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(GZ-3-2019)
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► Das Schwimmbad der Stadtwerke Rödental kommt fast komplett ohne Chlor aus:

 

„Technologischer Quantensprung“

 

Mit ihrer innovativen Filtertechnik schlagen die Stadtwerke Rödental drei Fliegen mit einer Klappe: Der Filter aus Hightech-Keramik, der seit Herbst 2012 das Badewasser reinigt, spart Energie, Chlor und Wartung. „Er stellt einen technologischen Sprung dar“, schwärmt Michael Eckardt, Leiter der Stadtwerke von Rödental, einer 14.000-Einwohner-Kommune im oberfränkischen Landkreis Coburg. Das gesamte Badewasser wird in nur zwei Stunden auf sanfte Weise „erneuert“.

In einem Schwimmbad tummeln sich die unterschiedlichsten Charaktere. Nicht jeder Besucher ist so reinlich, dass er sich vor dem Schwimmen duscht. Um das, was „Schmutzfinke“ eintragen, in den Griff zu bekommen, wird das Rödentaler Badewasser noch minimal gechlort. Doch die Menge ist im Vergleich zu früher vernachlässigbar. Ansonsten werden Hautschuppen, Haare und Bakterie durch die Mikroporen des High-Tech-Filters aus Sinterkeramik beseitigt. Via Druckverlustmessung kann festgestellt werden, wann der Filter voll ist. Eckardt: „Dann wird die Filterung kurz unterbrochen, die Filterkammer abgesperrt und der Filter durch einen Sprühstoß ausgespült.“

Pro Jahr hat das Rödentaler Schwimmbad 80.000 Besucher – was viel ist für eine so kleine Stadt. In dem Bad lernen Schulkinder schwimmen, Sportvereine trainieren, vor allem aber nutzen Senioren das Bad. Am Tag des Filtereinbaus sprang eine Truppe von Mitarbeitern jener Firma ins Becken, die das High-Tech-Produkt aus Spezialkeramik fabriziert hat. An diesem ersten Tag, so Eckhardt, bestand die innovative Technik bereits ihre Bewährungsprobe: „Der Badewasserfilter kam bei uns deutschlandweit erstmals zum Einsatz.“ Und zwar mit ausgezeichnetem Erfolg.

Mutige Maßnahme

Ein Anlass für die mutige Maßnahme der Stadtwerke war laut dem Umweltingenieur eine vom Umweltbundesamt veröffentlichte Studie, wonach die Zerfallsprodukte von Chlor im Badewasser im Verdacht stehen, bei Kleinkindern Allergien und Asthma auszulösen. Abgesehen davon sei die „Chloratmosphäre“ in Schwimmbädern prinzipiell unangenehm: „Bei uns haben die Badegäste nun das Gefühl, einfach nur im warmen Wasser zu schwimmen.“ Die minimalen Chlormengen, die in Rödental noch angewendet werden, reagieren nicht, sie schwimmen einfach im Wasser herum: „Chlorgeruch bleibt aus, denn Chlor riecht nur, wenn es zur Reaktion kommt.“

Unfallgefahr gebannt

Dass der alternative Filter in puncto Hygiene über jeden Zweifel erhaben ist, bewiesen etliche Untersuchungen. Aber auch die Sicherheit wurde erhöht, so Eckardt: „Denn wir brauchen keine Chlorgasflaschen mehr.“ Chlorgasflaschen stellen immer ein Risiko dar. Oft kommt es zu Unfällen – mit teilweise gravierenden Auswirkungen. So starb vor drei Jahren eine Seniorin bei einem Chlorgasunfall in einem Hotel im niederbayerischen Bad Füssing. Vor einem Jahr mobilisierte ausgetretenes Chlorgas im Passauer Erlebnisbad ein Großaufgebot an Feuerwehr und Rettungskräften. Überdruck in einer Gasflasche hatte damals zum Gasaustritt geführt.

In Rödental betrat man mit dem High-Tech-Filter nicht zum ersten Mal einen neuen Weg. Die von Eckardt geleiteten Stadtwerke suchen stets nach Optimierungsmöglichkeiten. Dafür allerdings, so der Werksleiter, braucht es Mitstreiter. Im Falle der Filtertechnik war das Coburger Gesundheitsamt von großer Bedeutung: „Dort hat man unser Vorhaben begrüßt.“ Der damalige Hygieneinspekteur, ebenfalls Umweltingenieur, hatte erkannt, das es sich bei dem neuen Filter um einen technologischen Quantensprung handelt.

In der Vergangenheit benötigte das Rödentaler Bad im Übrigen auch viel mehr Energie als heute: Im Vergleich zu 2009 werden jährlich 100.000 Euro allein an Ausgaben für Wärme gespart. Das liegt an einer energetischen Sanierungsmaßnahme, die 2010 und 2011 realisiert wurde. „Als sie bereits beendet war, informierte uns die lokale Firma über ihre neuen Keramikfilter“, berichtet Eckardt. Das Bad wurde daraufhin noch mal für neun Monate geschlossen, um die neue verfahrenstechnische Anlage zu planen, einzubauen und zu testen.

Für den Stadtwerkschef ist ein Schwimmbad unabdingbar für eine Kommune von der Größe Rödentals. Obwohl die Einrichtung viel kostet: „Vor zehn Jahren hatten auch wir uns aus finanziellen Gründen auch die Sinnfrage gestellt.“ Sollte man sich den Luxus eines eigenen Bads weiterhin leisten? Das Investitionsprogramm, das die Bundesregierung angesichts der Wirtschaftskrise vor zehn Jahren auflegte, um die heimische Wirtschaft zu stützen, gab den Ausschlag dafür, das 1972 errichtete Bad zu sanieren. Vier Millionen Euro flossen in das Projekt.

„Monsterthema“ Klimaschutz

Die Umweltbilanz weiter zu verbessern, gehört nach wie vor zu Eckardts täglichen Aufgaben. „Unser Monsterthema ist der Klimaschutz“, sagt der experimentierfreudige Werksleiter: „Wir müssen uns die Erde freundlich gewogen halten, das ist wichtiger als alles andere.“ Da müssten auch die kleinen Stadtwerke im Freistaat ran und “Regsamkeit“ entwickeln: „Und zwar gerade wir kleinen, denn wir sind sehr viele.“

Außerhalb Rödentals schätzt man, was in dem kleinen Stadtwerk passiert. Michael Eckardt wird ständig eingeladen, Vorträge über die Zukunftspläne seines Werks zu halten. Wohin sich die Stadtwerke in Zeiten der Energiewende entwickeln wollen, ist in einem Strategiepapier „2040“ festgehalten. Demnach bereiten sich die Stadtwerke unter anderem auf neue Vermarktungsmodelle mit Hilfe der Block Chain vor. „Wir wollen in Zukunft eine Plattform in unserem Netz zur Verfügung stellen, über die der Nachbar seinen lokalen Strom dem anderen Nachbar anbieten, verkaufen und abrechnen kann“, heißt es in dem Papier. Das gehe im „Internet of Things“ in Echtzeit.

Pat Christ

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