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(GZ-4-2017)
Kommunale Praxis
► Publikation des Deutschen Städtetags:
 
Flüchtlingsintegration passiert vor Ort  
 

Praxisbeispiele aus bayerischen Städten – Teil 2

Integration kostet Zeit und braucht ausreichende Ressourcen, betonte der Deutsche Städtetag in Berlin bei der Präsentation der Broschüre „Flüchtlinge vor Ort in die Gesellschaft integrieren – Anforderungen für Kommunen und Lösungsansätze“. Begleitend zur Publikation hat der Kommunalverband eine Reihe von Beispielen, darunter eine Vielzahl aus Bayern, veröffentlicht. Die Liste wird ständig erweitert.

Beispiel Gräfelfing: Das „Gräfelfinger Leben“ ist ein neues Bürgerjournal der Gemeinde mit buntem Info-Mix. Im Mittelpunkt der ersten Ausgabe steht unter anderem die Situation der Flüchtlinge und Ankunft im Alltag. Dabei geht es um die Themen Schule und Bildung, Arbeitsmarktintegration, Sprachunterricht und Freizeit. Vorgestellt werden auch ehrenamtliche Initiativen und Unternehmen, die dazu beitragen, dass Integration gelingt. Der Themenmix aus den Bereichen Kultur, Vereine, Bauprojekte, Umwelt oder Soziales stellt die Menschen in den Vordergrund.

Beispiel Bayreuth: Ausbildung und Arbeit sind zentrale Bestandteile der Integration. Doch einem Berufsstart stehen trotz hoher Motivation oft noch unzureichende Sprachkenntnisse und Qualifikationen entgegen. Mit einer schrittweisen Annäherung zwischen verschiedenen Welten und dem Ziel eines Ausbildungsplatzes bietet die Kooperation der Stadt Bayreuth mit der Technischen Berufsbildung Bayreuth GmbH (TBB) und der Firma Schlaeger Kunststofftechnik GmbH geflüchteten Jugendliche einen gestuften Ausbildungszugang.

Einzelgespräche

Um zu sehen, wer an einer Ausbildung zum Verfahrensmechaniker interessiert und auch dafür geeignet ist, finden zunächst Einzelgespräche zwischen den Jugendlichen, dem Berufsschullehrer und den Betreuern der VHS statt. Rund 20 Kandidaten werden dann zur TBB eingeladen, wo sie einen Einstellungstest in deutscher Sprache absolvieren und sich in den Werkstätten informieren.

Wer diese ersten Schritte erfolgreich absolviert, erhält die Möglichkeit auf einwöchige Praktika bei der TBB. Wer auch dort motiviert mitarbeitet, bekommt eine Chance für mehrmonatige Praktika bei der Firma Schlaeger. Auch in weiteren Verbundfirmen der TBB sollen künftig über dieses Modell Praktika angeboten werden.

Das Netzwerk hinter diesem Projekt ist groß: Neben den Ausbildungsleitern sind die Berufsschulen, die Volkshochschule sowie Vertreter der Kammern, der Wirtschaftsförderung der Stadt und die Arbeitsagentur mit an Bord.

Baum der Integration

Darüber hinaus hat die Stadt Bayreuth auf dem Gelände der Landesgartenschau einen Baum der Integration als Platz für künftige interkulturelle Veranstaltungen und Treffen gepflanzt. Dort ließ das Bayreuther Kunstmuseum mit einer Kunstaktion viele neu nach Bayreuth gekommene Menschen mit ihren Namen und Herkunftsländern sichtbar werden. Das Hinweisschild am Integrationsbaum wurde von der Metallbauerklasse und Flüchtlingsklasse der Berufsschule I gemeinsam im Rahmen des „kompetenzorientierten Unterrichts“ angefertigt.

Beispiel Erlangen: Die Wirtschaftsförderung der Stadt Erlangen ist schon seit 15 Jahren in der Arbeits- bzw. Ausbildungsmarktförderung aktiv. Mit der Gründung des Vereins Jugend, Arbeit, Zukunft (JAZ) wurde ein Instrument geschaffen, mit dem sowohl die quantitative als auch die qualitative Seite des Ausbildungsmarktes „bearbeitet“ werden kann. Dabei stellen Übergangs-Klassen eine der wichtigsten Integrationsmaßnahmen für junge Zuwanderer, Flüchtlingskinder und Kinder aus „Arbeitsmigranten“-Familien dar.

Angeboten werden Betriebsbesichtigungen, Workshops zur Kompetenzfeststellung und -entwicklung sowie Unterstützung bei der Erstellung aussagekräftiger Bewerbungsunterlagen. Die Vor- und Nachbereitung von Schulpraktika in den 8. und 9. Jahrgangsstufen ist ein wichtiger Baustein der beruflichen Orientierung und bedarf daher besonderer Sorgfalt. Rückmeldegespräche mit Unternehmen und Schülern geben dabei Aufschluss über die Optimierung von Rahmenbedingungen und Prozessen.

Standortbestimmung und Zielvereinbarung

Neben Aktivitäten mit den Klassen finden zahlreiche Einzelgespräche zur „Standortbestimmung“ und „Zielvereinbarung“ statt. Dies umso häufiger, je näher sich die Schülerinnen und Schüler am Ausbildungsmarkt befinden. Dabei geht es auch um die Entwicklung von Perspektiven, Bildungs- und Ausbildungswegen. Die Unterstützungsleistung erhält der Jugendliche auch nachdem er aus der Schule entlassen wurde.

Die Stadt Erlangen sieht zudem die Notwendigkeit des schnellen und sicheren Datenaustausches zwischen den zentralen Akteuren. Durch die Etablierung einer gemeinsamen Datenbank soll dieses Ziel erreicht werden, so dass die zur Aufgabenerfüllung notwenigen Daten zwischen den sowohl öffentlichen als auch nicht öffentlichen Stellen sicher und schnell getauscht werden können. Die zuständigen Stellen pflegen Daten der Kunden ein und sehen gleichzeitig die eingetragenen Daten anderer Stellen, so dass man sehen kann, in welcher Stufe der Integration der Kunde ist.
Zugang zur Datenbank

Folgende Institutionen werden zu der Datenbank Zugang haben und Daten einpflegen: Agentur für Arbeit, Bildungsclearing der Volkshochschule, Deutschkurs-koordination Volkshochschule, Flüchtlingsbetreuung des Jobcenters, Migrationsberatung, Ausländerbehörde, Berufsschule, Jobcenter/GGFA und Koordinationsstelle des Referates für Soziales der Stadt Erlangen.

Beispiel München: In den städtischen Kindertageseinrichtungen in München werden die alltagsintegrierte Sprachförderung, verbunden mit zusätzlichen gezielten Angeboten zur Sprachentwicklung sowie eine hohe Qualifizierung des Fachpersonals bezüglich interkultureller Pädagogik und sprachlicher Bildung als Grundvoraussetzungen für die stetig steigenden Herausforderungen in der Elementarbildung betrachtet. Hierzu gehören aktuell auch die Anforderungen an Fachkräfte durch die Aufnahme von Kindern aus Familien mit Fluchterfahrung.

Zudem hat die Landeshauptstadt ein Konzept von aufeinander aufbauenden Projekten zur Unterstützung von Flüchtlingen bei der Integration in Beruf und Ausbildung sowie bei der Feststellung und dem Ausbau von Qualifikationen entwickelt. Hierzu gehören zum Beispiel „FIBA – Flüchtlinge in Beruf und Ausbildung“, die Servicestelle zur Erschließung ausländischer Qualifikationen und das Netzwerk Integration durch Qualifizierung (IQ)-MigraNet.

Beratungsstelle

Das Amt für Wohnen und Migration koordiniert das Netzwerk „FIBA 2 – Flüchtlinge in Beruf und Ausbildung, Ostbayern“, einen Zusammenschluss von acht Trägern in München und in der Region Ostbayern. Gefördert wird das Netzwerk durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales und den Europäischen Sozialfond. Zu den geförderten Projekten gehören z.B. eine Beratungsstelle im Amt für Wohnen und Migration und im Jobcenter München sowie ein Projekt beim Trägerkreis Junge Flüchtlinge e.V..

Ziel des Bundesprogramms ist es, Bleibeberechtigte und Flüchtlinge mit Arbeitsmarktzugang dabei zu unterstützen, eine dauerhafte Beschäftigung zu finden und ihren Lebensunterhalt eigenständig zu erwirtschaften. Dies erfolgt durch drei Bausteine: Beratung von Flüchtlingen, Vermittlung in Arbeit und Ausbildung sowie Sensibilisierung von Behörden und Arbeitgebern in Schulungen und Fachveranstaltungen zu den rechtlichen Voraussetzungen des Arbeitsmarktzugangs und den vorhandene Bildungsangeboten.

Qualifizierung

Die Servicestelle zur Erschließung ausländischer Qualifikationen wiederum ist eine Beratungseinrichtung, die Migrantinnen und Migranten auf dem Weg zur beruflichen Anerkennung ihrer ausländischen Qualifikation Beratung anbietet und sie im Anerkennungsverfahren unterstützt. Dadurch lassen sich Ressourcen für den Arbeitsmarkt zur Sicherung des Fachkräftebedarfs erschließen sowie die Arbeitsmarktchancen für Menschen mit ausländischen Qualifikationen verbessern. Alle relevanten Informationen zum Anerkennungsverfahren werden vermittelt. Liegen bereits Bescheide vor, werden diese erläutert und die verschiedenen Handlungsmöglichkeiten und Wege aufgezeigt. Außerdem initiiert die Servicestelle zur Erschließung ausländischer Qualifikationen gemeinsam mit Hochschulen, Fachakademien und anderen Institutionen Anpassungsqualifizierungen, berufsbezogene Deutschkursangebote und Brücken-maßnahmen, die den Einstieg als Fachkraft in den Arbeitsmarkt erleichtern. Unterstützt wird dies auch durch ein Mentoring-Partnerschaftsprojekt in Kooperation mit Unternehmen.

Die Servicestelle zur Erschließung ausländischer Qualifikationen ist im Netzwerk „Integration durch Qualifizierung“ (IQ) zuständig für die regionale Koordination von MigraNet in München. Im Rahmen dieser Netzwerkarbeit wurde das städtische Beratungsangebot mit einem Handlungsschwerpunkt „Qualifizierung von Migrantinnen und Migranten im Kontext des Anerkennungsgesetzes“ verknüpft.

Damit stehen seit 2015 den Anerkennungssuchenden eine Vielzahl weiterer Anpassungs- und Brückenmaßnahmen zur Verfügung. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Kooperation mit Unternehmen und deren Sensibilisierung und Beratung für die Beschäftigung von Menschen mit ausländischen Qualifikationen und insbesondere auch für Beschäftigung von Geflüchteten. Das Netzwerk wird durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales und durch Mittel aus dem Europäischen Sozialfond gefördert.

„Wohnen für Alle“

Ambitioniert ist auch „Wohnen für Alle“, ein städtisches Projekt zur Schaffung zusätzlicher Wohnungen vor allem für Familien mit geringem Einkommen, für Auszubildende und junge Berufstätige sowie für anerkannte Flüchtlinge. Die Landeshauptstadt München begegnet damit aktiv dem rasant steigenden Bedarf an gefördertem Wohnraum für einkommensschwache Gruppen. Insgesamt sollen bis 2019 circa 3.000 neue Wohneinheiten entstehen - zusätzlich zu den im Rahmen der wohnungspolitischen Handlungsprogramme ohnehin bereits geplanten Fertigstellungen.

Münchner Mischung

Kern des Programms ist das Prinzip der Münchner Mischung: Die einzelnen Wohnungsbauprojekte werden dezentral und integrierend über das Stadtgebiet verteilt auf städtischen und privaten Flächen verwirklicht. Die dadurch entstehenden geförderten Wohnungen werden allen berechtigten Haushalten verschiedener Einkommensstufen zu Gute kommen, die es auf dem hochpreisigen Münchner Wohnungsmarkt besonders schwer haben.

Neben den städtischen Wohnungsbaugesellschaften ist auch die private Wohnungswirtschaft ausdrücklich angesprochen, sich als Träger an diesem Programm zu beteiligen. Durch private Investoren sollen mindestens 1.500, d.h. die Hälfte der geplanten Wohneinheiten, errichtet werden. Für die Finanzierung des Projekts stellt die Landeshauptstadt München zusätzlich zu den staatlichen Wohnraumfördermitteln, die zuletzt durch den „Wohnungspakt Bayern“ deutlich aufgestockt wurden, städtische Wohnraumfördermittel in Form von Darlehen in Höhe von 188,4 Millionen Euro zur Verfügung, davon 53,4 Millionen Euro für die städtischen Wohnungsbaugesellschaften und 135 Millionen Euro für die private Wohnungswirtschaft.

Weitere Vernetzung

Ziel des Projekts „Willkommen in München“ ist schließlich wiederum die Vernetzung der einzelnen Einrichtungen zur Inobhutnahme von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen mit den Regelangeboten der Jugendhilfe im Sozialraum. Vor allem werden Freizeitgestaltung und die Unterstützung tagesstrukturierender Maßnahmen angeboten.

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