Interviews & Gesprächezurück

(GZ-23-2015)
Interview mit GVB-Vorstand Dr. Jürgen Gros
 
► Dr. Jürgen GrosGVB-Vorstand:
 
Bayerische Genossenschaftsbanken: Garant für Finanzstärke und Sicherheit

„Starke Kommunen und eine starke Wirtschaft gehen Hand in Hand“, lautet eine Kernthese in einem gemeinsamen Thesenpapier von Genossenschaftsverband Bayern (GVB) und Bayerischem Gemeindetag.

GZ: Für die Kommunen stehen große Investitionen an – siehe Breitband. Hier gibt es Fördermöglichkeiten, hier benötigt man Partner vor Ort, sprich die Hausbank.

Dr. Gros: Die Volksbanken und Raiffeisenbanken in Bayern stehen bereit, Investitionen von Kommunen oder mittelständischen Unternehmen zu begleiten und zu unterstützen. Natürlich auch, wenn es darum geht, die Infrastruktur zu modernisieren. Davon profitieren schließlich alle. Wenn die Infrastruktur passt, belebt das die Wirtschaft und in einem solchen Umfeld wachsen neue Unternehmen heran. Die haben wiederum Finanzierungsbedürfnisse, die Genossenschaftsbanken unterstützen können – auch mit Förderkrediten. Allein in den ersten neun Monaten des Jahres haben die bayerischen Kreditgenossenschaften 2.600 LfA-Darlehen zugesagt und damit so viele wie keine andere Bankengruppe. Dieses Geschäft beherrschen sie.

GZ: Mit der Zunahme der Regulierung wurde den Banken in den vergangenen Jahren freilich ein enges Korsett geschnürt. Die steigenden Eigenkapital- und Liquiditätsanforderungen erschweren ihnen die Kreditvergabe.

Dr. Gros: Das Kreditgeschäft der Volksbanken und Raiffeisenbanken läuft rund. Im ersten Halbjahr 2015 haben sie das Volumen ihrer Firmenkundenkredite um eine Milliarde Euro auf mehr als 40 Milliarden Euro ausgeweitet. Es besteht allerdings die Gefahr, dass diese Entwicklung durch eine regulatorisch bedingte Kreditverknappung künftig behindert wird. Uns ärgern zum Beispiel Überlegungen in Regulatorenkreisen, wonach Kredite für Unternehmen mit wenig Umsatz künftig strenger behandelt werden sollen als Kredite für große Firmen. Das ist schlichtweg unsinnig, denn erstens beweist die Praxis, dass klein nicht riskanter als groß ist. Und zweitens wird verkannt, dass das, was klein ist, eine Chance braucht, wachsen zu können. Aus diesem Grund wollen die bayerischen Kreditgenossenschaften auch kleine Unternehmen weiter begleiten, ohne dass am Ende des Tages die Kredite regulatorisch teurer werden.

GZ: Ganz abgesehen davon, dass eben auch die Kenntnis vor Ort ein Pfund ist, mit dem sich wuchern lässt.

Dr. Gros: In der Tat. Die Volksbanken und Raiffeisenbanken kennen ihre Kunden. So wie der Bürgermeister seine Gemeinde kennt. Sie wissen wie die Unternehmen aussehen und welche Stärken sie haben.

GZ: Welches Maß an Freiheit muss bleiben, damit die Genossenschaftsbanken erfolgreich agieren können?

Dr. Gros: Lassen Sie uns die Frage umdrehen: Was braucht die Realwirtschaft, um weiter zu existieren? Die Antwort lautet: Sie benötigt Planungssicherheit, schnellen Zugang zu Investitionsmitteln und Partner, denen sie vertrauen kann. Genau das bieten Regionalbanken. Jeder, der jetzt über Bankenregulierung nachdenkt, sollte deshalb intensiv bedenken, was das in der Realwirtschaft auslöst. Denn Fakt ist doch: Das Modell Deutschland beruht ganz wesentlich auf dem Mittelstand als Wirtschaftsmotor der Regionen. Und ohne Banken funktioniert die Wirtschaft nicht. Darum mein Appell: Lasst die Banken ihrer originären Funktion für die Realwirtschaft nachkommen! Davon profitiert nicht nur Deutschland, sondern ganz Europa.

GZ: Befürchtet wird auch ein Zugriff auf die Einlagensicherung.

Dr. Gros: Die EU-Kommission hat Ende November einen Vorschlag für eine europäische Einlagensicherung vorgelegt. Der sieht vor, dass die nationalen Einlagensicherungssysteme in einem gemeinsamen europäischen System zusammengeführt werden sollen. Diese Pläne bergen erhebliche Gefahren. Dann würden nämlich stabile und leistungsfähige Banken und ihre Sicherungsfonds für instabile Systeme in anderen Ländern haften – ohne einen Einfluss auf deren Risikosteuerung zu besitzen. Das ist weder im Interesse der Banken, noch im Interesse der Sparer in Deutschland.

GZ: Was würde das mit Blick auf Deutschland bedeuten?

Dr. Gros: Wirkungsvolle Sicherungssysteme wie die genossenschaftliche Institutssicherung, die auf die Vermeidung von Bankinsolvenzen ausgerichtet ist und damit Einlagenentschädigungsfälle von vornherein verhindert, müssten dauerhaft zu einem europäischen Entschädigungstopf beitragen. Die bayerischen Volksbanken und Raiffeisenbanken lehnen dies entschieden ab. Ein solches Vorgehen setzt falsche Anreize. Wir meinen: Es bewährt sich, Sicherungssysteme national aufzubauen. Eine Transferunion darf es in Europa nicht geben.

GZ: Wie groß ist die Gefahr, dass es zu einer Vergemeinschaftung der Einlagensicherung in Europa kommt?

Dr. Gros: Die EU-Institutionen und die EZB drängen massiv. Was uns beruhigt, ist die klare Position  der Bundesregierung und des Bundestags. Sie sprechen sich für einen Erhalt der bewährten deutschen Einlagensicherungssysteme aus und haben den Forderungen aus Brüssel damit eine klare Absage erteilt. Auch der Bundesbank-Präsident, die Wirtschaftsweisen und andere Wissenschaftler sehen keine überzeugenden Argumente für eine europäische Einlagensicherung. Das lässt uns hoffen, dass sich am Ende die Vernunft durchsetzt.

GZ: Neben den Finanzdienstleistungen, die die Genossenschaftsbanken im Verband sicherstellen, gibt es auch viele Genossenschaften, an denen die Kommunen großes Interesse haben. In den vergangenen Jahren bereits wurden Energiegenossenschaften gegründet und nun rücken auch Sozialgenossenschaften stärker in den Vordergrund. Sehen Sie hier Potenziale für die Zukunft?

Dr. Gros: Die Gründungsdynamik bei den Energiegenossenschaften ist deutlich abgeflaut. Wegen der Neufassung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) ist es für kleinere Energiegenossenschaften momentan nicht attraktiv, sich zu engagieren. Das lässt sich sehr deutlich an den Gründungszahlen ablesen: Im laufenden Jahr haben wir bislang 21 neue Mitglieder aufgenommen, darunter 11 Energiegenossenschaften. In den Jahren zuvor waren es deutlich mehr. Grundsätzlich ist festzustellen, dass im Energiebereich verstärkt Wärmegenossenschaften eine Rolle spielen. Energiegenossenschaften, die Strom aus Sonne oder Wind produzieren, werden derzeit kaum noch gegründet.

GZ: Und die Sozialgenossenschaften?

Dr. Gros: Sozialgenossenschaften sind eine attraktive Organisationsform. Das gilt gleichermaßen für die Kommunen, die Bürger vor Ort, aber auch für die Sozialverbände, die sich in Zukunft Fragen stellen müssen, wie: Wo bekommen wir qualifiziertes Personal her? Können mehrere Sozialverbände bestimmte Aktivitäten in einer Sozialgenossenschaft bündeln? Wie können wir gemeinsam gesellschaftlichen Herausforderungen bei Pflege und altersgerechtem Zusammenleben begegnen? Oder: Kann uns eine Sozialgenossenschaft helfen, die Qualifikation unserer Mitarbeiter und bestimmte Dienstleistungen zu organisieren? Insgesamt werden auch die Mittel knapper werden, die für soziale Dienstleistungen zur Verfügung stehen. Deshalb wird zu überlegen sein, wie man sich effizienter organisiert. Hier können die Sozialgenossenschaften einen wichtigen Beitrag leisten. Im laufenden Jahr haben wir beim GVB bereits vier Neugründungen zu verzeichnen. Hier möchte ich ausdrücklich das Engagement der bayerischen Sozialministerin Emilia Müller hervorheben, die Sozialgenossenschaften fördert und sich für Neugründungen stark macht.

GZ: Könnte es unter Umständen sogar lukrativ sein, sich an einem derartigen Modell zu beteiligen?

Dr. Gros: Ideell lukrativ ist das Modell in jedem Fall. Die Genossenschaft ist auf Selbsthilfe ausgerichtet. Ihre Anteilseigner tragen schließlich dazu bei, auch ihre eigene Zukunft zu gestalten. Insofern steht der Beitrag zur gesellschaftlichen Entwicklung oder Effizienzsteigerung und nicht der monetäre Aspekt im Vordergrund.

GZ: Können Sie eine neugegründete Sozialgenossenschaft benennen?

Dr. GrosEiner unserer Neuzugänge im laufenden Jahr ist die Lehmbau Manufaktur eG aus Augsburg. Sie ermöglicht Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen und Behinderungen den Wiedereinstieg in einen beruflichen Alltag. Dazu entwickelt, produziert und vertreibt die Genossenschaft hochwertige Produkte aus Lehm, wie Öfen, Urnen oder Schlaginstrumente. Ziel ist es, selbstverantwortlich und in Eigeninitiative Arbeit für die Genossenschaft und ihre Mitglieder zu schaffen. Die Lehmbau Manufaktur ist deutschlandweit die erste Genossenschaft dieser Art.

GZ: Wer ist Mitglied in einer Sozialgenossenschaft?

Dr. Gros: Betroffene, Angehörige, Engagierte im sozialen Umfeld und gesellschaftlich aktive Menschen. Wünschenswert wäre es, wenn sich Sozialverbände stärker als in der Vergangenheit engagieren würden, da ihnen das Modell Vernetzungsmöglichkeiten bietet. Das ist eben der große Vorteil einer Genossenschaft: Sie ist offen für jeden und jeder kann sich einbringen.

GZ: Und die Regionalbanken sind ohnehin nah am Kunden …

Dr. Gros: Alle Genossenschaften sind nah an ihren Kunden. Das gilt natürlich auch für die bayerischen Volksbanken und Raiffeisenbanken mit ihren rund 2.900 Geschäftsstellen. 53 Prozent der Menschen in Bayern sind Kunde einer Kreditgenossenschaft. Mit den Filialen vor Ort zeigen sie Präsenz und sind dicht am Kunden. Er allein entscheidet, wie wichtig ihm diese Präsenz ist, und wenn ihm künftig die digitale Nähe zu den Volksbanken und Raiffeisenbanken lieber ist, dann wird er sie bei den Genossenschaftsbanken auch finden.

GZ: Ihre Mitglieder sind sich also ihrer Wurzeln bewusst …

Dr. Gros: Die Volksbanken und Raiffeisenbanken kommen historisch gesehen aus der gesellschaftlichen Mitte, aus dem unternehmerischen Mittelstand und der Landwirtschaft. Dieses Bewusstsein ist in den Genossenschaftsbanken bis heute fest verankert. Die Volksbanken und Raiffeisenbanken sind die Mittelstandsbanken. Sie kennen und können das Mittelstandsgeschäft. Deshalb bin ich davon überzeugt, dass die bayerischen Kreditgenossenschaften ihren Marktanteil von rund 20 Prozent im mittelständischen Firmenkundengeschäft nicht als Ende der Fahnenstange betrachten.

GZ: Zum Schluss noch zu Ihrer Person, Herr Dr. Gros. Sie haben in ihrer neuen Funktion als Vorstand inzwischen Zeit gehabt, sich einzuleben. Sie kennen den Genossenschaftsverband seit vielen Jahren und waren dort bereits in leitenden Funktionen tätig. Wie hat sich die Zusammenarbeit an der Führungsspitze mit Ihrem Kollegen Dr. Alexander Büchel entwickelt? Wie sieht die Aufgabenverteilung aus?

Dr. Gros: Wir arbeiten als Team. Herr Büchel und ich bringen unterschiedliche Erfahrungen und Kenntnisse aus zusammen 25 Jahren GVB-Erfahrung mit in das Vorstandsamt. Das macht die Schlagkraft unseres Teams aus. Herr Büchel kümmert sich primär um die Prüfungsleistungen des Verbands sowie die Beratung der Waren- und Dienstleistungsgenossenschaften. Ich selbst bin schwerpunktmäßig für Interessenvertretung, Marketing und Vertrieb, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Steuer- und Rechtsberatung sowie unsere Bildungseinrichtungen verantwortlich. 

GZ: Herr Dr. Gros, vielen Dank für das Interview.

DK

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