, so kurz nach der Machtergreifung durch die Nazis, eine spontane Aktion?

Schmitt-Thiel: Es waren in erster Linie Akademiker, Professoren und Studenten. Die Aktion war von langer Hand vorbereitet, sonst hätte sie so kurz nach der Machtübernahme durch die Nazis nicht so perfekt über die Bühne gehen können.

GZ: Welchen Anteil hatte die Presse an gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen? Gibt es Parallelen zu heute?

Schmitt-Thiel: PEGIDA und AFD wurden anfangs als nicht ernst zu nehmende, verachtenswerte, zu bemitleidende Dumpfbacken in unseren Mainstreammedien dargestellt. Nun im Parlament überraschen die AFD-Mitglieder mehrheitlich als Akademiker im Nadelstreifen. Deshalb ist es uns immer wieder wichtig, mit den Lesungen darauf hinzuweisen, dass es auch damals Teile der Eliten waren, die die ersten symbolhaften, intellektuellen Verfolgungen/Verbrennungen initiiert haben – und nicht die Straße, nicht der Mob.

GZ: Die Aktion „Bücher aus dem Feuer“ führen Sie seit 2005 durch – und erfahren hierbei große Unterstützung. Zudem gibt es aber auch zahllose eigenständige Initiativen.

Schmitt-Thiel: Wolfram Kastners Aktion „Brandfleck – München liest aus verbrannten Büchern“ beispielsweise ist ein Kunstwerk, Bestandteil seiner Kunstaktionen, die er oft auch zusammen mit anderen politischen Aktionskünstlern vor allem in München macht. Die Lesungen, die ich seit vielen Jahren organisiere, ob nun im privaten Rahmen, in der Staatsbibliothek, in Bürgerhäusern, oder seit über 10 Jahren mit Unterstützung des Kulturreferats der Landeshauptstadt am Odeonsplatz, betrachte ich nicht als Kunst oder Kunstwerk, sondern als Erinnerungsarbeit, die an möglichst vielen Orten organisiert werden sollte. Wie dies auch durch die Themen vom Verein „Gegen das Vergessens – für mehr Demokratie e.V.“ angeregt wurde. Siehe unsere Seite www.buecherlesung.de. Natürlich habe auch ich mehrmals am Königsplatz mitgelesen.

GZ: Welche besonderen Momente im Rahmen der Lesungen sind Ihnen in Erinnerung?

Schmitt-Thiel: Viele. Ein Auftritt von Dieter Hildebrandt ist mir in lebhafter Erinnerung. Ex-trem laut schallte seine markante Stimme mit provokanten Aufrufen weit über den Odeonsplatz. Damit zog er viele vorher unbeteiligte Menschen an. Sehr bewegend sind für mich auch immer wieder die Beiträge von Studierenden, aber auch ganz besonders die Beiträge von sehr jungen Schülerinnen und Schülern, die sich ernsthaft und voller Empathie oft zum ersten Mal mit dem Thema auseinandersetzen. Der emotionalsten Augenblick in den 10 Jahren hat mir aber Ricci Hohlt beschert. Von Anfang an ist sie an meinen Lesungen beteiligt. Als Ricci das Lied ‚sag mir wo die Blumen sind‘ anstimmte, sang das Publikum mit. Anlass dafür war damals das Russland bashing und sie hat damit Partei ergriffen gegen die aufkeimende Kriegstreiberei. Es war einfach ergreifend.

GZ: Was bewegte GST zu seinen Lesungen?

Schmitt-Thiel: Es gibt ein Gedicht von Eckart Hachfeld „Zwei Seelen“. Ich habe ihn noch persönlich kennengelernt. Er war ein wunderbarer Autor für die Nachkriegskabarettisten wie z.B. das Düsseldorfer Kom(m)ödchen. Dieses Gedicht ist zwar nach der NS-Zeit entstanden; ich lese es aber auch immer wieder selbst am 10. Mai „gegen das Vergessen“, weil es die deutsche Situation so absolut treffend beschreibt.

GZ: Sie sind Präsident des Paul-Klinger-Künstlersozialwerks. Auch dieser Verein beteiligt sich an der Bücherlesungsaktion.

Schmitt-Thiel: Der Klingerverein ist eine Interessensvertretung von und für Kulturschaffende aus allen Bereichen. Mit der Bücherverbrennungsaktion der Nazionalsozialisten und der anschließenden Verfolgung wurden nicht nur Kunstwerke zerstört und aus dem öffentlichen Bewusstsein entfernt; vielmehr wurde damit die persönliche Existenzgrundlage der Autorinnen und Autoren ruiniert. Unser besonderes Anliegen ist es, auf diese Zusammenhänge hinzuweisen – es wurden Werke und Lebensexistenzen vernichtet.

RED

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