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(GZ-10-2017)
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► 19. Münchner Tage für Nachhaltiges Landmanagement:
 
Attraktiv und lukrativ
 

Ideelle und finanzielle Wertschätzungen ländlicher Räume

Gleichwertige Arbeits- und Lebensbedingungen in allen Teilregionen sind in Bayern sogar in der Verfassung festgeschrieben. Doch während Metropolen als Motoren der Entwicklung eines Landes gelten, scheinen ländliche Räume oft wenig Kapital aus ihrer Attraktivität schlagen zu können. Gibt es also eine Schere ideeller und finanzieller Werte zwischen Stadt und Land? Wie lässt sich die Idee der Gerechtigkeit räumlich umsetzen? Welche Rolle spielen Selbstwertgefühl und Image? Mit diesen Fragen beschäftigten sich die diesjährigen Münchner Tage für Nachhaltiges Landmanagement.

1999 von Prof. Dr. Holger Magel als Münchner Tage der Boden-ordnung und Landentwicklung ins Leben gerufen, versteht sich die Veranstaltung als Fortbildungsangebot für Landes- und Kommunalpolitiker, Verwaltungs-angehörige, Planer im freien Beruf und Wissenschaftler. Die Münchner Tage sind eine Kooperationsveranstaltung des Förderkreises Bodenordnung und Landentwicklung e.V. des TUM-Lehrstuhls, der Bund-Länder-Arbeitsgemeinschaft ARGE Nachhaltige Landentwicklung und der Hanns-Seidel-Stiftung.

Neue Interpretationen von Gleichwertigkeit

Auf dem Podium diskutierten Theo Kötter, Professor an der Universität Bonn, die Regionalwissenschaftler Dr. Thomas Hartmann und Dr. Matthias Jehling, Gabriele Stark-Angermeier, stellvertretende Geschäftsführerin der  Caritaszentren München Stadt-Land und Walter Keilbart, Hauptgeschäftsführer der IHK Niederbayern, über neue Interpretationen von Gleichwertigkeit als politische Leitvorstellung. Dabei verwies Stark-Angermeier darauf, dass es häusliche Pflege auch in entlegenen Weilern braucht. Eigenleistung und Ehrenamt könnten nicht alles kompensieren. Hier müssten professionelle Lösungen und mobile Angebote gefunden werden, auch wenn sie sich nicht lukrativ betreiben lassen.

Image als Einflussgröße

Mit „Image und Selbstwertschätzung als Einflussgrößen“ befasste sich Dr. Olaf Heinrich, Bürgermeister von Freyung und niederbayerischer Bezirkstagspräsident. Am Beispiel der Bayerwald-Kreisstadt demonstrierte der Rathauschef, wie wichtig es ist, sich auf die Stärken und Kräfte vor Ort zu besinnen, statt rein auf Hilfe von außen zu setzen. Für ihn zählt auch Qualität vor Quantität. Ein weiterer Rat: Mit den Menschen reden und sie mit in Verantwortung nehmen, statt nur wählen lassen und den Erfolg mit allen feiern, die daran mitgewirkt haben. Heinrich: „Verbundenheit mit dem Ort ist ein Schlüssel für die Bereitschaft, sich einzusetzen und in etwas investieren zu wollen. Denn München ist schön. Aber wir sind anders!“

Die Dinge selbst in die Hand nehmen

Konkret hatte die Stadt Frey-ung von 1995 bis 2011 unter Einwohnerverlusten zu leiden, was sich sichtbar in zahlreichen leer stehenden Gebäuden ausdrückte. Bürgermeister Heinrich besuchte mit dem Stadtrat viele andere Gemeinden, um zu erfahren, wie diese mit der Situation umgegangen sind. „Uns war bald klar: Die Hoffnung, dass von außerhalb ein rettender Investor kommt, die wird sich nicht erfüllen. Wir müssen die Dinge selbst in die Hand nehmen und zeigen, dass wir etwas bewirken können.“ 

Aufbruchstimmung

Durch die Sanierung des Kirchplatzes, die Erneuerung des Stadtplatzes und zahlreiche Fassadenneugestaltungen wurden sichtbare Zeichen gesetzt, die für eine Aufbruchstimmung standen. „Inzwischen trauen wir uns auch etwas zu – so haben wir beschlossen, unseren historischen Stadel herzurichten und dort eine Volksmusikakademie zu etablieren. Früher hätten wir nur uns gefragt, ob sich ein solches Vorhaben wohl rechnen mag. Inzwischen wissen wir: Manches ist nicht allein mit Geld aufzurechnen. Denn eine so einmalige Einrichtung wird unseren Ort mit Leben füllen und weithin bekannt machen“, erklärte Heinrich. 

Modernes Mobilitätssystem

„Gleichwertige Lebensverhältnisse in ganz Bayern erfordern ein modernes Mobilitätssystem“, betonte Dr. Josef Wallner vom Bayerischen Bauindustrieverband, weshalb die Organisation das Projekt Bayern Mobilität 2030 gestartet habe. Eine mit Fachleuten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz besetzte Kommission nahm im Oktober 2016 die Arbeit mit ihrer Auftaktsitzung auf. In vier Sitzungen behandelte die Kommission die Themenkomplexe Landesweites Verkehrskonzept einschließlich Finanzierungsmodell, Personenverkehr, Gütertransport, Digitalisierung der Mobilitätssysteme, Bürgerbeteiligung und Bürgerdialog bei Verkehrsinfrastruktur- und Mobilitätsprojekten sowie Wege zu schnelleren Genehmigungsverfahren.

Projekt Modellregionen Bayern Mobilität

Publiziert werden die Empfehlungen der Unabhängigen Expertenkommission in der „Position Bayern Mobilität 2030“. Diese wird BBIV-Präsident Josef Geiger an Ministerpräsident Seehofer überreichen. Im Auftrag der Expertenkommission wird er dem Ministerpräsidenten den Vorschlag machen, die Bayerische Staatsregierung möge ein Projekt Modellregionen Bayern Mobilität 2030 initiieren.

Anschubfinanzierung

Das Bayerische Verkehrsminis-terium solle dann die bayerischen Städte und Gemeinden bzw. Regionen dazu auffordern, sich mit geeigneten Modellprojekten um die Teilnahme zu bewerben, so Wallner. Diese Projekte müssen einen engen Zusammenhang zu den Erkenntnissen der Expertenkommission haben und prinzipiell auch auf andere Räume übertragbar sein. Um die Modellprojekte auf den Weg zu bringen, sollte die Bayerische Staatsregierung dafür eine Anschubfinanzierung zusagen.

Die Modellprojekte sollen Wallner zufolge zusammen wi-derspiegeln, um was es Bayern Mobilität 2030 letztlich geht: um zukunftsfähige Mobilität für Menschen und ihre individuellen Ansprüche an gleichwertiges Arbeiten, Leben und Wohnen in allen Regionen Bayerns.

Bürgerbudget

Die Präsentation des Bürgerbudgets Bad Freienwalde (Oder) oblag im Anschluss Dennis Ferch vom Bürgerforum Kurstadt-Dialog. Nach seinen Ausführungen hat die Stadtverordnetenversammlung im Dezember 2016 die Satzung zum Bürgerbudget in Höhe von 25.000 Euro beschlossen. Maximal 5.000 Euro können für einen einzelnen Vorschlag vergeben werden. Dies bedeutet, dass die Bürgerinnen und Bürger der Stadt Bad Freienwalde (Oder) selbstständig und basisdemokratisch darüber entscheiden dürfen, wofür das Geld eingesetzt werden soll. Die Organisation und Durch-führung des Bürgerbudgets (Abstimmung) obliegt dem Bürgerforum Kurstadt-Dialog. Die Prüfung und Bewertung der eingereichten Vorschläge wird durch die Stadtverwaltung durchgeführt. 

Rückbesinnung auf Dorfkerne

Unter dem Slogan „Investieren lohnt sich“ bietet der Markt Stadtlauringen (Landkreis Schweinfurt) nach Angaben ihres 1. Bürgermeisters Friedel Heckenlauer allen, die in den zehn Ortsteilen vor allem alte Bausubstanz kaufen und/oder sanieren wollen, ein umfassendes Förderprogramm, bestehend aus insgesamt sechs Fördertöpfen an: Ein kommunales Förderprogramm, die Förderung von historischen Hoftoranlagen, Zuwendungen im Rahmen der Denkmalförderung, Privatmaßnahmen in der Dorferneuerung, steuerliche Vorteile im Sanierungsgebiet sowie ein lukratives Förderprogramm für Investitionen zur Innenentwicklung. Wer beispielsweise eine Bau-lücke in einem der Altorte schließt, kann hier mit zehn Prozent Förderung, maximal 10.000 Euro rechnen. Bei Eigennutzung gibt es für Kinder noch Geld obendrauf.

„Die Botschaft ist Innen- statt Außenentwicklung“, betonte der Rathauschef und sprach in diesem Zusammenhang von einer Rückbesinnung auf die Dorfkerne statt neuer Baugebiete.

DK

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